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Isaiah Berlin

Britisch-jüdisch-russischer politischer Philosoph und Ideengeschichtler (1909–1997)

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Sir Isaiah Berlin (* 6. Juni 1909 in Riga, Russisches Kaiserreich; † 5. November 1997 in Oxford) war ein russisch-britischer politischer Philosoph und Ideengeschichtler jüdischer Abstammung, der als Professor an der University of Oxford lehrte.

Berlin war seit Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem durch seine Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit bekannt geworden. Seit den 1980er und 1990er Jahren konzentriert sich das Interesse an ihm dann vor allem auf sein Konzept eines Wertepluralismus im Verhältnis zum Liberalismus. Zusammen mit dem US-amerikanischen Philosophen John Rawls war er der einflussreichste Denker des Liberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Berlin wurde durch die russische Februarrevolution und die Oktoberrevolution geprägt, die er beide vor Ort miterlebte: sie begründeten seinen tiefen Skeptizismus gegen Gewalt und dogmatischen Idealismus als Mittel zur Erlangung politischer Ziele. Ein späterer Besuch in Leningrad 1945 überzeugte ihn von der Unmenschlichkeit des sowjetischen Systems. Intellektuell prägte ihn der in Oxford in seiner Jugend vorherrschende, vom Wiener Kreis beeinflusste logische Empirismus (Alfred Jules Ayer), von dem er sich aber bald abwandte. Denker, auf die er sich oft bezog, waren Alexander Herzen, John Stuart Mill und Immanuel Kant. Berlin beschäftigte sich eingehend mit den häufig romantisch beeinflussten Gegnern der Aufklärung, deren meist vorhandenen Monismus er ablehnte; jedoch schätzte er sie – sich selbst eher zu den Aufklärern zählend – als wichtige Kritiker von Schwachpunkten der Aufklärungsdoktrin. Sein Denken wurde auch von Johann Gottfried Herder beeinflusst, der über Vielfalt und Pluralität reflektierte.

Isaiah Berlin wurde als Sohn einer reichen Holzhändlerfamilie in der damals russischen Stadt Riga geboren. Er war ein Einzelkind, das geboren wurde, als seinen Eltern bereits ärztlich attestiert worden war, sie könnten keine Kinder mehr bekommen. Er selbst sagte, er sei in seiner Kindheit hemmungslos verwöhnt worden. Die Familie war aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung von sämtlichen diskriminierenden Gesetzen, denen Juden im zaristischen Russland unterworfen waren, ausgenommen. Die vorwiegende Umgangssprache in seinem Elternhaus war Russisch; es wurde aber auch Deutsch gesprochen.

Als Berlin fünf Jahre alt war, brach der Erste Weltkrieg aus. Die Lage für die Juden in Riga wurde zunehmend schwierig. Sie selbst orientierten sich kulturell nach Deutschland, waren jedoch russische Staatsbürger. Als ein Großteil des gelagerten Holzes in Mendel Berlins Lager verbrannte, beschuldigte dieser den deutschen Eigentümer des Lagergeländes der Sabotage. Der Deutsche zeigte daraufhin Mendel Berlin umgehend wegen Versicherungsbetruges an: Berlin habe das Lager selbst in Brand gesteckt. Die Familie verließ die Stadt auch wegen der herannahenden Front und zog über Umwege nach Petrograd.

In der damaligen russischen Hauptstadt erlebte Berlin die Februar- und Oktoberrevolution. Obwohl das Unternehmen seines Vaters den Umbruch wirtschaftlich gut überlebte und Mendel Berlin zudem Angestellter in der Holzbeschaffung für die russische Eisenbahn wurde, waren häufige Besuche der Geheimpolizei an der Tagesordnung. Nach Berlins Aussage brauchte sein Vater auch nach dem Umzug nach England noch ein Jahr, um nicht beim Geräusch eines Fahrzeugs, das in der Nähe des Hauses hielt, angstvoll aus dem Fenster zu spähen und sich zu vergewissern, dass es nicht zur Tscheka gehörte.

Die Berlins zogen zurück nach Riga, wo sie sich im inzwischen unabhängigen Lettland sicherer vor Verfolgung wähnten. Dort allerdings wurden sie Opfer antisemitischer Schikanen durch einzelne Verwaltungsbehörden. Bereits auf dem Weg nach Riga mussten die Berlins jeden Verwaltungsakt, der ethnischen Letten selbstverständlich offenstand, mit Schmiergeldern bezahlen. Schließlich beschlossen sie, nach London zu ziehen, wo Mendel Berlin noch aus der Vorkriegszeit umfangreiche geschäftliche Verbindungen besaß.

Berlin besuchte in Russland keine Schule regelmäßig. Bis zum Umzug nach England bildete er sich größtenteils durch intensive Benutzung der Bibliotheken von Eltern und Verwandten.

