An diesem Tag

Hugo Distler

Deutscher Komponist und evangelischer Kirchenmusiker

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Hugo Distler (* 24. Juni 1908 in Nürnberg; † 1. November 1942 in Berlin) war ein deutscher Komponist und evangelischer Kirchenmusiker. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920.

Hugo Distler wurde 1908 in Nürnberg als unehelicher Sohn der Modistin Helene Distler und des Maschinenbauingenieurs August Louis Gotthilf Roth geboren. Der Vorname des Kindes geht zurück auf Hugo Herz, den 1925 in die USA emigrierten Halbbruder von Hugos Mutter. 1912 verließ Helene Distler ihren vierjährigen Sohn und wanderte mit ihrem späteren Mann, dem amerikanischen Spielwareneinkäufer Anthony Meter, in die USA aus.

Vom Moment der Trennung bis zu seinem elften Lebensjahr lebte das Kind unter der Obhut seiner Großeltern Kunigunda Herz, verwitwete Distler, und ihres zweiten Ehemannes, des aus Cadolzburg bei Fürth stammenden Viehhändlers Johann Michael Herz. Dieser betrieb in Nürnberg zwei Metzgereien. Auf den Rat von Hugos erster Lehrerin kauften die Großeltern ein Klavier für ihren Enkel und sorgten dafür, dass er mit sieben Jahren seinen ersten Klavierunterricht bei Elisabeth Weidmann bekam. Später ermöglichten sie ihm den Besuch des Reform-Realgymnasiums in der Vorderen Landauergasse.

1919 tauchte Hugo Distlers Mutter wieder in Nürnberg auf, nach dem Tod ihres Mannes nun in Begleitung ihres in Amerika geborenen Sohnes Anthony. Sie lebte eine Zeitlang mit ihren beiden Söhnen zusammen. Hugo Distler hatte Sympathie für seinen stillen Halbbruder, litt jedoch unter den täglichen Zurücksetzungen durch seine Mutter, die aus der Vorliebe für ihren jüngeren Sohn kein Hehl machte. 1923 trennte sie sich endgültig von Hugo und zog mit Anthony (jetzt Anton genannt) in einen anderen Stadtteil Nürnbergs. Hugo Distler lebte von nun an wieder bei seinen inzwischen durch die Inflation verarmten Großeltern. Als Kunigunda Herz 1925 starb, gerieten Großvater und Enkel in bedrückende Armut.

Aus Geldnot musste Hugo Distler sich nun in der Nürnberger Privatmusikschule von Carl Dupont abmelden, bei dem er bis dahin Klavierunterricht erhalten hatte. Er bewarb sich beim städtischen Konservatorium in Nürnberg um einen Stipendiumsplatz, wurde aber zweimal abgewiesen. Carl Dupont griff rettend ein und unterrichtete von da an seinen Schüler unentgeltlich.

Studium und erste Anstellung als Organist

Nach dem Abitur im Frühjahr 1927 bewarb sich Hugo Distler am Leipziger Konservatorium und bestand die Aufnahmeprüfung mit Auszeichnung. Er studierte u. a. bei Hermann Grabner (Komposition) und beim späteren Thomaskantor Günther Ramin (Orgel). 1930 starb Hugo Distlers Großvater, der trotz eigener Armut das Musikstudium seines Enkels finanziert hatte. Distler musste sein Studium vorzeitig abbrechen und sich eine Arbeit suchen. Infolge der Weltwirtschaftskrise lag die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland 1930 bei 15,7 Prozent; 1931 kletterte sie auf 23,9 Prozent, was die Suche Hugo Distlers nach einem Arbeitsplatz erschwerte. Günther Ramin vermittelte ihm schließlich eine Organistenstelle an der Lübecker Jakobikirche, wo Distler am 1. Januar 1931 seinen Dienst antrat.

Inspiriert durch Axel Werner Kühl, Pastor an St. Jakobi und engagierter Streiter für die Anliegen der Liturgischen Bewegung, komponierte Distler 1931/32 seinen Jahrkreis op. 5, eine Sammlung von 52 kleinen geistlichen Chormusiken. Im Herbst 1931 vollendete er seine Deutsche Choralmesse, die der Lübecker Sing- und Spielkreis unter der Leitung von Bruno Grusnick am 4. Oktober 1931 zur Uraufführung brachte. 1932 folgten seine Choralpassion op. 7, seine Kleine Adventsmusik op. 4 und seine Orgelpartita Nun komm, der Heiden Heiland op. 8,1. In Lübeck entstand der größte Teil seiner Geistlichen Chormusik op. 12. Dort lernte er seine spätere Frau Waltraut Thienhaus (1911–1998) kennen, die Schwester von Erich Thienhaus. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Während des Nationalsozialismus

Am 30. Januar 1933, dem Tag der „Machtergreifung“, kündigte Hugo Distler seine Stelle an St. Jakobi, ohne schon einen neuen Arbeitsvertrag zu haben. Später musste er seine Kündigung zurückziehen, weil er die Kündigungsfrist nicht eingehalten hatte.

