Iva Ikuko Toguri D’Aquino (* 4. Juli 1916 in Los Angeles, Kalifornien; † 26. September 2006 in Chicago, Illinois) war eine japanischstämmige Amerikanerin, die während des Pazifikkriegs im Zweiten Weltkrieg in Japan unter dem Pseudonym Orphan Ann bei Radio Tokyo (NHK) in der Sendung The Zero Hour als Musikmoderatorin engagiert war. Diese Sendung war Bestandteil der japanischen Rundfunkpropaganda.
Ikuko Toguri wuchs als Tochter des japanischen Immigranten Jun Toguri, der 1899 in die USA einreiste, und dessen Frau in einer Methodistenfamilie auf. Während ihrer Schulzeit in Calexico und San Diego legte sie sich den Namen Iva zu und begann, Klavierunterricht zu nehmen. Die High School und das College besuchte sie in Los Angeles. Iva Ikuko Toguri war bekennende Republikanerin und an ihren Schulen als loyale Amerikanerin bekannt.
Um ein Medizinstudium aufzunehmen, ging sie auf die University of California, Los Angeles (UCLA). Dort graduierte sie Anfang 1940 in Zoologie.
Zu Beginn des Jahres 1941 erfuhr die Familie Toguri, dass eine in Japan lebende Verwandte sehr krank war, woraufhin Iva Ikuko Toguri kurzfristig beschloss, diese zu besuchen. In der kurzen Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes konnte von den Behörden kein Reisepass ausgestellt werden, so dass sie lediglich ein Identifikationszertifikat ausgehändigt bekam, das sie nach Japan und zurück bringen sollte. Als Beruf ließ Iva Ikuko Toguri „angehende Medizinstudentin“ eintragen. Die Überfahrt an Bord der Arabia Maru begann am 5. Juli 1941, einen Tag nach ihrem 25. Geburtstag.
Im November 1941 wollte Iva Ikuko Toguri ihren Japanaufenthalt beenden und wieder nach Hause zurückkehren, doch ihr Identifikationszertifikat reichte den Amerikanern nicht als Beweis zur Feststellung ihrer amerikanischen Nationalität. Daher befand sie sich beim Ausbruch des Pazifikkriegs am 7. Dezember 1941 immer noch in Japan.
Nun begannen für sie die Probleme mit den japanischen Behörden, die von ihr verlangten, die amerikanische Staatsbürgerschaft abzulegen und im Gegenzug die japanische anzunehmen. Als sie dies ablehnte, wurde Iva Ikuko Toguri angedroht, sie zu internieren, was aber in Anbetracht ihrer japanischen Herkunft zuerst einmal nicht geschah. Doch ihre pro-amerikanischen Ansichten veranlassten Nachbarn, ihren Onkel zu überreden, den Feind unter seinem Dach zum Ausziehen zu bewegen. Daher suchte sie sich eine eigene kleine Wohnung, in der sie Klavierstunden gab, um die Gebühren für ihren Japanischkurs bezahlen zu können. Zusätzlich arbeitete sie als Schreibkraft und übersetzte für die Nachrichtenagentur Domei englische Texte. Dort sah sie auch die Namen ihrer Familie auf einer Liste des amerikanischen Internierungslagers Gila River Relocation Center in Arizona. In der Agentur freundete sie sich mit Felipe D’Aquino an, einem japanischstämmigen Portugiesen, der ihre Ansichten über den Krieg teilte.
Als sie eines Tages nach Hause zurückkehrte, fand sie die komplette Wohnungseinrichtung auf der Straße. Ihre Wohnung war von der japanischen Geheimpolizei Kempeitai durchsucht worden. Wiederum wurde ihr die Internierung angedroht.
Kurz darauf kam sie in ein Krankenhaus und musste wegen Unterernährung, Pellagra und Beriberi behandelt werden, da sie kaum Geld besaß, um sich vernünftig zu ernähren. Damit sie die dadurch angefallenen Kosten begleichen konnte, lieh sie sich bei ihrem Freund Felipe D’Aquino und ihrer Vermieterin Geld. Um dies zurückzahlen zu können, nahm sie eine zusätzliche Beschäftigung als Schreibkraft bei Radio Tokyo an.
Auch hier bestand ihre Aufgabe im Übersetzen amerikanischer Nachrichtentexte. Während dieser Arbeit machte sie Bekanntschaft mit dem australischen Major Charles Cousens, der früher ein bekannter Sprecher bei Radio Sydney gewesen war. Mit seinen Mitarbeitern, dem amerikanischen Captain Wallace Ince und dem philippinischen Lieutenant Normando Reyes, die beide auf Corregidor von den Japanern gefangen genommen wurden, arbeiteten alle drei als Kriegsgefangene bei Radio Tokyo.
