Der Hessische Rundfunk (hr, ursprünglich HR) ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts (Landesrundfunkanstalt) für das Land Hessen mit Sitz in Frankfurt am Main. Er betreibt das hr-fernsehen sowie die Hörfunkprogramme hr1, hr2-kultur, hr3, hr4, hr-info und Dasding. Der hr ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) und seit 2020 Sitz des ARD-Wetterkompetenzzentrums.
Anfänge als Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG
Im Herbst 1922 hatte das Reichspostministerium anfängliche Pläne für einen zentral ausgestrahlten deutschen Rundfunk aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt wurde Frankfurt am Main als Standort für einen Sender festgelegt, der die Region zwischen Trier, Köln, Kassel, Würzburg und Stuttgart abdecken sollte. Im Spätsommer 1923 setzte sich im Ministerium auch das Prinzip einer regionalen Programmgestaltung durch. Treiber der Entwicklung war die staatlich kontrollierte Gesellschaft Deutsche Stunde. Allerdings durften für Aufbau und Betrieb des Rundfunks keine staatlichen Finanzmittel in Anspruch genommen werden.
Mehrere Interessenten bemühten sich beim Reichspostministerium um die Sendelizenz für Frankfurt. Im Oktober 1923 setzte sich der Chemie-Unternehmer Carl Adolf Schleussner durch und erreichte auf Initiative des Wirtschaftsdezernenten Ludwig Landmann zudem die Zusage einer finanziellen Unterstützung durch den Magistrat der Stadt. Schleussner hatte einen Unterstützerkreis aus Privatleuten aufgebaut, die an der Funktechnik sowohl ideell als auch finanziell interessiert waren, darunter der Industrielle Fritz von Opel. Im November und Dezember folgten Verhandlungen von Schleussner und seine Mitstreitern mit Post- und Innenministerium in Berlin, der Deutschen Stunde sowie mit der Stadtverwaltung Frankfurt am Main über finanzielle und vertragliche Details. Parallel beauftragte das Postministerium das Telegraphentechnische Reichsamt mit Messungen zum Aufbau eines Rundfunksenders in Frankfurt. Am 7. Dezember 1923 erfolgte die notarielle Gründung der „Südwestdeutschen Rundfunkdienst Aktiengesellschaft“ (SÜWRAG), gegen den Willen des damaligen Kasseler Oberbürgermeisters und früheren Reichskanzlers Philipp Scheidemann, der die Sendeanstalt nach Kassel holen wollte. Das Gründungskapital betrug 100 Billionen Papiermark, später umgestellt auf 60.000 Goldmark. Die gleichen Personen gründeten eine Woche später auch die Aerophon AG zum Vertrieb von Rundfunkempfängern, die allerdings zwei Jahre später wieder liquidiert wurde. Es folgten weitere Verhandlungen über den Lizenzvertrag sowie Werbung für den bevorstehenden Rundfunkbetrieb auf verschiedenen Kanälen. Am 2. Februar 1924 wurde die SÜWRAG in das Frankfurter Handelsregister eingetragen. Am 4. Februar begannen die Bauarbeiten für die Sendeantenne auf dem Frankfurter Postscheckamt in der Senckenberg-(heute Stephan-)/Ecke Stiftstraße.
Eine Versuchsphase folgte im März 1924. Am 17. März erhielt die SÜWRAG eine vorläufige Sendegenehmigung des Reichspostministeriums, weil es weiterhin und auch in den folgenden zwei Jahren Auseinandersetzungen mit dem Reichsinnenministerium und später auch mit den Reichsländern über den endgültigen Konzessionsvertrag gab. Zum 1. April 1924 nahm der Sender Frankfurt I mit einer Sendeleistung von 700 Watt auf 460 m Wellenlänge den Sendebetrieb auf. Nach der Stationsansage von Hans Flesch wurde die Egmont-Ouvertüre von Beethoven gesendet. Es folgten Werke von Weber, Mozart, Schubert und Mendelssohn. Sender und Aufnahmeraum sowie ein „Künstlerzimmer“ befanden sich im fünften Stock des Postscheckamtes, die Verwaltungsräume lagen im Schleussnerschen Firmenhaus in der Elbestraße 50. 546 Hörer hatten sich zu diesem Zeitpunkt für eine Monatsgebühr von zwei Reichsmark in den Postämtern registriert. 1925 wurde das Unternehmen Mitglied der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG). 1926 nahm Radio Frankfurt den 1,5 kW starken Sender Heiligenstock in Betrieb. 1930 zog Radio Frankfurt in ein eigenes Funkhaus an der Eschersheimer Landstraße. Am 1. März 1926 wurde nach Beilegung der politischen Auseinandersetzungen auf Reichsebene der SÜWRAG und den übrigen Sendergesellschaften die endgültige Genehmigung für den Radiobetrieb erteilt. Im gleichen Zug wurden für die Sender Kulturbeiräte und Politische Überwachungsausschüsse gebildet. Dieser Prozess war teilweise von politischen Auseinandersetzungen begleitet und zog sich für die SÜWRAG bis Anfang 1927 hin.
