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Ibn Chaldūn

Islamischer Philosoph, Soziologe und Historiker

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Walī ad-Dīn ʿAbd ar-Rahmān ibn Muhammad Ibn Chaldūn al-Hadramī (arabisch ولي الدين عبد الرحمن ابن محمد ابن خلدون الحضرمي, DMG Walī ad-Dīn ʿAbd ar-Raḥmān ibn Muḥammad Ibn Ḫaldūn al-Ḥaḍramī; geboren am 27. Mai 1332 in Tunis; gestorben am 17. März 1406 in Kairo), kurz Ibn Chaldūn, war ein nordafrikanischer Historiker und Politiker. Ibn Chaldūns Betrachtungsweise von gesellschaftlichen und sozialen Konflikten macht ihn zu einem der arabischen Vordenker einer soziologischen Denkweise. Politische Ordnung, so verallgemeinert Ibn Chaldūn ganz profan die Erfahrungen der innerislamischen Machtkämpfe, steht und fällt letztlich mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl (ʿAsabīya), wie es in der Kultur des Stammeslebens entsteht.

Ibn Chaldūn stammte aus einer adligen Familie, den banū chaldūn, die über mehrere Generationen in Carmona und Sevilla, Andalusien lebte. Den Namen Chaldūn hatten bereits die Vorfahren als Ableitung aus Chalid hinzugefügt. In seiner Autobiografie führt Ibn Chaldūn seine Abstammung bis in die Zeit des Propheten Mohammed auf einen arabisch-jemenitischen Stamm aus dem Hadramaut zurück, dessen Mitglieder zu Beginn der islamischen Eroberung nach Spanien kamen. Seine Familie, die in Andalusien zahlreiche hohe Ämter innehatte, emigrierte zu Beginn der Reconquista, etwa Mitte des 13. Jahrhunderts, nach Ceuta, Nordafrika. In der Hafsidendynastie – unter dem Emir Abu Zakariya Yahya I. (1228–1249) – besetzten einige Mitglieder der Familie politische Ämter, Ibn Chaldūns Vater und Großvater jedoch zogen sich aus dem politischen Leben zurück und schlossen sich einem mystischen Orden (Tarīqa; siehe auch Sufismus) an.

Ibn Chaldūns Leben ist für seine Zeit außerordentlich gut dokumentiert, da er eine Autobiografie hinterlassen hat, in der er zahlreiche Dokumente, die sein Leben betreffen, wörtlich zitiert. Allerdings hält er sich mit Aussagen, die sein Privatleben betreffen, sehr zurück, so dass man nur wenig über seine familiären Verhältnisse erfährt. Dafür entschädigt er den Leser mit Kurzbiographien seiner Lehrer und über die Erwähnung derjenigen Schriften, die er bei ihnen in seiner Jugend studiert hatte. Auch über seine private Korrespondenz, die er wörtlich zitiert, gibt er Auskunft. Seine Autobiographie, von der auch Autographen in zwei Bearbeitungen vorliegen, hat er einige Monate vor seinem Tod abgeschlossen.

Der Maghreb wurde in der Epoche Ibn Chaldūns nach dem Fall der Almohaden (1147–1269) von drei Dynastien beherrscht, die sich in ständigen Kämpfen untereinander aufrieben. Im heutigen Marokko residierten die Meriniden (1196–1464). Westalgerien wurde von den Abdalwadiden (1236–1556) beherrscht und die Hafsiden (1228–1574) regierten Ostalgerien, Tunesien und Kyrenaika. Unter ständiger Bedrohung durch die Einfälle der angrenzenden Berberstämme rangen diese Dynastien um die Hegemonie über den Maghreb.

Ibn Chaldūns Familie stammte ursprünglich aus dem Hadramaut im Jemen und war im Gefolge der islamischen Eroberungen nach Spanien gekommen. Der namensgebende Vorfahr Chaldūn zog nach Carmona; später zog die Familie nach Sevilla, wo sie im 10. Jahrhundert zu den tonangebenden Kreisen der Stadt gehörte. Im 13. Jahrhundert siedelte sie schließlich nach Tunis über, wo die Angehörigen Ländereien übereignet bekamen. Einige Männer der Familie waren während der Herrschaft der Hafsidendynastie in der Staatsverwaltung tätig.

Ibn Chaldūns Geburtsdatum war der 27. Mai 1332, Geburtsort war Tunis. Sein Großvater Muhammad und sein Vater waren in einer mystischen Gruppierung tätig. Der hohe Rang seiner Familie verhalf Ibn Chaldūn zu einem Studium bei den besten Lehrern Nordafrikas jener Zeit. Ibn Chaldūn erhielt eine klassische arabische Erziehung: Koran, arabische Sprachwissenschaft, die die Grundlage zum Verständnis des Korans und des islamischen Rechts bildete, Hadith und Jurisprudenz (fiqh). Der Mystiker, Mathematiker und Philosoph al-Ābilī führte ihn in die Mathematik, Logik und Philosophie ein, wobei er vor allem die Werke von Averroes, Avicenna, Rhazes und at-Tūsī studierte. Im Alter von 17 Jahren verlor Ibn Chaldūn beide Eltern durch den auf drei Kontinenten grassierenden „Schwarzen Tod“, die Pest, die auch in Tunis wütete. Auch starben ein Großteil seiner Freunde und Lehrer an der Pest. Als neuer Familienvorsteher fungierte nun sein älterer Bruder Muhammad.