Obwohl sie Iva Ikuko Toguris pro-amerikanische Einstellung teilten, hielten die Männer sie zuerst für eine Spionin der Kempeitai. Nach einigen Monaten, während derer sie ihnen Lebensmittel und Medizin zukommen ließ, begannen sie jedoch, ihr zu vertrauen.
Der japanische Major Shigetsugu Tsuneishi ersann für die psychologische Kriegführung im Jahr 1943 die Radiosendung The Zero Hour (dt.: Die Stunde Null), für die er englischsprachige Moderatoren einsetzte. Diese sollten mit schlechten Nachrichten aus der Heimat, wie beispielsweise Überflutungen, Waldbränden, Verkehrsunfällen und ähnlichem, die Moral der kämpfenden Amerikaner im Pazifik untergraben. Dazu sollte bekannte amerikanische Musik gespielt werden, um dem Faktor Heimweh Rechnung zu tragen. Als Sprecher setzte er Major Cousens, Captain Ince und Lieutenant Reyes ein.
Cousens, Ince und Reyes ihrerseits versuchten, die japanischen Absichten zu unterlaufen. Mittels versteckter Andeutungen, Doppeldeutigkeiten und Sarkasmus sowie hastig gelesener Nachrichten sollte das Programm ad absurdum geführt werden. Doch als die japanischen Beobachter zu aufmerksam wurden, begannen sie die Texte so zu lesen und zu intonieren, als würden sie mit Waffengewalt zum Verlesen gezwungen.
Ende 1943 sollte die Länge der Sendungen von 45 auf 75 Minuten erweitert werden. Shigetsugu Tsuneishi wollte dazu Sprecherinnen integrieren. Cousens machte ihm den Vorschlag, Iva Ikuko Toguri zu fragen, ob sie als eine der Sprecherinnen arbeiten wolle. Sein Hintergedanke war, mit ihrer nicht ausgebildeten Stimme und dem nicht überragenden Englisch aus der Sendung nun endgültig eine absolute Burleske zu machen.
Iva Ikuko Toguri stimmte zu und moderierte zuerst anonym. Als die Japaner aber auf einem Namen bestanden, da alle anderen Sprecher/-innen ebenfalls namentlich über den Sender gingen, nannte sie sich Ann, nach der Abkürzung für Announcer, die vor dem Text in ihren Skripten stand. Cousens sah in dem Namen eine weitere Möglichkeit zur Persiflierung und erweiterte ihn auf Orphan Ann („Ann, die Waise“), basierend auf der amerikanischen Radiofigur Little Orphan Annie, und er ließ Iva Ikuko Toguri ihre Ansagen mit der Phrase Orphans of the Pacific („Waisen des Pazifiks“) beginnen. Damit sollte der humorvolle Bogen zwischen den zuhörenden GIs und den Moderatoren gespannt werden.
Nachdem Major Cousens einen Herzinfarkt erlitten hatte und in ein Krankenhaus eingeliefert worden war, übernahm Iva Ikuko Toguri das Schreiben der Skripte und versuchte, möglichst nah an seine flippige Schreibweise heranzukommen. Auch ihre anderen beiden Kollegen waren bald nicht mehr bei ihr. Ince wurde wegen Insubordination aus dem Programm gestrichen und Reyes wurde freigelassen, da die Philippinen nach der Besetzung nun offiziell zu Japan gehörten. Da das Zero-Hour-Programm aber in den Augen der Propagandisten ein zu großer Erfolg war, musste es weitergeführt werden. Weitere Sprecherinnen wurden engagiert, die alle unter einem anderen Pseudonym bekannt waren. Bei den Alliierten bürgerte sich alsbald der Sammelbegriff Tokyo Rose ein, der jedoch nie von einem der Moderatoren oder einer der Sprecherinnen während des Programms genannt worden war.
Kurz vor Kriegsende konvertierte Iva Ikuko Toguri zum katholischen Glauben und heiratete ihren Freund Felipe D’Aquino. Da zu der Zeit die Amerikaner von China und Okinawa aus die japanischen Inseln mit Bombern angriffen, endete die Hochzeitsfeier mit einem Fliegeralarm.
Als der Tennō in der Gyokuon-hōsō am 15. August 1945 die Kapitulation Japans bekannt gab, plante Iva Ikuko Toguri D’Aquino, mit ihrem Mann in die USA zurückzukehren.
Am 30. August 1945 landete das Flugzeug mit General Douglas MacArthur in Japan. Ihn begleiteten dutzende Militär- und Zivilreporter, die sich diesen historischen Augenblick nicht entgehen lassen wollten. Unter ihnen befanden sich auch Clark Lee von INS und Harry Brundidge vom Cosmopolitan. Beide hatten sich zusammengetan, um die in Japan wohl begehrtesten Personen für ein Interview zu gewinnen: Hideki Tojo und Tokyo Rose. Ersterer war einfach zu finden, da er unter Hausarrest in Tokyo stand, aber Tokyo Rose war ein Phantom.