Hilde Meisel (* 31. Juli 1914 in Wien, Österreich-Ungarn; † 17. April 1945 in Tisis bei Feldkirch) war eine Sozialistin und Publizistin. Ab 1932 veröffentlichte sie in der Tageszeitung Der Funke Artikel gegen die NS-Diktatur. In weiteren Beiträgen zu Zeitschriften, Büchern und Rundfunksendungen rief sie im englischen Exil, unter dem Pseudonym Hilda Monte, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf. Obwohl als Sozialistin und Jüdin stark gefährdet, unternahm sie wiederholt geheime Missionen nach Deutschland, Portugal (Ziel Südfrankreich, Schweiz) und Österreich. Weitere Decknamen, die sie in der Emigration benutzte, waren Hilde Olday (nach einer Scheinheirat), Selma Trier, Helen Harriman, Eva Schneider sowie Hilde Monte bzw. H. Monte. Sie wurde am 17. April 1945 bei einem nächtlichen Grenzübertritt von Österreich nach Liechtenstein von einem Grenzsoldaten erschossen.
Hilde Meisel wurde als jüngere von zwei Töchtern in einem nicht strenggläubigen bürgerlich-jüdischen Elternhaus in Wien geboren. 1915 zog die Familie zurück nach Berlin, wo die Eltern Ernst und Rosa Meisel bereits vor dem Krieg gelebt hatten und 1912 ihre Schwester Margot (später verheiratet mit dem Schriftsteller Max Fürst) geboren worden war. Hildes Vater arbeitete im Im- und Export von Haushaltsartikeln. Laut dem Berliner Adressbuch waren ihre Eltern von 1915 bis 1936 in Berlin gemeldet. Bis zur Pubertät prägte eine Schilddrüsenkrankheit ihr Leben und sie musste deshalb mit ihrer Mutter häufiger in die Schweiz zur Kur. 1924 wandte sich ihre Schwester Margot einer deutsch-jüdischen Jugendgruppe mit sozialrevolutionären Ideen, dem „Schwarzen Haufen“ (SH), zu, die bis 1927 dem liberalen deutsch-jüdischen „Wanderbund-Kameraden“ angehörte und sich 1928 auflöste. Die Gruppe war für Hilde Meisel eine erste Orientierung.
Von 1924 bis 1928 besuchte Hilde Meisel – mit Unterbrechungen – die Cecilienschule in Berlin-Wilmersdorf. Als 1929 ihr Onkel, der Dirigent und Komponist Edmund Meisel, in London arbeitete, kam sie zum ersten Mal nach England. Ursprünglich wollte sie Kunst studieren, belegte schließlich aber Kurse in Nationalökonomie an der London School of Economics. Vor Ort stieß sie vor allem zu den Aktivitäten des Londoner Ablegers des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Als der ISK 1932–1933 in Berlin eine eigene sozialistische Tageszeitung – Der Funke – herausgab, gehörte Hilde Meisel zur Redaktion und schrieb selbst zahlreiche Namensartikel. Ihre Themen behandelten zum großen Teil ökonomische und soziale Entwicklungen in Frankreich, England, Spanien und Indien, andere Artikel zeugten von der aufziehenden Gewalt.
Machtergreifung der Nazis und Exil
Über den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) fand sie Kontakt zu politischen Freunden in verschiedenen Ländern. Unter dem Pseudonym Hilda Monte brachte sie ihren Gesinnungsgenossen in Deutschland Literatur und Informationen und half manchem bei der Flucht aus Deutschland.
Die Beiträge, die sie von 1934 bis 1938 für die Sozialistische Warte, eine Exil-Publikation des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), schrieb, befassten sich mit europäischen Wirtschaftsfragen. Sie warnte speziell vor dem wirtschaftlichen und politischen Ausgreifen des NS-Regimes auf Osteuropa.