Im Oktober 1933 wurde Hugo Distler als Dozent an das neugegründete Lübecker Staatskonservatorium berufen. Seit Mai 1933 hatte er sich für die Errichtung eines eigenen Kirchenmusikalischen Instituts im Rahmen dieses Konservatoriums eingesetzt und war deshalb in Dauerkonflikt mit dem zuständigen Staatskommissar und ehemaligen Pfarrer der Deutschen Christen Ulrich Burgstaller geraten. Dieser Konflikt war Teil des Machtkampfes in Lübeck zwischen den „Deutschen Christen“ und der „Bekennenden Kirche“, wo auf beiden Seiten NSDAP-Mitglieder engagiert waren. „Es war in Wirklichkeit eine lithurgische, ästhetische und musikpraktische Auseinandersetzung über die Frage, welche Art von Kirchenmusik diesem Staat angemessen ist.“

Dennoch konnte Distler seine Ziele erreichen und am 28. Juli 1933 seinem Freund Konrad Ameln schreiben: „Ich bleibe nun doch in Lübeck, hoffe aber die Spandauer Tätigkeit mit der hiesigen zu vereinigen: meine (bisher nebenamtlich dotierte) Organistenstelle an St. Jacobi wurde zum Hauptamt umgestaltet; außerdem wurde mir die Leitung des neugegründeten Kirchenmusikalischen Instituts an dem am 1. Oktober eröffneten Lübecker Staatskonservatoriums endgültig übertragen.“

Noch 1933 veröffentlichte Distler seine Kantate An die Natur. Die Uraufführung anlässlich des ersten Musikfestes des „Kampfbunds für deutsche Kultur“ fand in Bad Pyrmont am 16./17. August 1933 statt. Wegen dieser Komposition, für die Distler auch die Textautorenschaft für sich als „einzigen schriftstellerischen Versuch“ in Anspruch nahm, kam es zu einer Auseinandersetzung mit seinem Freund Konrad Ameln, der dem Text der Kantate unter anderem pantheistische Züge vorwirft. Distler antwortete am 20. Dezember 1935:

„Ich bin mir indessen klar, dass Ihr Vorwurf von einer ganz bestimmten Seite aus gesehen irgendwie Berechtigung hat, nur stehe ich nicht auf dieser Seite. Sie werden mir z. B. dann nicht gestatten, etwa von einer ‚angebeteten Geliebten‘ zu sprechen. Das müssen Sie schon als ‚Gotteslästerung‘ empfinden, viel mehr noch wenn ich, nun, sagen wir: vom ‚ewigen‘ Deutschland spreche“.

Im April 1934 unterbrach er die Arbeit an seinen geistlichen Kompositionen, darunter dem „Totentanz“, um innerhalb von drei Wochen die Auftragsmusik zu einer weltlichen Thingspiel-Kantate Ewiges Deutschland über vaterländische Texte des Dichters Wolfram Brockmeier – Leiter der Lyrikabteilung der Reichsschrifttumskammer – zu schreiben, worüber er seinem Schwager Erich Thienhaus berichtete:

„Ich muß [bis] Mitte Mai die Musik zu einem politischen Festakt schreiben […] Ich sitze und schwitze an der riesigen Arbeit: 20 Nummern in weniger als vier Wochen, darunter eine Ouvertüre für großes Orchester […], ein Finale für Chor und Orchester […], 5 a cappella Chöre, 8 Tänze, 4 Melodramen und ein Orgelstück.“

Textprobe aus Lied Nr. 31 der Kantate (Prieberg S. 1263):

„York stand, ein brausender Glutstrom, gepreßt in soldatische Zucht, Arndt, wie ein Eichbaum bebend in des Redestroms schüttelnder Wucht. Bismarck, Blitze entsendend unter gewittrigem Braun. Fichte, mit glühender Zunge, wie läuterndes Feuer zu schaun. Moltke, Schill, Zieten, Scharnhorst, Jahn, Gneisenau, Blücher und Stein. Groß ragten vor brennenden Himmeln unabsehbare Reihn. Aufscholl dann Kommando, das Volk sah mit Schauern: Auseinander rissen die stehenden Mauern ....“

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