An diesem Tag

Hermann Schmitz (Philosoph)

Deutscher Philosoph (1928-2021)

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Hermann Schmitz (* 16. Mai 1928 in Leipzig; † 5. Mai 2021 in Kiel) war ein deutscher Philosoph. Er knüpfte an die von Edmund Husserl begründete Phänomenologie an, die er einer kritischen Neuausrichtung unterzog, womit er zum Begründer der Neuen Phänomenologie wurde.

Hermann Franz-Heinrich Schmitz wurde 1928 als Sohn von Hermann Schmitz und seiner Ehefrau Magdalene, geborene Malkwitz, in Leipzig geboren, wo sein Vater von 1919 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1938 als Reichsgerichtsrat tätig war. Als Heranwachsender erlebte er die Zeit des Nationalsozialismus mit; insbesondere das ihm auffallende Unvermögen vieler Zeitgenossen – nicht zuletzt im intellektuellen Milieu –, sich der affektiven Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda zu entziehen, wurde ihm laut eigener Aussage später zum Impuls für die philosophische Thematisierung von Phänomenen wie Atmosphären, gemeinsamen Situationen und leiblicher Dynamik sowie für eine radikale Kritik der europäischen Intellektualkultur.

Das Abitur erlangte Schmitz 1949 am Beethoven-Gymnasium in Bonn und begann im selben Jahr ein Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Bonn. Wie eine Reihe anderer prominenter deutschen Philosophen seiner Generation (u. a. Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Karl-Heinz Ilting) war er ein Schüler Erich Rothackers, der dann, wie im Falle von Habermas, sein Doktorvater wurde. Schmitz wurde 1955 an der Universität Bonn mit einer Dissertation über Goethes Altersdenken in Begriff und Symbol promoviert; das Dissertationsprojekt wurde von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert.

1958 wurde Schmitz Assistent am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo er sich mit der Schrift Hegel als Denker der Individualität habilitierte. 1971 erhielt er auf dem ungewöhnlichen Wege der Hausberufung eine ordentliche Professur am Kieler Philosophischen Seminar, das er ab 1988 als Nachfolger von Kurt Hübner bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1993 leitete. Auch als Emeritus gab er noch lange Zeit Lehrveranstaltungen. Neben und nach seiner Lehrtätigkeit verfasste er ein umfangreiches Werk aus philosophischen Monographien und Fachartikeln. Im Zentrum seiner philosophischen Arbeit steht die kritische Anknüpfung an die Phänomenologie und deren Neuausrichtung zur so genannten Neuen Phänomenologie.

Schmitz sagte 88-jährig im Rückblick auf sein Leben, er sei „auf seinem Weg immer geradeaus gelaufen. [...] So geradlinig konnte mein Weg auch deshalb nur sein, weil ich mich nicht familiär gebunden habe. Daher war er auch mit großen Verlusten verbunden, denn es wäre schön gewesen, eine Familie zu haben. Es hat sich aber erwiesen, dass ich die Einsamkeit brauche zum Denken.“

Das an seine frühen Schriften aus der Promotions- und Habilitationsphase anschließende Werk von Hermann Schmitz kann im Großen und Ganzen in drei Phasen eingeteilt werden.

In dieser Phase verfasst Schmitz sein System der Philosophie in zehn Teilbänden, beginnend mit dem Band Die Gegenwart von 1964 und schließend mit dem Band Die Aufhebung der Gegenwart von 1980. Schmitz war sich im Klaren, dass der Entwurf und die Ausarbeitung eines philosophischen Systems in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts für viele anachronistisch wirken musste. Dennoch motivierte er sein Projekt wie folgt: Die von ihm angestrebte Kritik der „Introjektion der Gefühle“, d. h. die Auffassung von Gefühlen als „innere“ Bewusstseinszustände, ist so weitreichend, dass sie keine Aussicht auf Erfolg hätte, wenn nicht zentrale und scheinbar selbstverständliche Annahmen des dominanten, abendländisch geprägten menschlichen Selbst- und Weltverständnisses thematisiert und im Lichte tragfähigerer Alternativen geprüft würden. Der Maßstab dieser kritischen Prüfung ist letztlich die unwillkürliche (nicht: unvermittelte) Lebenserfahrung, der sich Schmitz durch die von ihm vorgeschlagene Methode der phänomenologischen Revision annähern will. Auf diese Weise gelangt er zu einem im Vergleich zur klassischen Phänomenologie relativen Phänomenbegriff, nach dem ein Phänomen das ist, was sich jemandem nach Variation und Kritik möglichst vieler diesbezüglicher Annahmen als Sachverhalt darstellt, dessen Anerkennung als Tatsache sich der Betreffende im Ernst nicht verweigern kann. Für die intersubjektive Geltung des so geprüften Phänomens als Tatsache gibt es prinzipiell keine Garantie; daher kann diese Geltung nicht vom einzelnen Phänomenologen vorweggenommen werden, sondern muss sich im redlichen wissenschaftlichen Diskurs bewähren – oder korrigiert werden.

