Isabella Katharina Alix Hortense Anda-Bührle (* 18. Mai 1926 in Zürich; † 16. Mai 2014 ebenda) war eine Schweizer Unternehmerin, Kunstsammlerin und Mäzenin.
Hortense Bührle kam 1926 als Tochter des deutschen Industriellen Emil Georg Bührle und seiner Frau Wilhelmine Charlotte, geborene Schalk, in Zürich zur Welt. Der Vater hatte sich mit seiner Familie in der Schweiz niedergelassen, nachdem er 1923 die Geschäftsführung der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon übernommen hatte und zum Rüstungsbetrieb Oerlikon-Bührle ausbaute. Der wirtschaftliche Aufstieg ihres Vaters beruhte wesentlich auf der Fertigung und dem Export von Kanonen; sein deklariertes Vermögen stieg von 1 Million Franken im Jahr 1938 auf 127 Millionen Franken im Jahr 1944, wodurch er in der Schweiz zugleich zu einem ausserordentlich reichen und umstrittenen Unternehmer wurde. Im Elternhaus kam sie mit Kunst und Kultur in Berührung; dort verkehrten Maler, Künstler und Autoren aus verschiedenen Ländern. Ihr älterer Bruder war Dieter Bührle. 1937 erhielt die Familie das Bürgerrecht der Stadt Zürich und damit die Schweizer Staatsangehörigkeit.
Ihre schulische Ausbildung erhielt Hortense Bührle zunächst am Hochalpinen Töchterinstitut Ftan und setzte sie anschliessend an der St. George’s School in Clarens fort. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1956 wurde die damals 30-jährige Miterbin und Grossaktionärin des Bührle-Konzerns. Sie war zeitweise reichste Frau des Landes. Sie bekleidete in der Folgezeit Verwaltungsratsmandate in der Oerlikon-Bührle Holding AG, beim aufgekauften Schuhhersteller Bally, bei der familieneigenen Beteiligungsgesellschaft IHAG Holding und der Privatbank IHAG Zürich. Ferner trat sie als Anteilseignerin am italienischen Nudelhersteller Barilla und als Besitzerin des Hotel Storchen Zürich und des Hotel Castello del Sole in Ascona in Erscheinung.
Ihre Rolle als Unternehmerin trat besonders 1990 hervor, als sie sich in der Führung des Konzerns gegen ihren Bruder Dieter durchsetzte und vom neuen Management eine stärkere Abkehr vom Rüstungsgeschäft zugunsten ziviler Sparten verlangte. Für die Sanierung des Mischkonzerns wurden Hans Widmer und Ernst Thomke eingesetzt. Der Umbau war mit dem Abbau von rund 10'000 Arbeitsplätzen verbunden; dennoch blieben die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bestehen, weil die Rüstungssparte kaum noch tragfähig war und andere Teile des Konzerns nicht ohne Weiteres verkauft werden sollten. Im Jahr 2000 übergab Anda-Bührle die Konzernverantwortung an ihren Sohn Gratian Anda. Dessen Versuch, Oerlikon stärker als Hightechkonzern auszurichten, geriet nach dem Kauf eines Halbleiterherstellers kurz darauf durch das Platzen der Internetblase unter Druck. 2005 übernahmen zwei österreichische Financiers die Firma, womit der beherrschende Einfluss der Familie Bührle auf den Konzern endete.
1964 heiratete Hortense Bührle den Pianisten Géza Anda, der 1955 Schweizer Bürger geworden war und zu den prominenten Pianisten der Nachkriegszeit zählte. Aus dieser Ehe ging der 1969 geborene Sohn Gratian Anda hervor. Nach der Heirat wurden Musik und Musikförderung zu einem Mittelpunkt ihres Wirkens. Nach dem Tod von Géza Anda im Juni 1976 gründete Hortense Anda-Bührle 1978 zum Andenken an ihren Mann die Géza-Anda-Stiftung und stand ihr seitdem als Präsidentin vor. Diese der Förderung des Pianistennachwuchses gewidmete Stiftung richtet den dreijährlich vergebenen Concours Géza Anda aus. Der Wettbewerb wurde 1979 erstmals eröffnet. Er knüpft an ein künstlerisches Ideal an, das sowohl technische Perfektion als auch persönlichen Ausdruck priorisiert. Andas künstlerisches Renommee war insbesondere mit Salzburg, seinen Mozart-Einspielungen mit der Camerata Academica und seinem Einsatz für die Klavierkonzerte von Béla Bartók verknüpft.
Gemeinsam mit ihrer Mutter und dem Bruder Dieter erbte sie die bedeutende Kunstsammlung ihres Vaters. Ein Drittel dieser Sammlung überführte die Familie 1960 in die Stiftung Sammlung E. G. Bührle, deren Präsidentin Hortense Anda-Bührle seit 1980 war. Die Kunstwerke der Stiftung waren ab April 1960 in einer dem Elternhaus benachbarten Villa der Öffentlichkeit zugänglich und werden seit dem 9. Oktober 2021 im neu eröffneten Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich ausgestellt. Die in Privatbesitz verbliebenen zwei Fünftel der Kunstsammlung liehen die Erben wiederholt zu Ausstellungen aus. Zudem war Hortense Anda-Bührle Kuratoriumsmitglied des Kunsthistorischen Instituts in Florenz. Darüber hinaus war sie langjähriges Mitglied im Stiftungsrat der Goethe-Stiftung für Kunst und Wissenschaft Zürich und im Stiftungsrat der Stiftung Kartause Ittingen. Als Mäzenin unterstützte sie die Restaurierung und den Umbau des Kartäuserklosters Ittingen sowie das Musikdorf Ernen im Wallis. Bis in ihre letzten Jahre war Anda-Bührle als Mäzenin insbesondere im Umfeld der Musik und der Sammlung Bührle zugegen. Sie starb am 16. Mai 2014, zwei Tage vor ihrem 88. Geburtstag, in Zürich.
Stiftung Sammlung E. G. Bührle (Hrsg.): Meisterwerke aus der Sammlung Emil Georg Bührle. Artemis, Zürich 1990, ISBN 3-7608-1029-2.
Dietmar Grieser: In Deinem Sinne: Begegnungen mit Künstlerwitwen. Langen-Müller, München 1985, S. 122–136, ISBN 3-7844-2068-0.
Ueli Müller, Matthieu Leimgruber: Hortense Anda-Bührle. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Dokumente von und über Bührle, Hortense in der Datenbank Dodis der Diplomatischen Dokumente der Schweiz
Kunstförderin Hortense Anda-Bührle ist tot. Nachruf in Der Bund vom 20. Mai 2014
IHAG Privatbank Zürich AG: Nachruf Hortense Anda-Bührle. In: moneycab.com vom 19. Mai 2014
Constantin Seibt: Die einst reichste Frau der Schweiz ist tot. Nachruf in: Tages-Anzeiger vom 21. Mai 2014
Iso Camartin: Vorbildlich im Dienst von Musik und Kunst. (Memento vom 22. Mai 2014 im Internet Archive) In: Neue Zürcher Zeitung vom 22. Mai 2014