Der erste künstlerische Leiter war der wegen seiner Experimentierfreude bekannte Arzt Hans Flesch. Er kam 1924 zum Sender, gewann Schriftsteller und Philosophen wie Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und junge Komponisten wie den mit ihm verschwägerten Paul Hindemith für das Programm. Im Sommer 1924 erhielt Flesch den ähnlich innovativen Ernst Schoen in der Funktion des künstlerischen Assistenten zur Seite gestellt. 1929 wechselte Flesch als Intendant zur Berliner Funkstunde. Von Herbst 1924 an verstärkte Carl Stueber das Profil des Senders mit Blick auf klassische Musik. Von Mitte 1925 an produzierte Paul Laven Reportagen von Sportereignissen und aus dem Frankfurter Alltag.
Im ersten Jahr wurde täglich zwischen drei und fünf Stunden lang gesendet, von März 1925 an durchgängig rund sieben Stunden am Tag. Gesetzt war jeweils von 11:55 bis 12:10 Uhr ein Nachrichtenblock, von 16:30 bis 18 Uhr Unterhaltungsmusik. Von 20:30 Uhr an folgte ein Konzert, an das sich Spätnachrichten anschlossen. Gelegentlich wurde um 19:30 Uhr ein Vortrag und von 21:50 Uhr an Tanzmusik eingefügt. Vorträge und Weiterbildungskurse wurden in Zusammenarbeit mit Frankfurter Volksbildungseinrichtungen, örtlichen Medien, der Industrie- und Handelskammer und dem städtischen Gesundheitsamt produziert. Die erste musikalische Uraufführung, die als erste im deutschen Rundfunk überhaupt über den Sender ging, war am 7. April 1924 Hindemiths Minimax für Streichorchester. Der Sender beauftragte den Komponisten Ernst Krenek mit einer ersten Auftragsproduktion unter dem Titel Radio Blues und Hans Flesch schrieb und produzierte unter dem Titel Zauberei auf dem Sender ein erstes Hörspiel. Ebenfalls im ersten Senderjahr etablierten sich Wettbewerbe für Sänger und Dichter, Wunschkonzerte und ein „Briefkasten“, in dem Hörereinsendungen verlesen wurden. Insbesondere das Engagement Fleschs verschaffte dem Frankfurter Sender den Ruf eines innovativen, liberalen Mediums, auch wenn politische Äußerungen im Programm untersagt waren.
Das Programm durfte zunächst in den alliiert besetzten Gebieten am Rhein nicht empfangen werden. Ende 1925 lockerte die alliierte Verwaltung dieses Verbot. Mit dem Ende der Besetzung 1930 wurde es ungültig.
Nach der gescheiterten Bewerbung Kassels um den Sitz des regionalen Senders blieben dortige Radiofreunde aktiv und gründeten im April die Casseler Interessengemeinschaft für den deutschen Rundfunk. In den folgenden Monaten erreichten sie beim Reichspostministerium die Bewilligung eines örtlichen Zwischensenders, um das nur schlecht empfangbare Radiosignal aus Frankfurt zu verstärken. Dieser wurde am 21. Dezember 1924 in der Kasseler Oberpostdirektion (damals Hohenzollernstraße 24, heute Friedrich-Ebert-Straße) in Betrieb genommen. Mit einer vom Frankfurter Sender abweichenden Wellenlänge von 288 m und Einrichtungen für das direkte Einsprechen von Sendungen wurden die Voraussetzungen für ein eigenständiges Programm geschaffen. Zwei Tage vor Sendungsbeginn wurde der Theaterregisseur Karl Block als Leiter der Kasseler SWR-Niederlassung eingestellt. Erst zur Jahreswende 1924/25 bestand eine Fernsprechverbindung, mit der das Programm aus Frankfurt an den Kasseler Sender übertragen werden konnte. Am 10. Januar 1925 strahlte erstmals umgekehrt der Sender Frankfurt ein in Kassel gespieltes Konzert aus.
Das Ende 1924 angestoßene Projekt eines Zwischensenders nach Kasseler Vorbild in Mannheim scheiterte nicht zuletzt am Widerstand der Rundfunkverantwortlichen in Stuttgart und in Bayern. Am 30. April 1926 ging schließlich eine Besprechungsstelle in Mannheim in Betrieb, die vom Frankfurter und Stuttgarter Sender gemeinsam betrieben wurde.