Mit dieser Methode gelangte Schmitz zu radikalen Infragestellungen dominanter Annahmen der philosophischen Tradition, beispielsweise hinsichtlich Einzelnem und Mannigfaltigem, Leib und Seele, Subjektivität, Intersubjektivität und Objektivität, Personalität und Freiheit u. v. a. m. Diese Infragestellungen gehen zum Teil beträchtlich über die von früheren Phänomenologen wie Husserl vorgetragene Kritik hinaus und erscheinen systematisch umfassender begründet sowie begrifflich stabiler gefasst als etwa die Versuche von Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre oder Emmanuel Levinas. In diesem Sinne beansprucht Schmitz, mit seinem System der Philosophie die Begründung einer neuartigen Phänomenologie geleistet zu haben, woraus sich die Bezeichnung dieser philosophischen Richtung als „Neue Phänomenologie“ ergibt.

In der Entfaltung seiner systematisch umfassenden Kritik an der Introjektion der Gefühle erarbeitet Schmitz eine ganze Reihe von Konzepten, die er für geeignet hält, die im Rahmen dieser Kritik erschütterten traditionellen Begriffe „durch phänomenologisch Angemesseneres ab[zu]lös[en].“ Dazu gehören unter anderem die „primitive Gegenwart“ als eine Art Bezugspunkt der phänomenologischen Revision, die Leiblichkeit, die Räumlichkeit und atmosphärische Qualität von Gefühlen oder auch die Situation. Sie ermöglichen im Sinne der Tradition unkonventionelle Zugänge zu philosophischen Themen wie Subjektivität, Personalität, Gefühlstheorie, Rechtsphilosophie, Freiheit, Religionsphilosophie, Sozialontologie und dergleichen mehr.

Einigen dieser Themen widmete Schmitz nach Abschluss der eigentlichen systematischen Phase (etwa um 1980) geraffte Gesamtdarstellungen, detaillierte Einzelstudien und selbstkritische Revisionen, wie etwa in Der unerschöpfliche Gegenstand (1990), Die Liebe (1993), Der Spielraum der Gegenwart (1999), Freiheit (2007), Kurze Einführung in die Neue Phänomenologie (2009), Der Leib (2011), Das Reich der Normen (2012) oder Atmosphären (2014).

2. Die Phase der philosophiehistorischen Studien

In dieser Phase (etwa von 1980 bis 2010) erarbeitete Schmitz einen kritischen Überblick über zentrale Weichenstellungen in der abendländischen Philosophie. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei u. a. die Vorsokratiker (Anaximander, 1988), Demokrit (Der Ursprung des Gegenstandes. Von Parmenides bis Demokrit, 1988), Aristoteles (Die Ideenlehre des Aristoteles. Ontologie, Noologie, Theologie, 1985), Platon (Die Ideenlehre des Aristoteles. Platon und Aristoteles, 1985), Kant (Was wollte Kant?, 1989), Fichte (Die entfremdete Subjektivität. Von Fichte zu Hegel, 1992), Hegel (Hegels Logik, 1992), Nietzsche, Wittgenstein (Selbstdarstellung als Philosophie. Metamorphosen der entfremdeten Subjektivität, 1995), Husserl und Heidegger (Husserl und Heidegger, 1996). Neben diesen sehr detaillierten Studien lieferte Schmitz auch Gesamtbetrachtungen sowohl der abendländischen Philosophie (Der Weg der europäischen Philosophie. Eine Gewissenserforschung. Band 1: Antike Philosophie, 2007. Band 2: Nachantike Philosophie, 2007) als auch bestimmter Aspekte der europäischen Intellektualkultur, wie etwa der Geschichte des abendländischen Verständnisses von Liebe (Die Liebe, 1993).

Im Zuge des Voranschreitens der europäischen Intellektualkultur von der Antike bis zur Gegenwart sieht Schmitz die Bildung und immer stärkere Ausprägung dessen, was er die „psychologistisch-reduktionistisch-introjektionistische Denkweise“ nennt. Die Kultivierung dieser Denkweise ermöglicht dem Menschen sowohl stärkere Kontrolle über seine unwillkürlichen Regungen als auch eine weitreichende Bemächtigung seiner Welt. Dies geschieht laut Schmitz zum einen, indem der Mensch sein Erleben als in seiner Seele stattfindend auffasst, die steuerbar ist (Psychologismus), zum anderen, indem der Weltstoff außerhalb der Seele auf gut manipulierbare Merkmale und deren Träger reduziert wird (Reduktionismus). Was sich nicht so reduzieren lässt, wie etwa die Gefühle, die nach Schmitz unwillkürlich als räumlich ergossene Atmosphären erlebt werden, wird wiederum in der Seele als abgegrenzter Innenwelt abgelagert (Introjektion).

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