Hilde Domin, Künstlername von Hildegard Dina „Hilde“ Palm, geborene Löwenstein (* 27. Juli 1909 in Köln; † 22. Februar 2006 in Heidelberg), war eine deutsche Schriftstellerin. Sie war vor allem als Lyrikerin bekannt und eine bedeutende Vertreterin des „ungereimten Gedichts“. Sie hatte jüdische Eltern, war aber erklärtermaßen nicht jüdischen Glaubens. Nach ihrem Exil in der Dominikanischen Republik, der Domin ihren Künstlernamen entlehnte, lebte sie von 1961 an in Heidelberg.
Hildegard „Hilde“ Löwenstein wurde im Juli 1909 in Köln, in der Riehler Straße 23 geboren. Ihre Eltern waren Paula Löwenstein, geborene Trier, und deren Ehemann, der aus Düsseldorf stammende jüdische promovierte Rechtsanwalt und Kölner Justizrat Eugen Siegfried Löwenstein (1871–1942). Ihre Mutter, eine gebürtige Frankfurterin, war, wie damals im gehobenen Bürgertum noch üblich, ohne Berufsausbildung („ohne Beruf“: Eintrag in der Heiratsurkunde vom 24. Oktober 1908).
Als Heranwachsende besuchte sie zunächst keine öffentliche Schule. Nach mehreren Jahren Privatunterrichts trat sie in die Höhere Töchterschule (Merlo-Mevissen-Lyzeum) in Köln ein. Nach dem Abitur am 6. März 1929 schrieb sie sich am 23. April 1929 an der Juristischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ein. Sie hatte das Fach Rechtswissenschaft „aus Begeisterung für ihren Vater gewählt“. Im Wintersemester 1929/1930 schrieb sie sich zusätzlich im Institut für Sozial- und Staatswissenschaften (SOSTA) ein. Der Wechsel im Sommersemester an die Universität Köln und Bonn (Zweithörer) war unfall- bzw. krankheitsbedingt. Bis zur endgültigen Genesung war die junge Studentin gezwungen, im Elternhaus zu leben. An der Universität Köln vertiefte sie ihr ökonomisches Wissen in allgemeiner Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaft, allerdings ohne Abschluss. Eine Tanzstundenfreundschaft mit dem späteren Literaturkritiker und Schriftsteller Hans Mayer veranlasste Domin 1930, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) beizutreten.
Eine Fortführung ihres Studiums folgte an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) am 22. Oktober 1930. Am 4. Dezember 1930 wohnte Domin persönlich einer Rede Hitlers im Berliner Volkspark Hasenheide bei. Sie beschloss daraufhin, Hitlers Mein Kampf zu lesen, und sie besaß die Weitsicht, dass „Hitler das, was er in ‚Mein Kampf‘ geschrieben hatte, auch ausführen würde.“
Nach ihrer Rückkehr nach Heidelberg zum Sommersemester 1931 lernte sie den jüdischen Frankfurter Altphilologie- und Archäologiestudenten Erwin Walter Palm kennen. Seiner Italiensehnsucht folgend, begannen beide im Herbst 1932 ein Auslandsstudium in Rom, das 1933, nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, zur ersten Exilstation wurde. Beide schrieben sich an der Universität La Sapienza in der Facoltà di lettere e filosofia (Fakultät für Literatur und Philosophie) ein. Sie belegte zudem Kurse in Kunstgeschichte und unterstützte Palms archäologische Forschungen, indem sie Zeichnungen und Skizzen von seinen Ausgrabungen anfertigte. Mit privatem Deutschunterricht bestritt sie für beide hauptsächlich den Lebensunterhalt. 1935 wurde Hildegard Löwenstein promoviert und erhielt einen dem Dr. rer. pol. entsprechenden akademischen Grad. Am 30. Oktober 1936 heirateten Erwin Walter Palm und Hilde Löwenstein im Standesamt im Konservatorenpalast in Rom.
Neu zugewanderten Juden wurde im Jahr 1935 das Recht abgesprochen, die italienische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Die Rassengesetze von 1938 machten die Juden zu Staatsfeinden und verlangten deren Ausreise bis zum 12. März 1939. Deshalb floh das Paar 1939 in letzter Minute aus Italien – das von Mussolini gesetzte Ultimatum für die Ausreise war bereits überschritten. Über Paris führte sie die Flucht nach Großbritannien. Dort kamen sie mit Hilfe der vermögenden Verwandtschaft unter. Sie lebten, wie die meisten jüdischen Flüchtlinge, im Londoner Stadtteil Hampstead, bevor die Eltern Löwenstein in Minehead, Somerset, ein Häuschen erwarben. Dort unterrichtete Hilde Palm ein halbes Jahr lang als Sprachlehrerin am St. Aldwyn’s College. Angesichts der Kapitulation Frankreichs und des drohenden Blitzkriegs Hitlers entschlossen sie sich zur Ausreise aus England.
