Horst Fuhrmann (* 22. Juni 1926 in Kreuzburg in Oberschlesien; † 9. September 2011 in Herrsching am Ammersee) war ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforschte.
Fuhrmann bekleidete Lehrstühle für Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Tübingen (1962–1971) und Regensburg (1971–1992). Von 1971 bis 1994 war er Präsident der Monumenta Germaniae Historica, des bedeutendsten Instituts, das sich der Erforschung des Mittelalters und der Edition mittelalterlicher Quellen widmet. Von 1992 bis 1997 war er auch Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Fuhrmanns Hauptarbeitsschwerpunkt waren die Fälschungen im Mittelalter. In späten Lebensjahren erforschte Fuhrmann seine Heimat Schlesien. Mit seinen Büchern Einladung ins Mittelalter (1987), Die Päpste (1998) und Überall ist Mittelalter (1996) versuchte er, das Mittelalter einem breiteren Publikum näherzubringen.
Horst Fuhrmann wurde als Sohn von Karl Fuhrmann und dessen Frau Susanna, geborene Kosmalla, in Kreuzberg geboren, wo sein Vater als Beamter der Deutschen Reichsbahn arbeitete. Mit siebzehn Jahren leistete er ab 1943 zuerst Arbeitsdienst und dann Kriegsdienst. Nach kurzer Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde er nach Kiel entlassen. Seine Eltern und seine beiden Brüder waren verschollen. Nach dem Krieg holte er die Reifeprüfung nach. Fuhrmann hatte „ursprünglich nie im Sinne, Historiker zu werden“. Seinen Berufswunsch Flugzeugkonstrukteur konnte er in Kiel nach dem Krieg nicht verwirklichen. Statt Flugtechnik studierte er ab dem Sommersemester 1946 Rechtswissenschaft an der Universität Kiel. Nach einem Semester wechselte er zu den Studienfächern Geschichte und Klassische Philologie. Eine geplante Doktorarbeit über Die Religion der Auxiliartruppen verwarf er nach dem Abgang seines ursprünglichen Doktorvaters Herbert Nesselhauf nach Freiburg. Fuhrmann wandte sich dem Mittelalter zu. Im Jahr 1952 wurde er mit einer Arbeit über mittelalterliche Patriarchate bei Karl Jordan promoviert. Die Arbeit wurde grundlegend und in drei Jahresbänden in der Zeitschrift für Rechtsgeschichte veröffentlicht. Für seine Doktorarbeit erhielt Fuhrmann den Fakultätspreis der Universität Kiel. Das Studium beendete er 1954 mit dem Staatsexamen für die Fächer Geschichte und Latein.
Von 1954 bis 1956 war er Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in München und unternahm in deren Auftrag Archiv- und Bibliotheksreisen in Italien. Im Jahr 1957 war er Stipendiat am Deutschen Historischen Institut in Rom. Von August 1957 bis Ende 1961 war er Assistent von Jordan in Kiel. Im Wintersemester 1960/61 erfolgte dort die Habilitation in den Fächern Mittlere und Neuere Geschichte mit einer Schrift über die Bedeutung und Wirksamkeit der Pseudoisidorischen Dekretalen, einer um die Mitte des 9. Jahrhunderts entstandenen Sammlung gefälschter Dekretalen (Papstbriefe mit kirchenrechtlich bindenden Entscheidungen). Die Habilitationsschrift Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen ist 1972–1974 in drei Bänden in den Schriften der MGH erschienen. Dem mittelalterlichen Kirchenrecht galt fortan sein hauptsächliches Forschungsinteresse. Für seine Habilitationsschrift erhielt er 1962 den Premio Spoleto des Centro Italiano di Studi sull’ Alto Medioevo.
Im März 1962 wurde Fuhrmann im Alter von 36 Jahren auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Tübingen berufen, den er neun Jahre lang innehatte. Damit wurde Fuhrmann Kollege von Heinz Löwe, der seit 1961 den anderen Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters bekleidete. Seine Antrittsvorlesung hielt er erst im Februar 1964 über Die Heiligkeit der Päpste im Mittelalter. Fuhrmann sorgte für eine umfangreiche Ausstattung der Seminarbibliothek mit Literatur aus dem Bereich der Kanonistik und Kirchengeschichte. In Tübingen betreute er 17 Dissertationen, sechs davon in seiner Stellung als Tübinger Professor. Die letzte Dissertation eines Tübinger Schülers wurde 1975 abgeschlossen. Zu seinen ersten Schülern und Mitarbeitern in Tübingen zählten Hubert Mordek und Peter Hilsch. Seine bedeutendsten Arbeiten in Tübingen sind die 1966 veröffentlichte Abhandlung Konstantinische Schenkung und abendländisches Kaisertum. Ein Beitrag zur Überlieferungsgeschichte des Constitutum Constantini und die zwei Jahre später veröffentlichte Edition des Constitutum Constantini.
