An diesem Tag

Herstatt-Bank

Ehemalige Kölner Privatbank

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Die Herstatt-Bank (eigentlich I. D. Herstatt KGaA) war eine Kölner Privatbank, die vom Bankier Iwan David Herstatt gegründet und geleitet wurde. Im Juni 1974 wurde sie infolge von Devisenspekulationen insolvent; ihr Zusammenbruch war die bis dahin größte Bankenpleite seit Bestehen der Bundesrepublik. Das Bankhaus I. D. Herstatt KGaA besaß die Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, bei welcher der namensgebende Iwan David Herstatt als Komplementär und Hans Gerling als Kommanditaktionär maßgeblich, zuletzt mit mehr als 84 % Aktienanteil, beteiligt waren. Das Bankhaus besaß eine Vollbanklizenz und betrieb alle Bankgeschäfte in der Form einer Universalbank.

Die Herstatt-Bank besaß ein Vorläuferinstitut, das auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückblicken konnte. Die Familiendynastie Herstatt begann in Köln mit Isaak Herstatts (* 21. August 1697 in Eschweiler; † 28. April 1761 in Köln) Antrag auf Aufenthaltserlaubnis am 21. März 1727. Der streng protestantische Hugenotte stammte aus dem flandrischen Valenciennes. Er und seine Nachfahren betrieben Handelshäuser, insbesondere den Handel mit Seide.

Auch das von den beiden nachfolgenden Brüdern Johann David Herstatt (* 13. Oktober 1740 in Köln; † 2. Januar 1809 ebenda) und Jakob Herstatt (* 29. Januar 1743 in Köln; † 25. März 1811 ebenda) gegründete Bankhaus I. D. Herstatt (Köln, Hohe Pforte 25–27) ging 1782 aus einer Seiden- und Florettbandweberei hervor, wobei die Brüder in den Gründerjahren krisenbedingt das Seidengeschäft sukzessive zugunsten des Kommissions- und Bankgeschäfts zurückdrängten. Johann David Herstatt führte das Unternehmen ab 1782 ohne seinen Bruder weiter. Als Bankier wird Johann David Herstatt erstmals im Ratsprotokoll der Stadt Köln vom 27. Januar 1792 erwähnt.

Die Herstatt-Bank war zusammen mit dem A. Schaafhausen’schen Bankverein während der französischen Besatzungszeit in Immobiliengeschäfte aus Säkularisation involviert. Sie verfügte 1796 über ein Eigenkapital von 100.000 Reichstalern, das im Jahre 1810 auf 260.000 angewachsen war. Erst ab 1815 wurden ausschließlich Bankgeschäfte betrieben, und zwar insbesondere das Warenwechselgeschäft und der Kontokorrentkredit. Bankkunden waren die Montan-, eisenverarbeitende und Textilindustrie in der Region. Seit 1818 bestand eine Kooperation der Herstatt-Bank mit den Kölner Privatbanken J. H. Stein und A. Schaafhausen’scher Bankverein.

In der dritten Generation führte Friedrich Peter Herstatt (* 25. September 1775 in Köln; † 7. Mai 1851 ebenda) die Bankgeschäfte, der sich als Teilhaber 1798 seinen Schwager Ludwig Gottfried von den Westen (* 13. August 1766; † 1. September 1845 Köln) und ab 1837 Heinrich Ziegler holte. Zusammen mit den Kölner Bankhäusern Stein, A. Schaafhausen und Sal. Oppenheim gründete die Herstatt-Bank 1818 die Rheinschifffahrts-Assekuranz-Gesellschaft, aus der 1845 die Agrippina-Versicherung hervorging. Spätestens seit 1834 gehörte Friedrich Krupp zu den Bankkunden, als die Herstatt-Bank einen Kontokorrentkredit von 8000 Talern zur Verfügung stellte und zur Hausbank emporstieg. Auch Felten & Guilleaume gehörte zu den Bankkunden.

Auch an den Gründungen der kapitalintensiven Eisenbahnen war die Herstatt-Bank beteiligt; es begann 1837 mit der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft und setzte sich mit der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft 1841 fort. Als am 5. März 1839 die Kölnische Feuer-Versicherungs-Gesellschaft ihre Konzession erhält, gehören Simon Oppenheim (Sal. Oppenheim), Heinrich Ziegler (Herstatt-Bank), Wilhelm Ludwig Deichmann (Teilhaber bei A. Schaafhausen) und zwei andere Kölner Bankiers zu den Gründern, aus ihr ging die Colonia-Versicherung hervor.

Im März 1843 hatte Herstatt auch an der Gründung der ersten deutschen Rückversicherung, der Kölnische Rückversicherungs-Gesellschaft mitgewirkt. Ab 1849 ist eine Emissionstätigkeit für Anleihen belegt, als die Herstatt-Bank sich an einer Kölner Stadtanleihe beteiligte; 1856 folgten Aktienemissionen wie die der Vulkan AG für Hüttenbetriebe und Bergbau, jedoch schien sich Herstatt bei größeren Emissionen im Gegensatz zu den anderen Kölner Privatbankiers zurückzuhalten.

