Ignacy Jan Paderewski Herb Jelita, auch Ignaz Paderewski, GBE (* 6. Novemberjul. / 18. November 1860greg. in Kuryłówka; † 29. Juni 1941 in New York) war ein polnischer Pianist und Komponist, Politiker und Freiheitskämpfer.
Während des Ersten Weltkriegs wurde er dank seiner internationalen Popularität Sprecher des Polnischen Nationalkomitees in den USA. Im Anschluss an ein Konzert im Weißen Haus konnte er US-Präsident Woodrow Wilson dazu bewegen, die Wiedergründung Polens zu einer von dessen Kernforderungen für die Neuordnung Europas zu machen (Punkt 13 in Wilsons 14-Punkte-Programm). Als erster Ministerpräsident des soeben wiedergegründeten Polens führte er gemeinsam mit Roman Dmowski die polnische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 und unterzeichnete für Polen den Versailler Vertrag. 1925 wurde er in London als Knight Grand Cross des Order of the British Empire (GBE) ausgezeichnet.
Ignacy Jan Paderewski wurde nicht nur auf der ganzen Welt als Pianist gefeiert, sondern war auch ein herausragender Komponist. 1919 wurde er zum ersten Ministerpräsidenten des soeben unabhängig gewordenen Polen berufen. Sein Land war seit den 1790er Jahren zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt gewesen. In dieser Zeit wurde die polnische Kultur von den Herrschermächten teilweise und zeitweise ignoriert oder unterdrückt. Dennoch konnte Paderewski 1910 in Krakau ein (von ihm finanziertes) Denkmal zur Fünfhundertjahrfeier eines der bedeutendsten militärischen Siege Polens enthüllen, den es in der Schlacht bei Tannenberg gegen den Deutschritterorden errang. Er gewann in der Öffentlichkeit noch mehr Profil, als der Erste Weltkrieg begann und er nicht nur in ganz Amerika konzertierte, um Geld für Polen zu sammeln, sondern auch den Unterstützungsfonds für polnische Kriegsopfer in Großbritannien ins Leben rief. Mit in den Vorstand aufgenommen wurde auch Edward Elgar, der später (1916) ein sinfonisches Präludium mit dem Titel Polonia schrieb und es Paderewski widmete.
Kindheit, Jugend und Ausbildung
Ignacy Jan Paderewski wurde 1860 im Dorf Kuryłówka im russisch besetzten Podolien (Ukraine) als Mitglied einer polnischadligen Familie der Wappengemeinschaft Jelita geboren; sein Vater Jan Paderewski war der Verwalter eines großen Landbesitzes und seine Mutter Poliksena Paderewska, geb. Nowicka, starb nur wenige Monate nach seiner Geburt. Vater und Sohn waren deshalb schon sehr bald auf ein Privatgrundstück nahe Żytomierz gezogen, wo der junge Ignacy in frühester Kindheit seine Liebe zur Musik entdeckte. Nach der Beteiligung seines Vaters am Januaraufstand 1863 und der darauffolgenden Inhaftierung entzogen die russischen Behörden dem Vater das Sorgerecht für ihn. Ignacy wurde von seiner Tante adoptiert. Nach der Haftentlassung seines Vaters und dessen zweiter Trauung zog er mit Vater und Stiefmutter nach Sudylkov nahe Schepetiwka.
Zunächst erhielt Paderewski privaten Klavierunterricht. Im Jahr 1872 bewarb er sich mit 12 Jahren am Warschauer Musikinstitut (ab 1890 Konservatorium) und bestand mithilfe der Klavierbauerfamilie Kerntopf die Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium im Hauptfach Klavier. Hier unterrichteten ihn der Pianist Juliusz Janotha (1819–1883), der Organist Jan Śliwiński (1830–1893) und der Pianist Henryk Koman (1824–1887). Nach erfolgreichem Abschluss im Jahr 1878 erhielt er das Angebot, Tutor der Klavierklassen an seiner Alma mater zu werden und nahm es an. 1880 heiratete er Antonina Korsakówna, die ihren ersten Sohn gebar. Im folgenden Jahr 1881 erfuhren seine Frau und er von einer schweren Behinderung ihres Kindes, und kurz darauf starb seine Frau. Dies tragische Schicksal führte Paderewski schließlich zum Entschluss, sein Leben ganz der Musik zu widmen.
Paderewski zog 1881 nach Berlin und studierte Komposition im Aufbaustudiengang bei Friedrich Kiel und Heinrich Urban an der Königlich Akademischen Hochschule für ausübende Tonkunst Berlin. Drei Jahre später schaffte er es in die Meisterklasse von Theodor Leschetizky an der Wiener Musikhochschule, der zu dieser Zeit als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Klavierpädagogen galt. Er studierte bei Leschetizky 1884/85 und 1887/88. 1885/86 unterrichtete er selbst Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium in Straßburg.
