Herzog Blaubarts Burg (ungarischer Originaltitel: A kékszakállú herceg vára; Op. 11, Sz 48, BB 62) ist eine 1911 von Béla Bartók komponierte Oper in einem Akt mit einem Libretto von Béla Balázs. Die Uraufführung fand am 24. Mai 1918 im Königlichen Opernhaus in Budapest statt.
Im Prolog stimmt ein Sprecher die Zuschauer auf die folgende Sagenerzählung ein: „Die Burg ist alt, alt ist auch die Sage, die von ihr geht. Hört zu nun, hört.“
Während dieser Worte öffnet sich der Vorhang, und die Bühne zeigt eine „mächtige runde gotische Halle“ mit einer Steiltreppe zu einer kleinen Eisentür. Rechts neben der Treppe befinden sich sieben große Türen. Ansonsten ist die Halle düster und leer und ähnelt einer Felsenhöhle. Plötzlich öffnet sich die Eisentür. In dem dadurch entstehenden „blendend hellen Viereck“ zeigen sich die Silhouetten von Judith und Blaubart. Judith ist dem Herzog in seine Burg gefolgt. Er gibt ihr noch eine Gelegenheit zur Umkehr – doch Judith ist fest entschlossen, bei ihm zu bleiben. Für ihn hat sie ihre Eltern, ihren Bruder und ihren Verlobten verlassen. Die Tür fällt hinter ihnen zu. Judith tastet sich langsam an der feuchten linken Mauer entlang, erschüttert über die Dunkelheit und Kälte in Blaubarts Burg. Sie fällt vor ihm nieder, küsst seine Hände und will das dunkle Gemäuer mit ihrer Liebe erhellen. Um den Tag hereinzulassen, sollen die sieben verschlossenen Türen geöffnet werden. Blaubart hat keine Einwände. Er gibt ihr den ersten Schlüssel.
Als Judith die erste Tür öffnet, fällt ein blutrot glühender langer Lichtstrahl durch die Öffnung auf den Hallenboden. Hinter der Tür erkennt Judith zu ihrem Entsetzen Blaubarts Folterkammer mit blutigen Wänden und verschiedenen Instrumenten. Sie fasst sich aber schnell, vergleicht das Leuchten mit einem „Lichtbach“, und fordert den Schlüssel zur zweiten Tür. Hinter dieser leuchtet es rötlichgelb. Es handelt sich um Blaubarts Waffenkammer mit blutverschmiertem Kriegsgerät. Tatsächlich wird es durch die Lichtstrahlen in der Burg heller, und Judith möchte nun auch die übrigen Türen öffnen. Blaubart gibt ihr zunächst drei Schlüssel. Sie darf schauen, aber nicht fragen. Sie zögert kurz, bevor sie nach einer Ermutigung durch Blaubart die dritte Tür „mit warmem, tiefen erzenen Klang“ öffnet und ein goldener Lichtstrahl heraustritt. Es ist die Schatzkammer voller Gold und Edelsteinen, die nun alle ihr gehören sollen. Sie wählt einige Juwelen, eine Krone und einen prächtigen Mantel aus und legt sie an die Türschwelle. Da entdeckt sie Blutflecken auf dem Geschmeide. Unruhig öffnet sie die vierte Tür, durch die es blaugrün leuchtet. Dahinter befindet sich der „verborgene Garten“ der Burg mit riesigen Blumen – doch auch die Rosenstämme und die Erde sind blutig. Judiths Frage, wer den Garten wässert, lässt Blaubart unbeantwortet, denn sie darf ihm keine Fragen stellen. Ungeduldig öffnet sie die fünfte Tür, durch die eine „strahlende Lichtflut“ eintritt und Judith für einen Moment blendet. Sie erkennt dahinter das große Land des Herzogs mit Wäldern, Flüssen und Bergen, ist aber irritiert durch eine Wolke, die „blutigen Schatten“ wirft. Das Innere der Burg selbst ist jetzt hell erleuchtet. Blaubart warnt Judith vor den letzten beiden Türen, aber sie besteht darauf, auch diese zu öffnen. Ein stiller Tränensee erscheint hinter der sechsten Tür. „Wie ein Schatten fliegt es durch die Halle“, und das Licht trübt sich wieder ein. Als Blaubart zumindest die letzte Tür verschlossen halten will, schmiegt sich Judith flehend an ihn. Blaubart umarmt sie und küsst sie lange. Voller Vorahnung fragt ihn Judith nach seinen früheren Liebschaften. Sie beharrt darauf, nun auch die siebte Tür zu öffnen und erhält schließlich den Schlüssel. Als sie langsam zur Tür geht und sie öffnet, fallen die fünfte und sechste Tür „mit leisem Seufzen“ zu. Es wird wieder dunkler. Durch die siebte Tür strömt silbernes Mondlicht herein, das ihre Gesichter beleuchtet. Heraus treten die drei früheren Frauen Blaubarts, mit Kronen und Juwelen geschmückt, als Verkörperungen der Tageszeiten Morgen, Mittag und Abend. Blaubart legt Judith die Krone, den Schmuck und den Mantel aus der Schatzkammer um. Sie muss als Nacht an die Seite ihrer Vorgängerinnen treten und ihnen hinter die siebte Tür folgen. Blaubart bleibt in der wieder dunkel gewordenen Burg zurück: „Und immer wird nun Nacht sein… Nacht… Nacht…“
Das Versmaß besteht fast vollständig aus trochäischen Tetrametern bzw. aus achtsilbigen Balladenversen.
