Hermann Graf von Neuenahr (Nuenar, a Nvenare, de Nova Aquila, Neaëtius) (* 1492; † 20. Oktober 1530 in Augsburg) war ein deutscher humanistischer Theologe, Staatsmann, Naturwissenschaftler und erzbischöflicher Kanzler der alten Universität Köln.
Hermann von Neuenahr entstammte einer politisch einflussreichen Familie am Niederrhein. Diplomatische Missionen für das Erzstift Köln führten ihn bis nach Italien und Spanien. In der Reichspolitik unterstützte er die kaiserlich-habsburgische Position gegen französische und päpstliche Interessen. Er galt als einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit und verfügte über weitreichende Kontakte zu erasmisch und reformatorisch gesinnten Humanisten. In der Auseinandersetzung mit scholastischen Gegnern verwandte er neben sorgfältiger Argumentation auch Spott und Ironie. Graf Hermann sammelte und veröffentlichte antike und mittelalterliche Handschriften aus Klosterbibliotheken und betätigte sich auch selbst literarisch. Seine Forschungsinteressen lagen auf historischen, theologischen und medizinisch-pharmazeutischen Gebieten. Als Kölner Dompropst setzte er sich für eine Öffnung der Universität Köln gegenüber neuen, humanistischen Strömungen ein, konnte sich allerdings nur bedingt gegen konservative Kräfte durchsetzen.
Hermann von Neuenahr war der Sohn von Wilhelm I. Graf von Neuenahr (* um 1447; † 1497), Herr zu Bedburg, und (⚭ 1484) Gräfin Walburga von Manderscheid (* 1468; † 1530/35), Herrin zu Schleiden. Seine Mutter heiratete 1502 in zweiter Ehe Frederik van Egmond (um 1440–1521), Graf zu Büren und Leerdam, Sohn von Graf Wilhelm van Egmond (1412–1483), Herr von IJsselstein und Statthalter von Geldern, und dessen Frau Walburga von Moers (um 1415–um 1459).
Hermanns Schwester Anna von Neuenahr (um 1490–1535) war verheiratet (⚭ um 1508) mit Walraven II. van Brederode (1462–1531), Herr von Vianen und Ameide, Burggraf von Utrecht. Hermanns Bruder Graf Wilhelm II. von Neuenahr (1485/87–1552) war verheiratet mit der Erbtochter der Grafschaft Moers, Gräfin Anna von Wied (um 1500–1528), einer Nichte des späteren Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Hermann V. von Wied (1477–1552). Wilhelm II. war der Vater von Graf Hermann von Neuenahr und Moers dem Jüngeren (1520–1578).
Floris van Egmond (1469–1539), habsburgischer Statthalter der Herrschaft Friesland, war Hermanns Stiefbruder. Aus einer außerehelichen Beziehung seines Vaters stammte die Halbschwester Agnes, verheiratet mit Wilhelm Deutz genannt van der Kulen. Johann IX. von Hoorn († 1506), seit 1482 Bischof von Lüttich, war Hermanns Großonkel, Konrad IV. von Rietberg († 1508), Bischof von Osnabrück und Münster, sein Cousin.
Hermann von Neuenahr wuchs in Köln auf. Der alte „Neuenahrer Hof“ (im 17. Jh. niedergelegt, Treppenturm in der Kirche St. Maria in der Kupfergasse erhalten), das Hofgut der Familie, stand an der Ecke Langgasse (heute: Neven-DuMont-Straße) / Schwalbengasse-Kupfergasse. Im Alter von drei Jahren erhielt Hermann von Neuenahr 1495 eine Domizellar-Präbende (Pfründe) am Kölner Domkapitel, 1500 besaß er auch ein Kanonikat an der Kathedrale St. Lambert in Lüttich, wo sein Großonkel als Bischof residierte, und hatte die Pfarr-Pfründe zu Hochemmerich inne. Er war zudem Kanoniker an St. Gereon in Köln und am Marienstift zu Aachen. Hermann von Neuenahr, dessen Vater starb, als er etwa fünf Jahre alt war, wurde bei einem Verwandten, dem Kölner Domherren Graf Simon von Spiegelberg (vor 1475–1524), erzogen. Sein Erzieher („Institutor“) war der Humanist Petrus Pherndorphius (auch: Peter Segenensis; * vor 1480; † vor 1547).
Am 14. November 1504 immatrikulierte er sich als „domic[ellarius] Herm[annus] de Nuwenaro, can[onicus] maioris eccl[esiae]“ an der Kölner Universität. Zu seinen universitären Lehrern gehörte unter anderem Jacobus Magdalius von Gouda († 1520).
1508 bis 1510 unternahm Hermann von Neuenahr im Gefolge einer nach Rom reisenden Gesandtschaft des Kölner Erzbischofs Philipp II. von Daun (1463–1515) eine ausgedehnte Studienreise nach Italien. Beim Aufbruch in Köln am 12. Dezember 1508 wurde er von seinem Präzeptor (Lehrer), dem Humanisten Johannes Caesarius, begleitet. Die Reiseroute führte über Bonn, Koblenz, Remagen, Niederheimbach, Oberwesel, Bingen, Mainz, Oppenheim, Worms, Oggersheim, über den Rhein nach Rheinhausen (Huysen), Bruchsal (Brosel), Vaihingen (Phayngen), Esslingen, Göppingen, Ulm, Kempten, Schloss Erenstein (verlesen „Kronstein“) bei Reutte, folgte dann der Via Claudia Augusta über den Fernpass, Nassereith, Landeck, Pfunds (Fentz), den Reschenpass, Schlanders, Meran, Tramin, Trient, Calliano, Borghetto sull'Adige, die Chiusa Veneta (Venedier Kluse) bei Ceraino, Verona, Isola della Scala (Alaschala) und Ostiglia am Po. Neuenahr und Caesarius trennten sich am 13. Januar 1509 in Bologna von der Reisegruppe, immatrikulieren sich an der dortigen Universität und studierten intensiv Griechisch. Bei einem Besuch in Ferrara lernte Hermann den Humanisten und Mediziner Niccolò Leoniceno (1428–1524) kennen. Famulus von Hermann von Neuenahr in Bologna war Magister Gerhard von Enschringen (* vor 1490; † zwischen 1560 und 1572), sein späterer Sekretär und Kaplan.
Hermann von Neuenahr hatte Kontakt zu vielen bedeutenden Humanisten seiner Zeit, unter anderem zu Erasmus von Rotterdam (1465–1536), Lambert de Hollogne († um 1522), Konrad Peutinger (1465–1547), Eitelwolf von Stein (1465/66–1515), Hermann von dem Busche (1468–1534), Johannes Caesarius (1468–1550), Willibald Pirckheimer (1470–1530), Nicolaas van Broekhoven (Bruchhofen) Buscoducensis (* 1478; † um 1553), Petreius Aperbacchus (Peter Eberbach) (1480–1531), Helius Eobanus Hessus (1488–1540), Jakobus Greselius (1483–1552), Arnold Haldrein von Wesel (* um 1484; † 1534), Heinrich Glarean (1488–1563), Beatus Rhenanus (1485–1547), Ulrich von Hutten (1488–1523), Juan Luis Vives (1492–1540), Jakob Sobius (1493–1527/28), Johann von Vlatten (um 1498–1562), Dietrich Zobel von Giebelstadt († 1531), Euricius Cordus (1486–1535), Adolf Eichholz (vor 1490–1563) oder Simon Reichwein (1501–1559).