Sein Sohn Johann David (* 28. Mai 1805 in Köln; † 31. Januar 1879 ebenda) führte die Bankgeschäfte nunmehr in der vierten Generation weiter und war von 1831 bis 1879 Präsident der Kölner Handelskammer. Dessen Sohn Friedrich Johann David (* 29. September 1831 in Köln; † 17. Januar 1888 ebenda) starb früh an Lungenentzündung, sein einziger Sohn Johann David (* 27. März 1887 in Köln; † 4. November 1955 ebenda) war erst knapp ein Jahr alt – die familiäre Übertragungskette auf den jeweils ältesten Sohn dadurch nicht mehr gegeben.

Mangels geeigneter Nachfahren wurde deshalb am 15. März 1888 das Bankhaus I. D. Herstatt nach über 100-jähriger Geschäftstätigkeit vom Bankhaus J. H. Stein übernommen und nachfolgend im Namen vom Bankhaus Stein liquidiert. Damit endete zunächst die Existenz des Bankhaus I. D. Herstatt. Es residierte bis 1888 in einem repräsentativen Gebäude in der Hohe Pforte 25–27/Ecke Sternengasse, das 1929 abgebrochen wurde.

Der in Köln geborene Iwan David Herstatt erwarb am 2. Juni 1955 das unbedeutende Kölner Bankhaus Hocker & Co. (Bilanzsumme 52 Millionen DM), das nach dem Tod des Inhabers Hans Hocker († 22. April 1954) zum Verkauf stand und 1938 durch Arisierung aus dem jüdischen Bankhaus Sternfeld & Tiefenthal (gegründet 1885) hervorgegangen war.

Am 10. Dezember 1955 firmierte das Bankhaus in „I. D. Herstatt KGaA“ um. Hinter der für eine Bank seltenen Rechtsform verbarg sich der Versicherungsunternehmer und Herstatt-Jugendfreund Hans Gerling, der sich mit einer Einlage von 5 Millionen DM als Kommandit-Aktionär (81,4 %; der Rest lag bei Tochtergesellschaften des Gerling-Konzerns) beteiligte, und Iwan David Herstatt als persönlich haftendem Gesellschafter. Im Laufe der Jahre erhöhte der Gerling-Konzern seine Beteiligung auf 84,0273 %.

Im Mai 1957 wurde das von Architekt Hanns Koerfer geplante neue Bankhaus in der Bankenmeile Unter Sachsenhausen 6 (heute: GESIS, Einrichtung des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften) der Kölner Innenstadt eröffnet. Es gelang der Bank, sich im Wertpapiergeschäft zu etablieren und zahlreiche prominente Kölner als Kunden zu gewinnen. Durch die expansive Geschäftspolitik avancierte das Bankhaus von einer reinen Regionalbank zu einer überregional tätigen Bank. Das war auch an der Bilanzsumme abzulesen, die zum 31. Dezember 1959 bei 249 Millionen DM lag und Ende 1962 auf 560 Millionen DM angewachsen war. Durch das forcierte Auslands- und Devisengeschäft erlangte die Herstatt-Bank in den frühen 1970er Jahren auch wachsende internationale Bedeutung. 1974 vertrauten etwa 52.000 Kunden der Bank ihr Geld auf 78.000 Konten und in 15.000 Depots an.

Devisenspekulationen und die „Goldjungs“

Herstatts Geschäftspolitik führte zu einem rasanten Wachstum. Wies die Bilanzsumme im Jahr 1956 noch 72 Millionen DM auf, so lag sie 1958 bei 171 Millionen, um schließlich bis 1973 auf 2 Milliarden DM anzusteigen. Die Zahl der Beschäftigten wuchs von 15 (1955) auf 850 (1971) an. Doch die Gewinne aus dem klassischen Bankgeschäft schrumpften.

Als Gewinnpotenzial identifizierte man die aus der Freigabe der Wechselkurse am 10. Mai 1971 resultierenden Devisenkurse, die nicht mehr innerhalb von relativ engen Wechselkursbandbreiten schwankten, sondern von Zentralbanken fast vollständig der Marktentwicklung überlassen wurden. Da das Kundengeschäft dafür nicht ausreichte, wurde der Devisenhandel überwiegend als Eigenhandel betrieben. Auch andere Banken hatten weltweit darin Gewinnmöglichkeiten erblickt. Entscheidend war bei der Devisenspekulation die Einschätzung der künftigen Kursentwicklung des US-Dollar und anderer wichtiger Währungen.

Die Ära der frei schwankenden Wechselkurse („Floating“) begann ab März 1973. Dadurch verstärkten sich die Devisen-Spekulationen weltweit; der Eigenhandel in Devisen (also nicht kundengetriebenes Geschäft) wurde zum Kernstück des Herstatt-Bankgeschäfts. Auch viele andere deutsche und internationale Banken entdeckten das offensichtlich lukrative Geschäft. Bei Herstatt waren für diese Geschäfte die sogenannten „Goldjungs“ zuständig – sechs erst knapp über 20 Jahre alte Devisenhändler. Die Abteilung leitete Dany Dattel. Die Devisenabteilung arbeitete weitgehend ohne Kontrolle, was durch die vergleichsweise geringen aufsichtsrechtlichen Vorschriften und durch wenig Kontakt zu den anderen Geschäftsbereichen begünstigt wurde.

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