Am selben Tag wie Stefan Zweig, dem 26. Juni 1940, verließen beide England und gelangten über Kanada in die Dominikanische Republik. Dort unterrichtete sie von 1948 bis 1952 Deutsch an der Universität Santo Domingo. Die Veröffentlichung Architektonische Denkmäler der Kolonialmacht Spanien im Jahr 1955, eine Kollektivarbeit des Ehepaars, sorgte für Aufmerksamkeit. Hilde Palm hatte das Lektorat übernommen und den Großteil der dokumentarischen Architekturfotografien erstellt.
Im Jahr 1946 begann Hilde Palm mit ersten schriftstellerischen Tätigkeiten. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1954 veröffentlichte sie Gedichte unter dem Pseudonym Domin. Sie nannte sich nach dem Namen des Inselstaates, in dem sie Zuflucht gefunden und ihr Dichterleben begonnen hatte. Lieben und Geliebtwerden, vor allem aber Gebrauchtwerden, waren für Hilde Domin der eigentliche Sinn des Lebens.
1954 kehrte sie nach 22 Jahren Exil in die Bundesrepublik zurück, doch pendelte sie noch sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland hin und her und intensivierte ihre schriftstellerische Tätigkeit, während ihr Mann seine ibero-amerikanischen Studien vorantrieb. In Miraflores de la Sierra machte sie die Bekanntschaft des spanischen Dichters Vicente Aleixandre, der den Kontakt zur Literaturzeitschrift Caracola herstellte, in der Domin ihre Übersetzungen veröffentlichte.
1959 erschien Hilde Domins erster Gedichtband Nur eine Rose als Stütze. Um zu vermeiden, die Erstveröffentlichung einer Autorin zu publizieren, die das Alter von 50 Jahren bereits überschritten hatte, gab man ihr Geburtsjahr mit 1912 an. Diese Mogelei rückte Domin 1999 zurecht, als ihr offizieller 90. Geburtstag anstand. Neben Gedichten, Erzählungen und ihrem Roman Das Zweite Paradies, verfasst in einer Montageform, schrieb sie zunehmend Essays und literaturwissenschaftliche Abhandlungen, die jedoch weniger Beachtung fanden. Darunter war auch ihre Analyse Wozu Lyrik heute, für die Ulla Hahn in ihrer Laudatio 1992 anlässlich der Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg an Domin Anerkennung zollte. Domin war auch als Übersetzerin und Herausgeberin tätig und stand jungen Dichterkollegen mit Rat zur Seite.
Hilde Domin empfand sich als „Gratwanderin“ mit viel Welt, aber wenig Boden unter den Füßen. Die Verfolgungs- und Exilerfahrung war gleichermaßen prägend für die Identität wie für das dichterische Werk der Lyrikerin, das durch ihre Beherrschung der freien Rhythmen geprägt wurde. Zuflucht bot das dichterische Wort, die deutsche Muttersprache. Das Vertrauen in die Beständigkeit und Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen hingegen war und blieb trotz allen Erfolgs und der großen Anerkennung, die in vielen Zuschriften und zahlreichen Ehrungen zum Ausdruck kam, und selbst angesichts zahlreicher Freundschaften bis zuletzt fragil. Die diesbezüglichen Fragen wurden daher zu einem beherrschenden Thema ihres Werks. In diesem brachte sie ihre Situation in immer neuen Bildern zur Sprache, suchte nach Anhaltspunkten für Antworten, und fand sie in der wenngleich immer gefährdeten Begegnung mit Menschen. Domin sah sich als spanische Autorin in deutscher Sprache, geprägt vom arabischen Erbe des Spanischen und damit Giuseppe Ungaretti verbunden, der sich vom Ägyptischen beeinflusst fühlte. In ihren späteren Gedichten ließ sie sich von der japanischen Kunsttheorie inspirieren und stand auch unter dem Einfluss Hölderlins.
Domin trug in Lesungen ihre Gedichte jeweils zweimal vor. Sie las in Gefängnissen, Schulen und Kirchen. In einem Interview 1986 antwortete sie auf die Frage, wie viel Mut ein Schriftsteller benötige: „Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut. Den, er selber zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.“ Im Wintersemester 1987/1988 hielt sie als vierte Frau nach Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf die Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Im Wintersemester 1989/1990 hatte sie die Poetikdozentur der Akademie der Wissenschaften und der Literatur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne.