Isabelle de Charrière (Belle van Zuylen) (* 20. Oktober 1740 bei Utrecht; † 27. Dezember 1805 in Colombier, Fürstentum Neuenburg (damals zu Preußen)) war eine niederländisch-neuenburgische Schriftstellerin französischer Sprache, Übersetzerin und Komponistin.
Isabelle de Charrière wurde am 20. Oktober 1740 als Isabella Agneta Elisabeth van Tuyll van Serooskerken auf Schloss Zuylen bei Utrecht in eine hochadlige holländische Familie geboren. Sie wurde von 1746 bis 1753 von Gouvernanten aus der französischsprachigen Schweiz erzogen, weshalb sie die französische Sprache bald fließend beherrschte. Sie erhielt eine umfassende Bildung, sprach mehrere weitere Sprachen, unter anderem Englisch und Latein, und erwarb sich Kenntnisse in Physik und Mathematik.
1760 begann eine lange und vertrauliche Korrespondenz mit David-Louis Constant d’Hermenches, die bis 1776 andauerte. Im Jahr 1763 erschien ihre erste Erzählung Le Noble, ein satirisches Werk in französischer Sprache. Ein Jahr später lernte sie James Boswell kennen, der später um ihre Hand anhielt (1766). In London lernte Isabelle 1767 David Hume kennen. Sie heiratete, nachdem sie eine Vielzahl von Bewerbern abgelehnt hatte, am 17. Februar 1771 den aus der Schweiz stammenden Erzieher ihres Bruders Willem-René, Charles-Emmanuel de Charrière de Penthaz. Im Jahr 1771 zog das Paar nach Colombier bei Neuenburg, wo es im herrschaftlichen Anwesen Le Pontet wohnte. Während der Vorbereitungszeit auf die Reise in die Schweiz erhielt sie in Paris bei Maurice Quentin de La Tour Zeichenunterricht.
In der Zeit am Neuenburgersee entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen Isabelle und dem örtlichen Pfarrer David de Chaillet sowie mit Pierre-Alexandre DuPeyrou. Mit letzterem, der große Teile des Nachlasses von Jean-Jacques Rousseau verwaltete, besorgte de Charrière, selbst eine begeisterte Anhängerin Rousseaus, 1789 die Veröffentlichung von dessen „Bekenntnissen“.
Bereits im Jahr 1784 erschienen ihre Romane Lettres Neuchâteloises und Mistress Henley und bald darauf eine reiche Anzahl weiterer Publikationen, die teilweise von Ludwig Ferdinand Huber, der zusammen mit seiner späteren Frau Therese Huber mehrere Jahre im nahe gelegenen Bôle lebte, in die deutsche Sprache übersetzt wurden. 1787 lernte die Schriftstellerin Benjamin Constant in Paris kennen. Diese Beziehung verlor an Bedeutung, als Constant sich seit 1794 Germaine de Staël zuwandte, doch blieben beide weiter in einem persönlichen und brieflichen Kontakt. Während der Französischen Revolution gewährte sie einigen Adeligen aus Frankreich Zuflucht.
Die Tochter Therese Hubers aus erster Ehe, Therese Forster, lebte von 1801 bis zu ihrem Tod als Hausdame bei der Schriftstellerin. Isabelle de Charrière starb in der Nacht vom 26. zum 27. Dezember 1805 im Alter von 65 Jahren in Le Pontet.
Isabelle de Charrière kommt eine große Bedeutung für die Rezeption der deutschen Klassik im französischen Sprachraum zu. Ihre Stellung als Schriftstellerin und Briefschreiberin in der Zeit der Spätaufklärung und der französischen Revolution wird heute besonders in der englischen, amerikanischen, niederländischen und französischen feministischen Forschung untersucht. De Charrière stand in brieflichem Kontakt mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit wie dem Schotten James Boswell und verstand sich über ihre eigene schriftstellerische Tätigkeit hinaus als Mittlerin zwischen dem deutschen und dem französischen Kulturkreis. Trotz aller persönlichen Differenzen wurde sie deshalb etwa von Germaine de Staël bewundert (Besucherin 1793 und 1794 in Colombier), auch wenn Isabelle de Charrière der neu entstehenden romantischen Schule in der deutschen Literatur nichts abgewinnen konnte und gegen Anne-Louise-Germaine Baronin von Staël-Holstein eine Verteidigungsschrift für Rousseaus Witwe Thérèse Levasseur (1721–1801) und 1789 eine Satire Courte replique a l’auteur d’une longue réponse par Mme la baronne de… über die Freifrau anonym veröffentlichte.
Sie versuchte, junge regionale Talente zu fördern und zum Schreiben anzuhalten. Dies betraf zunächst die von ihr entdeckte Henriette L’Hardy, Caroline Sandoz-Rollin, Marie Therese Forster und später die in Colombier als Tochter des dortigen Pfarrers Jonas de Gélieu lebende Isabelle de Gélieu. Mit dieser veröffentlichte sie im Jahre 1797 eine französische Übersetzung des Romans „Art and Nature“ von Elizabeth Inchbald.
Laut einem Bericht der Augsburgischen Ordinari Postzeitung führte Isabelle de Charrière am 1. Januar 1784 in Lausanne einen Ballonversuch durch, bei dem sie „eine Luftkugel aus Seidenpapier von 9 Schuhen im Durchschnitt mit erwünschtem Erfolg steigen“ ließ.
Der 1991 durch Eric Walter Elst entdeckte Asteroid (9604) Bellevanzuylen wurde am 30. Juli 2007 nach ihr benannt.
In Utrecht wurden 2007 Planungen für den Bau eines 262 Meter hohen Wolkenkratzers namens „Belle van Zuylen“ bekannt, der das höchste Gebäude der Niederlande gewesen wäre. Das Projekt wurde im Jahr 2010 eingestellt.
Oeuvres complètes. Édition critique. Von J-D. Candaux, C.P. Courtney, P. Dubois, S. Dubois-de Bruyn, P. Thompson, J. Vercruysse, D.M. Wood G.A. van Oorschot, Amsterdam, 1979–1984, 10 tomes. Tomes 1-6, Correspondance; tome 7, Theatre; tomes 8-9, Romans, Contes et Nouvelles; tome 10, Essais, Vers, Musique. ISBN 978-90-282-0500-0.
Die wiedergefundene Handschrift: Victoire ou la vertu sans bruit. Hrsg. von Magdalene Heuser. In: Editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft. 11 (1997), S. 178–204.
Early writings. New material from Dutch archives. Éd. Kees van Strien, Éditions Peeters, Löwen, 2005. ISBN 978-90-429-1646-3.
Correspondances et textes inédits. Éd. Guillemette Samson, J-D. Candaux, J. Vercruysse et D. Wood. Honoré Champion, Paris, 2006. ISBN 978-2-7453-1310-2
Die Vorzüge des alten Adels. Eine Erzählung aus dem Französischen. Übersetzt von J.L. Benzler. in der Meyerschen Buchhandlung, Lemgo, 1772. (Le Noble)
Cecilie und Kalliste, oder Briefe aus Lausanne. Aus dem Französischen von Friedrich Menzel. Verlag der Zeitungsdruckerey, Bayreuth, 1792.
Schweizersinn. Lustspiel in drei Aufzügen. Nach dem französischen Manuskript L’Emigré von der Frau von C***, übersetzt von dem Herausgeber der Friedens-Präliminarien (= Ludwig Ferdinand Huber). Vossischen Buchhandlung, Berlin, 1794. (L’Emigré)