Pianist, Komponist und Nachwuchsförderer
In Wien feierte Paderewski im Alter von 27 Jahren (1887) sein musikalisches Debüt als Pianist. Bald schon erfreute er sich großer Popularität und seine nachfolgenden Auftritte (1889 in Paris und 1890 in London) waren große Erfolge. Sein Klavierspiel sorgte für hysterische, nahezu maßlose und übertriebene Bewunderung, und dieses Phänomen wiederholte sich bei seinen Tourneen durch die USA 1891 und 1892. Doch es gab auch Publikum, das nicht sonderlich beeindruckt war. Nachdem der polnisch-amerikanische Pianist Moriz Rosenthal den jungen Künstler das erste Mal spielen hörte, sagte er: “Yes, he plays well, I suppose, but he’s no Paderewski.”
Ignacy Jan Paderewski war auch Komponist, insbesondere vieler Klavierwerke. Weltberühmt wurde er 1887 für sein Menuett in G-Dur op. 14,1, welches das Eröffnungsstück seiner sechsteiligen (heute in Vergessenheit geratenen) Humoresques de concert op. 14 ist. Sein bekanntestes Werk ist das 1888 entstandene Klavierkonzert in a-Moll op. 17. Im Jahr 1901 feierte seine einzige Oper Manru in der Semperoper zu Dresden Weltpremiere. 1902 folgte in der Metropolitan Opera die US-amerikanische Premiere. Paderewskis Manru ist bis heute die einzige polnische Oper eines polnischen Komponisten, die an der Metropolitan Opera jemals produziert wurde.
1896 spendete Paderewski 10.000 Dollar zur Errichtung des Paderewski Fund for the Encouragement of American Composers, um in den USA Nachwuchstalente zu fördern. 1898 errichtete er eine vergleichbare Stiftung in Leipzig.
1896 kaufte Paderewski von der Familie Warnery die Villa Riond-Bosson in Tolochenaz bei Morges am Genfersee, die bis 1902 sein Wohnsitz wurde. Diese (heute nicht mehr existierende) Villa, wo sich Paderewski auch später immer wieder aufhielt, blieb in seinem Besitz bis zu seinem Tod. Als zweiten Wohnsitz nutzte er das 1897 erworbene, einstöckige Herrenhaus mit imposanter Kolonnade in Kąśna Dolna bei Tarnów, das ein typisches Haus des polnischen Adels ist. 1899 heiratete er seine zweite Frau Baroness Helena Maria Górska geb. Rosen (1856–1934). Gemeinsam mit ihr emigrierte er 1902 in die USA. Zwei Jahre später gaben das Ehepaar Paderewski in Zusammenarbeit mit dem polnisch-französischen Komponisten Henri Kowalski Konzerte in Australien und Neuseeland.
Anlässlich des 40. Jahrestages des polnischen Januaraufstandes im Jahr 1903 verabschiedete sich Paderewski für ein Jahr vom Konzertpodium, um in seinem Schweizer Domizil bei Morges die ersten Skizzen zur Sinfonie in h-Moll op. 24 zu komponieren. Polonia (lat. „Polen“) überschrieb er sie, vermutlich in Anlehnung an die 1863 erschienene Bildserie von Artur Grottger, die eine unmittelbare Reaktion auf den fehlgeschlagenen Januaraufstand war und die Wirklichkeit des täglichen Lebens und Leidens im Polen des 19. Jahrhunderts darstellte. Fünf Jahre arbeitete Paderewski an der Sinfonie und entwickelte sie zu einem 75-minütigen, monumentalen Instrumentalwerk, das auf die polnische Nationalhymne Noch ist Polen nicht verloren anspielt. Es kann als Ankündigung der politischen Aktivitäten Paderewskis verstanden werden, da er nach der Sinfonie, abgesehen von einer Militärhymne für die Polnische Armee in den USA 1917, nicht mehr komponierte – als hätte er mit der Sinfonie Polonia kompositorisch alles gesagt, was aus seiner Sicht zu sagen war. Die öffentliche Uraufführung fand am 12. Februar 1909 mit dem Boston Symphony Orchestra unter Max Fiedler statt und war ein großer Erfolg. Es folgten bedeutende Aufführungen in Paris und London, ehe seine Sinfonie 1911 auch in Warschau erstmals erklang.
Paderewski konnte 1910 in Krakau ein (von ihm finanziertes) Denkmal zur 500-Jahr-Feier eines der bedeutendsten militärischen Siege Polens enthüllen, den es in der Schlacht bei Grunwald gegen den Deutschritterorden errang.