Hilary Whitehall Putnam (* 31. Juli 1926 in Chicago, Illinois; † 13. März 2016 in Arlington, Massachusetts) war ein amerikanischer Philosoph. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren der Sprachphilosophie und der Philosophie des Geistes im 20. Jahrhundert.
Putnam war der Sohn des Übersetzers und Romanisten Samuel Putnam, der als Journalist für den Daily Worker, ein Blatt der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA), schrieb. Die Erziehung von Putnam war säkular, obwohl seine Mutter Riva Lillian, geb. Sampson (1893–1979) Jüdin war. Die ersten Lebensjahre wuchs Putnam in Frankreich auf, bis die Familie 1934 in die USA nach Pittsburgh zurückkehrte. An der Central High School lernte er Noam Chomsky kennen, mit dem er dauerhaft befreundet war, auch wenn sich ihre Ansichten teilweise stark unterschieden. Er studierte Philosophie und Mathematik an der University of Pennsylvania. Nach Abschluss des Bachelor of Arts setzte er sein Studium an der Harvard University und später an der University of California, Los Angeles bei Rudolf Carnap und Hans Reichenbach fort. Dort erwarb er 1951 bei Hans Reichenbach den Ph.D. (Doctor of Philosophy) mit einer Arbeit über The Meaning of the Concept of Probability in Application to Finite Sequences. Danach übernahm er Lehrtätigkeiten an der Northwestern University in Evanston/Illinois und 1953 an der Princeton University in New Jersey. Hier hatte er zunächst einen auf ein Jahr befristeten Vertrag als Assistant Professor, der zweimal um drei Jahre verlängert wurde. 1960 erhielt er eine Festanstellung (tenure) und wurde zugleich Mitglied der mathematischen Fakultät, wo er bereits seit einiger Zeit Kurse in mathematischer Logik erteilte und Turingmaschinen zum Gegenstand machte. Im Jahr 1960 ging Putnam für ein Jahr als Guggenheim Fellow nach Oxford. 1961 wechselte er an das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Auf einem Internationalen Kongress für Logik, Methodologie und Wissenschaftsphilosophie lernte er seine Frau Ruth Anna Jacobs kennen, die zunächst an der University of Oregon, später am Wellesley College Philosophie unterrichtete, und heiratete sie 1962. Auch Ruth Anna Jacobs, 1927 in Berlin, Deutschland geboren, hatte eine jüdische Mutter, Marie Kohn, Tochter des Arztes Hans Nathan Kohn. Sie entkam der Vernichtung durch den Nationalsozialismus versteckt in der Gothaer Villa ihrer nicht-jüdischen Großeltern Jacobs. Sie entstammt einer alten Gothaer Gelehrtenfamilie; der Urgroßvaters ihres Großvaters war der bedeutende Altertumsforscher und Schriftsteller Christian Friedrich Wilhelm Jacobs, der Historienmaler Paul Emil Jacobs war ihr Ururgroßonkel. Das Ehepaar Putnam entschloss sich als Zeichen gegen den Antisemitismus dazu, ihre Kinder in einem Haushalt zu erziehen, in dem jüdische Lebensweisen gepflegt werden. Sie lernten daher Hebräisch und auch die Anwendung der jüdischen Zeremonien. 1994 feierte Hilary und 1998 Ruth Anna eine verspätete Bar Mitzwah bzw. Bat Mitzwah. 1965 wechselte Hilary Putnam nach Harvard, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 lehrte. Bis zu seinem Tod war er dort „John Cogan University Professor emeritus“.
In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren setzte Putnam sich sehr gegen den Vietnamkrieg und für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ein. Er verfolgte ab 1968 seine politischen Ziele in der Progressive Labor Party (PLP), einer marxistisch-leninistischen Studentenpartei. Die Leitung der Harvard-Universität versuchte, Putnam wegen seiner politischen Tätigkeit zu zensieren; dies konnte von Putnam mit der Hilfe einer großen Zahl von Freunden und Unterstützern abgewehrt werden. Es ist nicht genau bekannt, wann Putnam seine Verbindung zur PLP auflöste, bis 1975 hatte er jeden Kontakt mit der Organisation abgebrochen. 1997 gab er bei einem Treffen von ehemaligen Wehrdienstverweigerungsaktivisten in Boston zu, mit dem Eintritt in die PLP einen Fehler begangen zu haben. Er sagte, er sei zunächst beeindruckt gewesen vom Engagement der PLP in Bündnissen mit anderen Gruppierungen und von ihrer Bereitschaft, die Armee von innen zu unterwandern.
Putnams Veröffentlichungen zu politischen Themen sind jedoch weniger zahlreich als seine philosophischen Beiträge. Zu nennen sind hier die Aufsätze How Not to Solve Ethical Problems (1983) und Education for Democracy (1993).
Putnam wurde 1976 zum Präsidenten der American Philosophical Association gewählt und war seit 1966 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences sowie korrespondierendes Mitglied der British Academy seit 1978. Im akademischen Jahr 1994/1995 war Putnam Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Ihm wurden der Rolf-Schock-Preis 2011 und der Lauener Preis 2012 zugesprochen.