1919 traf die Familie in London ein. Aufgrund seiner geschäftlichen Kontakte in London hatte Mendel Berlin Zugriff auf Geldmittel im Land und konnte in kurzer Zeit sein Geschäft wieder aufbauen. Isaiah identifizierte sich mit den Werten der britischen Gesellschaft. Großbritannien wurde für ihn zum Sinnbild für Zivilisation und Toleranz.

Er besuchte die altehrwürdige St Paul’s School in London und begann in Oxford am Corpus Christi College ein geisteswissenschaftliches Studium, das die sogenannten Greats umfasste (Alte Sprachen, Geschichte der Antike und Philosophie). Nach seinem Abschluss absolvierte er zusätzlich den politikwissenschaftlich orientierten Studiengang Philosophy, Politics and Economics. Nachdem er erst Tutor am New College gewesen war, wurde er 1932 der erste jüdische Fellow des All Souls College der University of Oxford. An der Universität Oxford arbeiteten damals nur drei Juden. Innerhalb der britischen jüdischen Gemeinschaft sorgte dies für Aufsehen. Er hatte danach regelmäßig Umgang mit den gesellschaftlichen Eliten der Gemeinschaft. Gleich nach seiner Ernennung lud ihn Baron Rothschild auf ein Wochenende ein.

Seine erste Veröffentlichung war ein Buch über die politischen und philosophischen Ideen von Karl Marx. Es enthielt auch biographische Elemente. Positiv, aber ohne großen Enthusiasmus aufgenommen, attestierte ihm selbst der kommunistische Daily Worker, dass es immerhin kenntnisreicher geschrieben sei als die üblichen bourgeoisen Verleumdungen. Das Werk sollte die einzige Monographie bleiben, die Berlin je veröffentlichte.

Am 9. Juli 1940 unternahm Berlin zusammen mit Guy Burgess eine Schiffsreise in die USA, um von dort weiter an die britische Botschaft in Moskau zu gehen. Burgess arbeitete zu dieser Zeit – was Berlin nicht wusste – als einer der Cambridge Five als sowjetischer Spion. Burgess wollte als Begleiter von Berlin unauffällig nach Moskau gelangen. Allerdings war der Plan schlecht vorbereitet; die britische Botschaft in Moskau wusste weder von Berlins Ankunft, noch hieß sie sie gut. Für Berlin war in New York City das Ende der Reise erreicht. Dort überraschte ihn der Beginn der Luftschlacht um England. Hatte er eigentlich nach Moskau gehen wollen, um dort zum Kampf gegen Deutschland beitragen zu können, so sah er sich plötzlich isoliert im sicheren Amerika, während auf seine Heimat Bomben fielen.

Ein Angebot im Auftrag des britischen Informationsministeriums, die US-Zeitungen auszuwerten, wollte er erst ablehnen, nahm es aber letzten Endes – nachdem er von Oktober 1940 bis Januar 1941 nach Hause zurückgekehrt war – an, um sich nicht selbst als Feigling sehen zu müssen.

Von Washington aus schrieb Berlin Berichte über die politische Stimmung in den USA für die britische Botschaft, die bis zu Winston Churchill gelangten. Die ungewöhnlich kenntnisreichen Berichte machten Berlins Namen in der gesamten britischen Regierung bekannt. Aufgrund seines Konversationstalents und seiner Affinität zu Partys und gesellschaftlichen Ereignissen war Berlin wahrscheinlich der über Klatsch und informelle Beziehungen in der US-Hauptstadt bestinformierte Brite jener Zeit. Seine Berichte schrieb er in zwei Versionen: einer offiziellen, die den Amtsweg ging, und einer inoffiziellen mit den pikanteren Details, die über Freunde unter der Hand in London verteilt wurden.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch einen Zufall bekannt. Während des Krieges hielt sich der US-amerikanische Komponist Irving Berlin, der Verfasser des populären Liedes White Christmas, zeitweise in London auf. Winston Churchill, der Irving mit Isaiah verwechselte, lud irrtümlich den Komponisten zu einem Dinner ein. Während des Dinners verwirrten Irving Berlin die detaillierten Fragen sehr, die Churchill ihm zur US-Innenpolitik stellte, während diesen die vagen und unbestimmten Antworten seines Gastes verwunderten. Selbst als der US-Amerikaner bekannt gab, wie er bei der nächsten US-Wahl wählen wolle, entdeckte keiner der Anwesenden das Missverständnis; Churchill murmelte nur etwas über das gute englisch-amerikanische Verhältnis, demzufolge jetzt selbst ein britischer Oxford-Professor in den USA wählen dürfte. Aufgeklärt wurde die Verwechslung erst nach dem Dinner. Die Geschichte gelangte 1949 an die britischen Zeitungen, von denen sie freudig publiziert wurde. Der Name Isaiah Berlin wurde damit zum ersten Mal ein Begriff in der britischen Öffentlichkeit.

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