Der Familientradition folgend strebte Ibn Chaldūn eine politische Karriere an. Angesichts der ständig wechselnden Machtverhältnisse und Herrscher im damaligen Maghreb bedeutete dies, einen Balanceakt zu vollführen, Bündnisse zu knüpfen und Loyalitäten rechtzeitig aufzukündigen, um nicht in den Untergang der teilweise sehr kurzlebigen Herrschaften hineingezogen zu werden. Nach seiner Ausbildung in Tunis wurde er Sekretär des hafsidischen Sultans Abu Ishaq Ibrahim II. al-Mustansir. Zum merinidischen Hof hatte er schon 1347, als Abu 'l-Hasan Tunis besetzt hatte, gute Beziehungen gepflegt. Im Alter von zwanzig Jahren wurde er mit dem Amt des kātib al-ʿalāma / كاتب العلامة in der Kanzlei von Ibn Tafrāgīn betraut.

Im Jahre 1354 wurde Ibn Chaldūn von dem Meriniden-Herrscher Abū ʿInān Fāris an den Hof in Fès gerufen und in den wissenschaftlichen Zirkel des Sultans aufgenommen. In dieser Zeit lebte und wirkte Ibn Chaldūn in der unmittelbaren Nachbarschaft der Madrasa Bū ʿInānīya – heute in der Straße at-Tal’a l-kbira – die als eines der schönsten Beispiele marokkanischer Architektur gilt. Die Aufgabe des kātib al-ʿalāma bestand darin, in feiner Kalligrafie die typischen Einleitungsfloskeln auf offizielle Dokumente zu setzen. Der dortige Merinidenherrscher Abu Inan gab ihm später einen Posten als Schreiber der königlichen Proklamationen, was Chaldūn jedoch nicht daran hinderte, gegen seinen Arbeitgeber zu intrigieren. Das brachte den 25-Jährigen 1357 für 22 Monate ins Gefängnis. Er wurde erst nach dem Tode Abu Inans (1358) von dessen Sohn und Nachfolger freigelassen. Gegen diesen verschwor sich Ibn Chaldūn mit dessen im Exil lebenden Onkel, Abu Salim. Abu Salim verlieh Ibn Chaldūn, als er 1359 an die Macht kam, das Amt eines Staatssekretärs katibu s-sirr wa-t-tauqi' wal-inscha' / كاتب السر والتوقيع والانشاء / kātibu ʾs-sirri wa-ʾt-tauqīʿ wa-ʾl-inšāʾ. Ibn Chaldūn berichtet, dass er während seiner Zeit am Merinidenhof mit der Tochter eines Ministers verheiratet war und der Ehe mit ihr mehrere Nachfahren entsprangen.

Nach dem Sturz Abu Salims durch Amar Ibn Abd Allah, einen Freund Ibn Chaldūns, wurden dessen Erwartungen jedoch enttäuscht – er bekam unter dem neuen Herrscher kein wichtiges Amt übertragen. Amar verhinderte zugleich erfolgreich, dass Ibn Chaldūn, dessen politische Fähigkeiten er nur allzu gut kannte, sich den Abdalwadiden in Tlemcen anschloss. Ibn Chaldūn entschloss sich in seinem politischen Tatendrang deshalb dazu, im Herbst 1362 nach Granada zu ziehen. Dort konnte er sich eines herzlichen Empfangs gewiss sein, da er Granadas Emir, dem Nasriden Muhammad V., in Fès geholfen hatte, dessen Herrschaft von diesem temporären Exil aus zurückzugewinnen. 1364 betraute ihn Muhammad mit einer diplomatischen Mission zum König von Kastilien, Pedro dem Grausamen, um einen Friedensvertrag abzuschließen. Ibn Chaldūn beendete den Auftrag erfolgreich. Das Angebot Pedros, ihm die spanischen Besitztümer seiner Familie zurückzuerstatten und an seinem Hof zu bleiben, lehnte er allerdings höflich ab.

In Granada geriet Ibn Chaldūn indes schnell in Konkurrenz zu Muhammads Wesir und Ibn Chaldūns engem Freund Ibn al-Chaṭīb, der das enge Verhältnis zwischen Ibn Chaldūn und Muhammad mit wachsendem Misstrauen verfolgte. Ibn Chaldūn versuchte, den jungen Muhammad gemäß seinem Ideal eines weisen Herrschers zu formen, ein Unterfangen, das nach Ibn al-Chaṭībs Ansicht unklug war und den Frieden des Landes gefährdete – und die Geschichte gab seiner Einschätzung recht. Ibn Chaldūn wurde auf Betreiben Ibn al-Chaṭībs schließlich nach Nordafrika zurückgeschickt. Ibn al-Chaṭīb hingegen wurde später von Muhammad V. wegen unorthodoxer philosophischer Ansichten angeklagt und hingerichtet.

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