Igor Strawinsky (auch Igor Stravinsky; * 5. Junijul. / 17. Juni 1882greg. in Oranienbaum, Russland; † 6. April 1971 in New York City) war ein französisch-US-amerikanischer Komponist und Dirigent russischer Herkunft. Er war einer der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik.
Sein vollständiger Name lautet in moderner Transkription Igor Fjodorowitsch Strawinski (russisch Игорь Фёдорович Стравинский, vor der Rechtschreibreform Игорь Ѳедоровичъ Стравинскій, wiss. Transliteration Igor' Fëdorovič Stravinskij). Im Englischen wird der Nachname Stravinsky geschrieben, im Französischen existieren mehrere Schreibweisen nebeneinander – Stravinsky, Strawinsky und Stravinski.
Strawinsky wurde 1882 in Oranienbaum in der Nähe von Sankt Petersburg geboren und am 10. August 1882 in der Nikolaus-Marine-Kathedrale in Sankt Petersburg getauft. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in einer verhältnismäßig restriktiven Umgebung, musikalisch unter dem Einfluss seines Vaters Fjodor Strawinski, der zu den bedeutendsten Opernsängern des Russischen Kaiserreiches zählte. So studierte er wie dieser ebenfalls zuerst Rechtswissenschaft in St. Petersburg mit Abschluss 1905, war dann aber Schüler bei Rimski-Korsakow.
Im Jahr 1906 heiratete er die Russin Jekaterina Nossenko, mit der er zwei Söhne und zwei Töchter bekam (1907, 1908, 1910, 1914). Sie war Studentin an der Académie Colarossi in Paris, an der sie ihre „große Zeichenbegabung“ ausbilden ließ. 1923, zur Aufführung von Strawinskys Les Noces („Bauernhochzeit“), illustrierte sie den Text zur Komposition mit „hübschen Aquarellen mit den kräftigen Farben“.
Seine russische Umgebung mit dem nach innen gerichteten Kulturleben, das eingeschränkt und provinziell auf ihn wirkte, erhöhte Strawinskys Verlangen nach der Außenwelt. 1910 reiste er erstmals nach Paris, dort wurden die Ballette Der Feuervogel (1910) und die Nachfolgewerke Petruschka (1911) und Le sacre du printemps (1913) aufgeführt. Nicht zuletzt wegen der bolschewistischen Revolution lebte Strawinsky seit 1920 in Frankreich; 1934 wurde er französischer Staatsbürger.
Er unternahm drei Amerikareisen: 1925, 1935 und 1937. 1939 starb seine Frau.
Kriegsbedingt verließ er Frankreich 1940 und übersiedelte endgültig in die USA. Am 9. März 1940 heiratete er dort in Bedford, Massachusetts, seine langjährige Geliebte, die Malerin Vera Soudeikina de Bosset.
1941 übersiedelte er mit seiner Frau nach Los Angeles in den Stadtteil West Hollywood, 1260 North Wetherly Drive, wo beide etwa 20 Jahre wohnten. Danach zogen sie für weitere neun Jahre nach 1218 North Wetherly Drive.
Für den Rest seines Lebens unterstützte ihn seine zweite Gattin zunehmend in der zunächst fremden Umgebung; zahlreiche Geschichten berichten über ihre unermüdlichen Bemühungen um sein Wohlergehen und die Ruhe, die er zum Komponieren benötigte. Strawinsky hatte sich an das Leben in Frankreich gewöhnt; mit 58 Jahren in die USA auszuwandern war für ihn schwierig, auch wenn er bereits 1945 die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten erworben hatte. Eine Zeit lang unterhielt er einen Freundeskreis ausgewanderter Russen, erkannte aber, dass dies sein künstlerisches und berufliches Wirken in den USA nicht würde unterstützen können.
Als er mit W. H. Auden eine Oper plante, traf Strawinsky – mit der englischsprechenden Welt noch unvertraut – mit dem Komponisten und Musiker Robert Craft zusammen, der Weggefährte Strawinskys bis zu dessen Tod blieb und als sein Übersetzer, Chronist, assistierender Dirigent und Faktotum für unzählbare musikalische und gesellschaftliche Aufgaben fungierte.