In der Epistola apologetica pro Reuchlino vom 30. August 1517 nennt Pirckheimer in seiner berühmten Liste von 45 humanistisch gesinnten „gelehrten und des Namens würdigen“ Theologen (vir doctus et Theologico nomine dignus) auch den Grafen Hermann von Neuenahr. Neuenahr hielt an der Kölner Universität öffentliche Vorlesungen über Griechisch und Hebräisch. Hermann von dem Busche bezeichnete Hermann von Neuenahr 1518 als „gekrönten Dichter“ (poeta laureatus).
Im Dunkelmännerbriefe-Streit zwischen Johannes Reuchlin (1455–1522) und Johannes Pfefferkorn (1469–1524), der von der Kölner und Pariser Universität unterstützt wurde, nahm Hermann von Neuenahr wie sein Freund Agrippa von Nettesheim (1486–1535) zugunsten Reuchlins und des Talmuds Stellung.
Hermann von Neuenahr könnte bereits an den 1515 erschienenen Epistolae obscurorum virorum (= Briefe dunkler Männer) mitgewirkt haben. Die wichtigste Belegstelle dafür aus einem undatierten Brief an Reuchlin („gegen Hoogstraten … haben wir paar Wörtchen entworfen“) kann jedoch inzwischen auf 1518 datiert werden und wird heute auf spätere Texte bezogen. Im zweiten Band der Epistolae obscurorum virorum, der 1517 erschien, erwähnt der fiktive Magister Philipp Schlauraff (vgl. „Schlauraffen-Land“) in einem Carmen rithmicale für den scholastischen Theologen Ortwin Gratius (1475–1542), in dem er von Begegnungen mit Humanisten an den Universitäten quer durch Deutschland berichtet, auch Hermann von Neuenahr in Köln in einem Knittelvers. In Köln habe er sich nicht um die Vorlesungen von Buschius und Caesarius gekümmert,
„Sed steti cum Theologis / & vixi in laetitiis
Und gab nit ein har / auff den Graven von newen Ar.“
Dieses satirische Gedicht wurde wahrscheinlich von Hutten verfasst.
Literarisch griff Hermann von Neuenahr 1517 mit der Veröffentlichung Defensio praestantissimi viri Ioannis Reuchlin (= Verteidigung des herausragendsten Mannes Johannes Reuchlin) in den Streit ein, die eine Schrift des franziskanischen Humanisten und päpstlichen Legaten Juraj Dragišić (Georgius Benignus), Titularerzbischofs von Nazareth, enthielt. Dragišić' um 1515 verfasstes Manuskript An Iudaeorum libri, quos Thalmud appellant, sint potius supprimendi, qu[am] tenendi & conservandi (= Ob die Bücher der Juden, die sie Talmud nennen, eher zu unterdrücken als (nicht vielmehr) zu bewahren und zu erhalten sind) war Hermann in Köln von dem Bremer Domkantor Martin Gröning († 1521), der aus Rom gekommen war, übergeben worden. Hermann widmete die Veröffentlichung Dietrich Zobel von Giebelstadt, der ein Anhänger Reuchlins und zu dieser Zeit Generalvikar des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg (1490–1545) war. 1518 erschien die „Defensio“, in der der Dominikanerorden und der päpstliche Inquisitor Jakob van Hoogstraten (um 1460–1527) scharf angegriffen wurden, in einer zweiten Auflage. Der etwa 20-jährige Philipp Melanchthon (1497–1560) bedankte sich für die Unterstützung seines Verwandten Reuchlin, indem er Hermann von Neuenahr das Vorwort zu einer von ihm herausgegebenen Schrift des Humanisten Mariangelus Accursius (1489–1546) widmete, die Graf Herrmann aus Italien mitgebracht und Reuchlin überlassen hatte. Melanchthon sandte Hermann von Neuenahr auch ein Probemanuskript (specimen) der von ihm verfassten Commentarii Συντάξεων περὶ ἑλληνικῶν ἰδιωμάτων (= Bemerkungen zu Satzlehren von den griechischen Dialekten), die nie gedruckt wurden und als verschollen gelten.