Der Text zeichnet sich durch eine musikalisch gedachte Dialoggestaltung aus, die der Librettist Béla Balázs von Maurice Maeterlinck erlernt hatte. Ähnlich wie im Werk Richard Wagners gibt es häufige Wort- und Phrasenrepetitionen und analog zu musikalischen Leitmotiven eingesetzte Metaphern.
Der dramaturgische Aufbau der Oper entspricht dem eines Sprechdramas. Die Introduktion, in der Judith in Blaubarts Burg eintrifft, ist dreiteilig. Der Hauptteil, in dem sie die sieben Türen öffnet, ist als Spannungsbogen ausgebildet, der bei den ersten vier Türen (Folterkammer/Waffenkammer und Schatzkammer/Garten) stufenweise wächst und den Höhepunkt bei der fünften Tür erreicht, bevor er während der beiden letzten Türen wieder abnimmt. Der Epilog schildert die finale Trennung der beiden Charaktere.
Bei seiner Vertonung orientierte sich Bartók anders als die Sprache des Librettos nicht an Wagner, sondern eher am französischen Impressionismus. Auch seine Forschungsarbeiten an der osteuropäischen Volksmusik zur Entstehungszeit der Oper spielen eine Rolle. Folkloristische Elemente und zukunftsweisende Harmonik sind „organisch“ ineinander verwoben.
Das dramaturgische Konzept des Librettos spiegelt sich im genau festgelegten Farbenspiel der Szene (das im Gegensatz zum kargen Bühnenbild steht) und im Tonartensystem der Musik. Im Ganzen ergibt sich ein in kleinen Terzen absteigender Tonkreis mit der Abfolge Fis – Es – C – A – Fis. Zu Beginn herrscht strenge Pentatonik mit dem Fis als Grundton vor. Beim Öffnen der Waffenkammer erklingen Trompetenfanfaren in Es-Dur. Dieses kennzeichnet auch die Weitläufigkeit der Gärten hinter der vierten Tür. Zum dramaturgischen Höhepunkt bei der fünften Tür spielt das volle Orchester samt Orgel in strahlendem C-Dur, um das große Reich des Herzogs zu präsentieren. Der Tränensee hinter der sechsten Tür ist durch a-Moll gekennzeichnet, und Blaubarts Einsamkeit am Ende wieder in pentatonischem Fis.
Zu dieser auf dem Tritonus aufbauenden Grundstruktur kommen tonale Quintbeziehungen. Die Oper besitzt somit ein „polyfunktionales System“, wie es der Musikwissenschaftler József Ujfalussy nannte.
Jeder Raum besitzt durch Instrumentation und Thematik eigene kompositorische Merkmale. Bei der Folterkammer hinter der ersten Tür erklingen beispielsweise Xylophone und hohe Holzbläser, die schnelle Tonleitern vom Umfang eines Tritonus herauf- und herunterspielen. Bei der Waffenkammer sind es die schon erwähnten Trompeten. Zur anschließenden Warnung Blaubarts erklingt ein Hornsolo. Bei der Schatzkammer spielen glitzernde Harfen und Celesta in D-Dur.
Das immer wieder von Judith bemerkte Blut ist durch einen dissonanten „Leitklang“ mit Halbtonreibungen gekennzeichnet. Er erklingt zum ersten Mal zu Judiths Worten „Nass ist die Mauer! Blaubart!“ bei Judith Eintritt in die Burg, als sie sich in der Finsternis an den Wänden entlangtastet. In der Folge gewinnt er durch andere Instrumentierung und steigende Tonlagen zunehmend an Schärfe, bis die fünfte Tür erreicht ist. Anschließend wechselt er die Bedeutung und stellt nun Judiths Obsession dar.
Anders als die teilweise geradezu expressionistisch wirkende Orchestersprache behandelt Bartók die Gesangspartien weitgehend zurückhaltend. Sie erinnern eher an die Musik Claude Debussys. Die Phrasen sind meistens nur kurz. Die Melodien haben häufig einen absteigenden Charakter. Bei Bedarf verwendet Bartók jedoch auch ariose Gesangslinien anstelle des vorherrschenden Parlandos. Die Musik der beiden Personen ist unterschiedlich gestaltet. Der Herzog verwendet vorzugsweise volksliedhafte Pentatonik, während Judith reichhaltigere Musik mit chromatischen Wendungen und differenzierteren Rhythmen besitzt. Ihr ist auch das für Bartók typische Symbol des Weiblichen, der Dur-Septakkord der ersten Stufe, zugewiesen. Dessen Moll-Version findet sich auch in der schnellen Figuration des Tränensee-Bildes. Herzog Blaubarts Burg gilt als Wendepunkt in der Geschichte der ungarischen Oper, da hier erstmals der Gesangsstil speziell an den ungarischen Sprachrhythmus adaptiert ist.