Bereits in seiner Dissertation The Meaning of the Concept of Probability in Application to Finite Sequences hat sich Putnam mit zwei grundlegenden Themen befasst, die einerseits im Logischen Empirismus und andererseits in der analytischen Philosophie im Vordergrund der seinerzeit aktuellen Diskussionen standen: die mathematische Logik und die Frage nach der Bestätigung wissenschaftlicher Theorien. In der Folge hat Putnam Aufsätze zu einer großen Bandbreite von Themen veröffentlicht, die von der Philosophie der Mathematik und Logik über die Wissenschaftstheorie, die Erkenntnistheorie, die Sprachphilosophie und die Philosophie des Geistes bis hin – in seinem Spätwerk verstärkt – zur politischen Philosophie, zur Ethik und zur Religionsphilosophie reichen. Putnam hat dabei jeweils zu aktuellen Debatten grundlegende Überlegungen beigetragen. Ein Problem, einen Überblick über sein Gesamtwerk zu gewinnen, liegt darin, dass die Aufsätze sich jeweils auf einen bestimmten Aspekt konzentrieren und Putnams einzelne Positionen sich im Laufe der Zeit zum Teil so stark verändert haben, dass sie mit früheren Thesen nicht vereinbar sind. Das Werk Putnams ist in einer Reihe von Sammelbänden zusammengefasst, in denen die wichtigsten Aufsätze dennoch kaum durch eine innere Struktur verbunden sind. Auch in diesen Büchern spiegelt sich eher die historische Denkentwicklung Putnams wider.
In einer Rückschau nennt Putnam zu zwölf Philosophen, die ihn je auf ihre Weise besonders nachhaltig beeinflusst haben, je einen für ihn wichtigen Grundgedanken. Von Morton White, seinem Lehrer in Pittsburgh – dem Schüler und späteren Kollegen von Quine, der ihm riet, nach Harvard zu gehen, – lernte er die Zurückweisung der seit Kant diskutierten Dichotomie von analytischen und synthetischen Sätzen (Zwei Dogmen des Empirismus); in Konsequenz auch die Zurückweisung der Dichotomie von Tatsachen und Werten. White hat diese Auffassung nach Putnam zeitgleich und in Zusammenarbeit mit Quine entwickelt, wobei White die Quine’sche Reduktion von Theorien auf die Wissenschaften ablehnte.
Quine seinerseits hatte vielerlei Einfluss auf Putnam, zunächst als Lehrer und später als Kollege. Von ihm hat Putnam unter anderem die Überzeugung übernommen, dass Mathematik als integraler Bestandteil der gesamten Wissenschaften gedacht werden muss und keine isolierte Position einnimmt. Sein Doktorvater Hans Reichenbach vermittelte Putnam vor allem die Wichtigkeit der Klärung der begrifflichen Grundlagen von Theorien, wohingegen er von vornherein Reichenbachs Verifikationismus ablehnte. Rudolf Carnap, der bei Eintreffen Putnams in Princeton sein zweites Jahr eines zweijährigen Studienaufenthaltes am Institute for Advanced Study verbrachte, ermutigte Putnam zur Beschäftigung mit der rekursiven induktiven Logik. Aus diesem theoretischen Feld heraus hat Putnam seine Theorie des Funktionalismus (Computer als Modell für geistige Aktivitäten) entwickelt, die er jedoch spätestens mit den Arbeiten zu seinem Buch „Representation and Reality“ aufgegeben hat.
Während einer einjährigen Lehrtätigkeit in Princeton hielt Paul Ziff (1920–2003) ein Seminar über semantische Analyse ab. Im Rahmen des Seminars, an dem unter anderen Paul Benacerraf, Jerry Fodor, Jerrold Katz, Noam Chomsky, der zeitgleich für ein Jahr am Institute for Advanced Study arbeitete, und als Gäste aus Oxford Christopher Kirwan und David Wiggins (* 1933) teilnahmen, hat auf Putnam besonders die These gewirkt, dass es aus Sicht der empirischen Linguistik keine Argumente für einen Nonkognitivismus in Hinblick auf ethische Werte gibt. Diese Auffassung hat Putnam über die Jahre begleitet und sie in seinen jüngeren Arbeiten The Collapse of the Fact/Value Dichotomy und Ethics Without Ontology beibehalten. Während eines Kurzaufenthaltes von John Austin im Jahr 1959 in Princeton war Putnam so beeindruckt, dass er sein erstes Sabbatical 1960/61 in Oxford verbrachte, wo er von Austin eingeladen wurde, an dessen „Saturday Morning Group“ teilzunehmen. Hier lernte Putnam die Bedeutung der Philosophie der normalen Sprache (Ordinary Language Philosophy) schätzen, auch wenn Austin noch während seines Aufenthaltes verstarb und Paul Grice die Leitung der Gruppe übernahm.