Das Ehepaar Hertha Parnass (geb. Emanuel, geb. am 29. Juni 1906 in Hamburg; gest. 1942 in Treblinka) und Salomon Simon Parnass (geb. am 5. Dezember 1879 in Tarnopol; gest. 1942 in Treblinka) wurde in der NS-Zeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Hamburg nach Polen ausgewiesen, später in dortige Ghettos deportiert und schließlich im Vernichtungslager Treblinka ermordet. 2023 entschied die Bezirksversammlung Hamburg-Eimsbüttel, einen öffentlichen Platz nach ihm zu benennen.
Simon und Hertha Parnass waren die Eltern der Hamburger Publizistin Peggy Parnass.
Hertha Emanuel war die Tochter des Uhrmachers Iwan Emanuel (1876–1942) und dessen Ehefrau Franziska Emanuel geborene Horwitz (1875–1913). Das jüdische Ehepaar ließ sich 1909 scheiden. Der Vater wurde am 8. November 1941 ins Ghetto nach Minsk deportiert und verhungerte dort.
Hertha hatte zwei Geschwister und sechs Halbgeschwister, davon wurden vier in der Shoa ermordet:
Ihre Schwester Rena Rahel Emanuel (* 9. Mai 1903 in Hamburg), verehelichte Drehmel, war seit 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn und starb an den Folgen des Aufenthalts am 11. Juni 1943 in Berlin.
Ihre ledige Halbschwester Rosa Emanuel (* 22. April 1911 in Hamburg) kam 1941 ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel, 1942 ins KZ Ravensbrück und wurde am 7. Februar 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.
Ihre ledige Halbschwester Frieda Franziska Emanuel (* 8. Oktober 1913 in Hamburg) kam 1938 ins KZ Fuhlsbüttel, war 1938–1939 im KZ Lichtenburg, 1939–1942 im KZ Ravensbrück und wurde am 21. Februar 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.
Ihre Halbschwester Paula Andrade (* 12. März 1909 in Hamburg), verehelichte Müller, wurde am 15. Juli 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, am 29. Januar 1943 ins KZ Auschwitz überstellt und dort am 1. Februar 1942 ermordet.
Simon („Pudl“) Parnass war der außereheliche Sohn der Sophie Popper (1849–1916) und des Bauunternehmers Meir Parnass (1849–1936). Das Kind wurde durch die Heirat der Eltern erst 1895 legitimiert. Simons Geburtsstadt Tarnopol in Galizien gehörte als Kronland zum cisleithanischen Teil Österreich-Ungarns. Die jüdische Familie Parnass übersiedelte Ende des 19. Jahrhunderts nach Wien, wo Simons Eltern verstarben. Ihr Grabstein blieb auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs erhalten.
Von Simons elf Geschwistern wurden drei in der Shoa ermordet:
Sein Bruder Josef Parnass (* 4. September 1874 in Tarnopol) wurde am 10. September 1942 aus Wien ins KZ Theresienstadt deportiert und 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Seine ledige Schwester Stella Sahra Parnass (* 31. August 1875 in Tarnopol) wurde am 20. Juni 1942 aus Wien ins KZ Theresienstadt deportiert und 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Seine Schwester Anny (Anna) Parnass (* 22. April 1891 in Tarnopol), verehelichte Klapp, wurde am 20. Januar 1942 aus Wien ins Ghetto nach Riga deportiert und dort ermordet.
Simon Parnass lässt sich 1909 als Kaufmann in Wien nachweisen. Im Januar 1910 verzog er nach Hamburg. Er arbeitete dort zunächst als Auktionator und wohnte im Schaarsteinweg 20. Im Juli 1914 bestellte er das Aufgebot für die Ehe mit der Witwe Sophie Johanne Wilhelmine Emanuel (1862–1926), geborene Stolle. Der Beginn des Ersten Weltkriegs verhinderte die Eheschließung. Als österreichischer Staatsangehöriger meldete sich Simon am 31. August 1914 in Wien zum Militärdienst. Er wurde der kaiserlich-königlichen Landwehr zugeteilt. 1915 gehörte er zum k.k. Landwehr Infanterieregiment „Krakau“ Nr. 16 und seit 1916 zum k.k. Landwehr Infanterieregiment „Olmütz“ Nr. 13. Er erhielt die österreichische Tapferkeitsmedaille in Bronze sowie in Silber, hier der zweiten Klasse, sowie später noch das Karl-Truppenkreuz verliehen. Er wurde 1914 und 1916 verwundet und erlitt dabei eine Lungenquetschung. Mit dem Dienstgrad Korporal wurde er 1918 aus der österreichischen Armee entlassen, hielt sich kurzzeitig bei seiner Familie in Wien auf und reiste am 21. Januar 1919 zurück nach Deutschland. Seit 1925 lässt er sich im Hamburger Schanzenviertel in der Bartelsstraße 94 nachweisen. Er arbeitete nun als Stahlwarenhändler.
Am 26. August 1927 heiratete Simon Parnass in Hamburg Hertha Emanuel. Am 11. Oktober 1927 wurde die Tochter Ruth (genannt Peggy) und am 12. Oktober 1934 der Sohn Gerd Hans Ludwig (genannt Gady) in Hamburg geboren. 1935 wohnte die Familie in der Methfesselstr. 13, im Erdgeschoss. Bereits seit 1932 war Simon aufgrund der Folgen seiner Kriegsverletzungen in ärztlicher Behandlung. Mittlerweile litt er zusätzlich an Lungentuberkulose und erhielt als anerkannter Kriegsinvalide aus Österreich eine Unterstützungszahlung.
Bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme erkannte das Ehepaar Parnass die antisemitische Gefahr und wollte Deutschland verlassen. Ihre Auswanderungsversuche scheiterten an Simons chronischer Lungenerkrankung und den fehlenden finanziellen Mitteln. Aufgrund der jüdischen Herkunft musste er seine kaufmännische Tätigkeit aufgeben und war gezwungen, Gelegenheitsarbeiten im Hamburger Hafen zu übernehmen. Zusätzlich erhielt die Familie eine Wohlfahrtsunterstützung durch die jüdische Gemeinde.
Ihre Tochter Peggy erinnert sich: „Alles, alles was wir machten war verboten. Meine süße kleine Mutti, die hat Vieles gemacht, weil sie wollte, dass wir auch Spaß haben. Dabei wusste sie, dass es schlimme Folgen haben würde, wenn wir erwischt worden wären. Wir durften gar nichts: nicht ins Kino, nicht in Schwimmbäder, nicht ins Theater. Wir durften nicht auf einer Parkbank sitzen; das war für Juden und Hunde verboten. Wir durften überhaupt nichts.“
Simons Geburtsstadt Tarnopol gehörte seit der polnischen Besetzung 1919 zur Zweiten Polnischen Republik, weshalb er die polnische Staatsangehörigkeit erhielt. Im Verlauf der sogenannten Polenaktion wurde er daher von den deutschen Behörden als ein aus Polen eingewanderter Jude am 28. Oktober 1938 von seiner Familie getrennt und ins grenznahe Bentschen in Polen abgeschoben. Seine Ehefrau Hertha war als Pflichtarbeiterin vorerst von einer Abschiebung verschont worden. Jedoch bereits im Januar 1939 traf die Hamburger Verwaltung erste Maßnahmen zur Ausweisung der gesamten Familie Parnass. Simon befand sich zu dieser Zeit noch immer an der deutsch-polnischen Grenze. Da er keine Verwandtschaft mehr in Polen hatte, untersagte ihm die polnische Regierung eine Weiterreise und internierte ihn mit etwa 8000 anderen Juden in ein Lager bei Bentschen. Nach Einstellung der Polenaktion durfte Simon nach Hamburg zurückkehren. Am 24. April 1939 stellte Simon einen Ausreiseantrag nach Polen für sich und seine Ehefrau Hertha.