Im Sommer 1966 erhielt er einen Ruf an die Universität Kiel. Die Studenten der Fachschaft organisierten daraufhin einen Fackelzug, um Fuhrmann zum Verbleiben in Tübingen zu bewegen. In den Bleibeverhandlungen mit dem Ministerium konnte Fuhrmann die Einrichtung einer kanonistischen Forschungsstelle durchsetzen. Den Studentenprotesten in der 68er-Zeit stand Fuhrmann ablehnend gegenüber. Mitsprache und Mitbestimmung der Studenten sowie der Mitarbeiter lehnte er ab. In seiner Tübinger Zeit entstanden noch 20 weitere Publikationen. Außerdem gab er einen Band Quellen zur Entstehung des Kirchenstaats heraus. Fuhrmann kam als Professor – völlig unstandesgemäß – mit dem Fahrrad zur Universität. Noch Jahre später erinnerte sich die lokale Presse an ihn als umweltfreundlichen Radfahrer.
Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Professor in Regensburg
Seit 1965 war Fuhrmann Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (MGH). Im März 1967 wurde er für die Präsidentschaft der MGH vorgeschlagen. Damit verschlechterte sich sein Verhältnis zu seinem Kollegen Heinz Löwe, der sich ebenfalls um das Präsidentenamt beworben hatte. Die Ministerien verlängerten jedoch die Amtszeit des amtierenden Präsidenten Herbert Grundmann zweimal. Vom 15. November 1971 bis 31. März 1994 war Fuhrmann als Nachfolger Grundmanns Präsident der MGH. Damit amtierte er länger als jeder seiner Vorgänger seit 1875. Zugleich lehrte er vom 1. Oktober 1971 bis zum 30. September 1992 als ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Regensburg. Sein Tübinger Lehrstuhl blieb nach seinem Abgang bis zur Besetzung mit Dietrich Kurze im Jahr 1973 verwaist. Nach Kurzes frühzeitigen Abgang nach Berlin im Jahr 1975 fiel der Lehrstuhl den Sparmaßnahmen zum Opfer, Fuhrmanns Bemühungen zum Erhalt der Professur blieben erfolglos.
Als Präsident der MGH hatte Fuhrmann ein reduziertes Lehrdeputat von zwei Semesterwochenstunden. Von Ämtern in der akademischen Selbstverwaltung und von Staatsexamensprüfungen war Fuhrmann befreit. Die Lehrveranstaltungen waren vor allem Haupt- oder Forschungsseminare mit intensiver Interpretation der Quellentexte. Während seiner gesamten Amtszeit als Präsident der MGH gab er deren Zeitschrift Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters zusammen mit Hans Martin Schaller heraus. Es ist im deutschsprachigen und internationalen Raum eine der führenden mediävistischen Fachzeitschriften. Unter seiner Herausgeberschaft hat sich die Zahl der rezensierten Autoren von knapp 800 auf 2595 mehr als verdreifacht.
Die beiden Hauptziele seiner Präsidentschaft waren die Finanzierung mediävistischer Forschung und der Brückenschlag „zwischen Fach und Öffentlichkeit“. Anlässlich der 150-Jahr-Feier der Monumenta Germaniae Historica am 12. März 1969 in München hielt Fuhrmann seine Antrittsrede als Präsident über „Die Sorge um den rechten Text“. Darin beschreibt Fuhrmann das Anliegen der Editoren für eine kritische Textaufbereitung. Fuhrmann machte aber auch deutlich, dass der Steuerzahler und der nicht mit der Materie vertraute Bürger ein Anrecht auf Präsentation der Forschungsergebnisse in verständlicher Form habe.
Unter Fuhrmanns Präsidentschaft wandelte sich die Außenwirkung des Instituts. Auf seine Initiative hin veranstalteten die MGH im September 1986 – erstmals in ihrer langen Geschichte – einen internationalen Kongress mit fast 550 Teilnehmern über Fälschungen im Mittelalter. Unter Fuhrmann wurden neue Reihen der Veröffentlichungen begründet. Der erste Band der „Studien und Texte“ erschien 1991. Neue Impulse erhielten auch eingeschlafene Editionen. Kurz nach der Übernahme der Präsidentschaft wurde die Edition der Konzilien wieder aufgenommen und auf den Zeitraum bis 1059 ausgeweitet. Zwischen 1984 und 2010 wurden vier umfangreiche Bände im Bereich der Concilia veröffentlicht. Dieser Bereich war seit 1908 fast ganz zum Stillstand gekommen. Fuhrmann zeigte sich auch technischen Entwicklungen aufgeschlossen. Seit den 1980er Jahren gewann die EDV zunehmend an Bedeutung. Fuhrmann förderte Timothy Reuters Bestrebungen, Editionen mit Textverarbeitungsprogrammen zu erarbeiten. Er setzte sich auch dafür ein, dass die in den Bänden der MGH gesammelten Texte digital bereitgestellt werden. Er selbst lernte den Umgang mit dem Computer aber nicht mehr.