Als sich die Lage des Strafverteidigers Hans Litten im KZ Dachau dramatisch zuspitzte, beteiligte sie sich auf die Bitte ihrer Schwester Margot intensiv an den Bemühungen um seine Freilassung. Sie korrespondierte darüber mit anderen Unterstützern und erreichte, dass am 26. Januar 1938 im Manchester Guardian ihr Aufruf „In Dachau Camp. The Tragic Case of Hans Litten“ veröffentlicht wurde. Diese Aktionen blieben erfolglos. Hans Litten beging nur wenige Tage später in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1938 Suizid.
1938 ging Hilde Meisel – zur Vermeidung einer Ausweisung aus Großbritannien – eine Scheinheirat mit dem homosexuellen deutsch-britischen Karikaturisten John Olday (1905–1977) ein. Sie wurde dadurch britische Staatsbürgerin und entging somit auch der Internierung, die 1940 zeitweise für „enemy aliens“ galt. In diesen Jahren entwickelte sie eine rege publizistische Tätigkeit mit Beiträgen in The Socialist Vanguard, Sozialistische Warte, Left News und Tribune.
Im Frühjahr 1939 trat sie aus dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund aus. Grund waren nicht politische, sondern organisatorische und persönliche Differenzen. Der erst im September 1939 nachfolgende Austritt von Fritz Eberhard erfolgte separat.
Wie man Hitler besiegen kann, 1939–1945
Zusammen mit Fritz Eberhard veröffentlicht sie 1940 die Schrift „How to conquer Hitler – A Plan of Economic and Moral Warfare of the Nazi Home Front“. Mit eigenem Namen signiert sie für das Kapitel 10 unter dem Titel „The mental make-up of the German people“. Es handelt von der Propaganda des NS-Regimes und ihren Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung.
In seinem späteren Vortrag „Arbeit gegen das Dritte Reich“ erwähnt Fritz Eberhard näheres dazu:
Ein Einschnitt in meiner Emigrantenarbeit war der Kriegsausbruch. Zu dieser Zeit habe ich mich dann auch von der Organisation, vom ISK getrennt. Ich war danach nicht politisch, aber gewerkschaftlich organisiert; war also in England ein politischer Einzelgänger. Meine Eintrittskarte sozusagen zu einem erträglicheren und fruchtbareren Emigrantendasein war ein Buch, das ich sehr rasch nach Kriegsbeginn geschrieben hatte aufgrund von vorher laufenden Vorbereitungen, zusammen mit Hilde Meisel, die erst einen Tag vor Kriegsausbruch Deutschland verlassen hatte, vorher aber auch in England gewesen war.
Sie hatte die letzten Erfahrungen in Deutschland gemacht über die psychologische Lage der Bevölkerung. Dieses Buch 'How to conquer Hitler' gab Ratschläge für den ökonomischen und den psychologischen Krieg gegen Hitler (How to conquer Hitler = Wie kann man Hitler besiegen). Glänzende Besprechungen hatte dieses Buch, das Buch ist eine Seltenheit, denn der größte Teil der Auflage befand sich in einem Lagerhaus am Hafen, als dieses von Nazibomben zerstört wurde. Wenn das Buch deshalb auch zu keiner großen Verbreitung kam, manche wichtigen Leute kannten es doch, und so manche Türen öffneten sich für mich.
Der Sender der europäischen Revolution
Anfang 1940 wurde sie zusammen mit Fritz Eberhard als Beraterin in den Gillies-Ausschuss berufen. In ihm wurden konkrete Pläne für die Einrichtung eines sogenannten Schwarzsenders entwickelt. Der Sender der europäischen Revolution ging am 7. Oktober 1940 zum ersten Mal auf Sendung.
Auch nach der Auflösung des Gillies-Ausschusses 1941 bildete sie bis 1943 zusammen mit dem Gewerkschaftssekretär Walter Auerbach, dem Juristen Otto Kahn-Freund und Fritz Eberhard einen Diskussionskreis, der sich mit der Bekämpfung des Nationalsozialismus in Deutschland beschäftigte.
Im Auftrag des „Ministry of Economic Warfare“ (MEW) wurde Hilde Meisel Mitarbeiterin des „Central European Joint Committee“ (Propaganda und Nachrichtenauswertung).