Mit Ernest Ansermet verband Strawinsky eine intensive Arbeitsbeziehung: Der schweizerische Dirigent leitete zwischen 1918 und 1930 sieben Uraufführungen für Strawinsky. Strawinskys Hinwendung zur Zwölftonmusik ab 1952 allerdings betrachtete er in seinem Werk Die Grundlagen der Musik im menschlichen Bewusstsein kritisch.
Im Jahr 1967 verlieh die Rutgers University in New Jersey Strawinsky die Ehrendoktorwürde.
Im Oktober 1969, nach fast drei Jahrzehnten in Kalifornien, zogen Strawinsky und seine Frau Vera nach New York, in eine luxuriöse Wohnung mit drei Schlafzimmern im Essex House im Stadtteil Manhattan. Robert Craft zog bei ihnen ein und stellte seine Karriere hintenan, um sich um den kranken Komponisten zu kümmern.
Igor Strawinsky starb am 6. April 1971 in New York; Totenmesse und Beisetzung erfolgten auf Wunsch des Komponisten auf dem Friedhof San Michele in Venedig, wo 11 Jahre später neben ihm seine zweite Frau beigesetzt wurde.
Er schrieb zunächst Werke in spätromantisch-impressionistischer Tradition (Der Feuervogel), danach wandte er sich einer völlig neuen Tonsprache zu (dominante Rhythmik, Melodienarmut, revolutionär neue Akkorde: Le sacre du printemps, Histoire du soldat), anschließend schrieb er im neoklassizistischen Stil (vgl. Béla Bartók). Wichtige Stilmittel seiner Musik waren bis zum Zweiten Weltkrieg die Polytonalität und eine ausgeprägte Rhythmik, mitunter auch Zitate der Unterhaltungsmusik. Strawinsky komponierte in den 1950er Jahren auch serielle Musik. In seiner Musik sind viele verschiedene Einflüsse zu finden, die er zu einem unverwechselbaren Stil verschmolz.
Seine bekanntesten Werke entstammen seiner frühen russischen Periode: Der Feuervogel, Petruschka und Le Sacre du printemps. Diese Ballette führten praktisch zu einer Renaissance des Genres. Strawinsky schrieb für ein breites Spektrum von Ensemble-Kombinationen und klassischen Formen. Sein Werk reicht von Symphonien und Opern bis hin zu Klavier-Miniaturen.
Bei den Weltmusiktagen der International Society for Contemporary Music (ISCM World Music Days) gehört Strawinsky zu den am meisten aufgeführten Komponisten. An den ISCM-Festivals wurden folgende Werke von ihm aufgeführt: 1923 in Salzburg 3 Stücke für Streichquartett/Concertino für Streichquartett, 1924 in Prag Chant du Rossignol, 1924 in Salzburg das Bläseroktett, 1925 in Prag und 1930 in Lüttich/Brüssel die Symphonien für Bläser, 1925 in Venedig die Klaviersonate, 1933 in Amsterdam die Symphonie des Psaumes, 1946 in London die Sonate für 2 Klaviere, 1957 in Zürich Feuerwerk op. 4, 1959 in Rom/Neapel Agon, 1962 in London A Sermon, a Narrative and a Prayer und 1965 in Madrid Abraham and Isaac.
Weiterhin erlangte Strawinsky Berühmtheit als Pianist und Dirigent, oft mit Uraufführungen seiner eigenen Werke. Außerdem war er als Autor tätig. Mit Walter Nouvels Hilfe erstellte Strawinsky seine Autobiographie Mein Leben, aus der auch das berühmte Zitat kommt, dass „Musik ihrer Natur nach im Wesentlichen unfähig ist, irgendetwas auszudrücken“. Zusammen mit Alexis Roland-Manuel und Pierre Souvtchinsky verfasste er die Charles-Eliot-Norton-Vorlesungen der Harvard University aus den Jahren 1939–40, die auf Französisch gehalten und erstmals 1942 unter dem Titel Poétique musicale veröffentlicht wurden; 1947 wurden sie unter dem Titel Poetics of Music ins Englische übersetzt. 1959 wurden mehrere Gespräche zwischen dem Komponisten und seinem Protegé Robert Craft unter dem Titel Conversations with Igor Stravinsky veröffentlicht. In den folgenden zehn Jahren erschienen fünf weitere Bände in ähnlichem Format.