Ines Geipel (zeitweise Ines Schmidt, * 7. Juli 1960 in Dresden) ist eine deutsche Schriftstellerin, Publizistin und Hochschullehrerin. In den 1980er Jahren war sie Leichtathletin im Leistungssport der DDR.
Von 2001 bis 2025 war sie Professorin für Deutsche Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Die Themenfelder ihrer literarischen und publizistischen Werke sind die Folgen des Nationalsozialismus und der DDR in Ostdeutschland, verfemte Literatur Ostdeutschlands, Doping in der DDR und Amokläufe. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Dichterin Inge Müller bekannt zu machen; zusammen mit Joachim Walther gründete sie das Archiv der unterdrückten Literatur der DDR. Von 2013 bis Dezember 2018 war sie Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins. Sie engagierte sich politisch für die beiden Dopingopfer-Hilfegesetze zugunsten von dopinggeschädigten DDR-Sportlern, die die Bundesregierung 2002 und 2016 verabschiedete.
Ines Geipel wuchs in Dresden auf. Ihr Vater Lothar (1934–2012) hatte eine Lehre bei den Klingenthaler Harmonikawerken absolviert und dann Musik studiert. Er war Chorleiter, später Musiklehrer, 1967 Direktor einer Polytechnischen Oberschule und schließlich ab 1972 Direktor des Dresdner Pionierpalasts „Walter Ulbricht“. Von 1973 bis 1984 war er zudem Inoffizieller Mitarbeiter in der Abteilung IV des Ministeriums für Staatssicherheit. Hierbei handelte es sich um eine Spezialeinheit für das Ausspähen von Objekten und die Vorbereitung von Sabotage auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Die Mutter Brigitte Grunert (* 1935) hatte eine Lehre als Schriftsetzerin gemacht, studierte später Russisch und arbeitete als Lehrerin am Institut für Weiterbildung in Dresden. Ines Geipel hatte einen jüngeren Bruder, Robert (1967–2018), der später Kunst studierte, Kunstlehrer wurde und Ausstellungen seiner Fotos veranstaltete, sowie zwei weitere Geschwister.
Im Jahr 1974 schickten die Eltern Ines Geipel nach Thüringen auf die Internatsschule in Wickersdorf, eine Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium. 1977 nahm sie an der zentralen Kinder- und Jugendspartakiade in Leipzig teil, wurde in die Kinder- und Jugendsportschule „Werner John“ in Jena aufgenommen und betrieb seitdem Leistungssport beim SC Motor Jena. Ihre Disziplinen waren insbesondere Sprint und Weitsprung. Von 1981 bis 1985 gewann die 4-mal-100-Meter-Staffel des SC Motor Jena mit Startläuferin Geipel fünfmal hintereinander bei den DDR-Leichtathletik-Meisterschaften. Wie ihre Staffelkolleginnen Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr war Geipel in das staatlich organisierte Dopingprogramm der DDR eingebunden. Aus den von Brigitte Berendonk und Werner Franke nach der Wende sichergestellten DDR-Dokumenten geht hervor, dass sie zumindest 1983 und 1984 erhebliche Mengen des anabolen Steroids Oral-Turinabol bekam, die sie als „blaue Pillen“ von ihrem Sprinttrainer Horst-Dieter Hille erhielt. Von 1982 bis 1984 war sie mit dem Kugelstoßer Matthias Schmidt verheiratet. Geipel war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bis zum Sommer 1989.
Anfang 1984 war die Sportlerin in einem Trainingslager in Mexiko-Stadt, das der Vorbereitung der DDR-Leichtathleten auf die Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles dienen sollte. Sie verliebte sich dort in einen mexikanischen Sportler und wollte nach den Spielen im Westen bleiben. Dazu kam es nicht, weil die DDR sich dem Olympiaboykott der Sowjetunion anschloss. Doch erzählte sie diese Geschichte einem Freund, der Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war und dies prompt an das MfS weitergab. Das MfS eröffnete daraufhin im August 1984 eine Operative Personenkontrolle (OPK) gegen sie. Neben dem „Vorkommnis in Mexico“ wurden ihr auch Kontakte zu Personen aus Jenaer Bürgerrechtskreisen zur Last gelegt. Im Eröffnungsbericht wurde als eine der Zielsetzungen der OPK angegeben, sie aus dem Leistungssport „herauszulösen“. Zunächst erhielt sie keine Starterlaubnis im westlichen Ausland mehr, was ihr jedoch nicht mitgeteilt, sondern mit Ausreden bemäntelt wurde. Sie wurde durch mehrere IM ausgespäht. Die Sportfunktionäre, sowohl beim SC Motor Jena als auch beim Deutschen Turn- und Sportbund, wollten sie hingegen zunächst gern halten, ein „‚Tauziehen‘“, das „sinnfällig für den Widerspruch zwischen Ideologie und Pragmatik“ stehe, wie die Sporthistorikerin Jutta Braun analysiert. Bei mehreren Treffen setzten die Vereinsfunktionäre Geipel mit der Forderung unter Druck, sie solle die missliebigen privaten Kontakte abbrechen. Wie Jutta Braun schreibt, entschied sich Geipel „nach zahlreichen Demütigungen schließlich selbst, ein neues Leben außerhalb des Leistungssports zu beginnen“. Am 11. August 1985 beendete sie ihre sportliche Karriere bei den DDR-Leichtathletikmeisterschaften mit dem ersten Platz als Startläuferin der 4-mal-100-Meter-Staffel und einem siebten Platz im 100-Meter-Endlauf. In ihrem Abschlussbericht vom April 1986 schrieb die Staatssicherheit, mit der „umfassenden Aufklärung der Person … und der Herauslösung aus dem Leistungssport der DDR“ sei die Zielstellung der Operativen Personenkontrolle erreicht. Ihre offizielle Verabschiedung aus der Nationalmannschaft erfolgte traditionell im Rahmen der 37. DDR-Meisterschaften im Jenaer Ernst-Abbe-Stadion, die vom 27. bis 29. Juni 1986 stattfanden.
Bereits seit 1980 studierte Geipel an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Germanistik. Sie war dort an einem Projekt zu „Weiblichen Sozialbiographien“ im Umfeld der Französischen Revolution beteiligt und stellte dies im Juni 1988 im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz in Jena vor. Ihre Diplomarbeit zu einem damit verbundenen Thema datiert aus dem Jahr 1989. Im Juni 1989 brachte sie zusammen mit einer anderen Studentin an der Sektionswandzeitung der Literatur- und Kunstwissenschaften im Universitätshochhaus einen Text an, der „Solidarität und Trauer“ für die Opfer des Tian’anmen-Massakers ausdrückte und die öffentliche Unterstützung der DDR-Organe für das chinesische Vorgehen beklagte. Da Geipel Mitglied der SED war, drängte die Universitätsparteileitung auf ein Parteiverfahren gegen sie und ließ davon auch nicht ab, als die Mitgliederversammlung der Sektion dagegen stimmte. Ihr wurde die Promotionsmöglichkeit entzogen. Das Parteiverfahren wurde schließlich erst im September 1989 eröffnet, als Geipel bereits im Westen war. Geipel wurde wegen Verlassens der DDR und „Überlaufens zum Klassenfeind“ aus der SED ausgeschlossen.
Geipel flüchtete Ende August 1989 über Ungarn aus der DDR und ging nach Darmstadt, wo sie an der Technischen Universität ein Magisterstudium der Philosophie und Soziologie absolvierte. Ab 1994 erhielt sie Lehraufträge für Philosophie und Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Technischen Universität Darmstadt und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Zudem war sie Mitarbeiterin des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Geipel gehörte zu den ersten Teilnehmern der Darmstädter Textwerkstatt, die 1998 eröffnet wurde. Von 2001 bis 2025 lehrte sie in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch als Professorin für Deutsche Verssprache.
Erste Veröffentlichungen Geipels ab 1996 behandelten das Werk von Autorinnen, die in der DDR unbeachtet blieben oder unterdrückt wurden, etwa Inge Müller und Susanne Kerckhoff. Gemeinsam mit Joachim Walther baute sie ein Archiv unterdrückter Literatur in der DDR auf und gab eine Buchreihe „Die Verschwiegene Bibliothek“ heraus. Ab 1999 publizierte sie auch belletristische Werke, insbesondere Romane, sowie einen Gedichtband. Seit 2001 erscheinen von ihr vor allem Sachbücher und zeitdiagnostische Essays zu den Themen Doping, Amokläufe und DDR-Vergangenheit, teilweise mit autobiografischen Zügen.
Geipel trat im Jahr 2000 als eine von 22 Nebenklägern im Berliner Hauptprozess gegen den einstigen Präsidenten des DTSB Manfred Ewald und den Vizechef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR Manfred Höppner auf. In diesem Prozess um das staatlich organisierte Doping in der DDR wurden die Angeklagten im Jahr 2000 wegen Beihilfe zur Körperverletzung in 20 Fällen, darunter dem Fall der Nebenklägerin Geipel, rechtskräftig verurteilt; eine Revision Ewalds wurde vom Bundesgerichtshof abgewiesen. Aufgrund der Gefahr der Verjährung hatte das Gericht einen Großteil der ursprünglich angeklagten Fälle eingestellt und sich auf die Nebenkläger beschränkt. Geipel schrieb ein Buch über diesen Prozess: Verlorene Spiele. Journal eines Doping-Prozesses. Anlässlich der Buchvorstellung initiierte sie eine Petition an den Bundestag zur Entschädigung von DDR-Dopingopfern, die dazu beitrug, dass der Bundestag ein Dopingopfer-Hilfegesetz verabschiedete. Geipel erhielt auch selbst eine Entschädigung nach diesem Gesetz.