Hermann Schaaffhausen (* 19. Juli 1816 in Koblenz; † 26. Januar 1893 in Bonn) war ein deutscher Anthropologe und Naturwissenschaftler.
Hermann Schaaffhausen war ein Sohn des Geschäftsmannes Hubert Josef Schaaffhausen und dessen Frau Anna Maria Wachendorf aus Koblenz. Er studierte Medizin in Berlin und Bonn, bevor er sich 1844 habilitierte und im selben Jahr einem Ruf an die Bonner Universität folgte. Schaaffhausen lehrte die Fächer Physiologie und Anthropologie.
Schaaffhausen widmete sich insbesondere Fragen der Kulturgeographie (bzw. Humangeographie), also der Problematik des Verhältnisses von Mensch und Raum, was im Verständnis der Zeit auch Rassentheorien einschloss. Dem Thema des Verhältnisses von Naturraum und Kultur war auch ein früher Aufsatz mit dem Titel „Die Natur und die Gesittung der Völker“ gewidmet, der 1850 erschien. Auf der in Bonn abgehaltenen, 33. Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher trug Schaaffhausen am 24. September 1857 über „die Entwickelung des Menschengeschlechts und die Bildungsfähigkeit seiner Rassen“ vor. Ein Beobachter der Versammlung schrieb dazu in der Leipziger Illustrirten Zeitung: „Sehr interessant war der in dieser Sitzung gehaltene Vortrag des Prof. Schaaffhausen aus Bonn über die Bedeutung der Kultur in der Menschengeschichte, wobei der Redner insbeſondere die Gleichberechtigung sämmtlicher Racen zur Kultur hervorhob; in der That ein wichtiges Thema unserer Zeit!“ Die kurze Notiz im Amtlichen Bericht über die Drei und Dreissigte Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Bonn zu Schaaffhausen Vortrag lautete: „Professor Schaaffhausen sprach über die Entwicklung des Menschengeschlechts, die er mit Rücksicht auf den verschiedenen körperlichen und psychischen Zustand der Menschenrassen als eine allen in gleicher Weise zukommende Bestimmung hinstellte, indem er zugleich die vielverbreitete Ansicht von einer wesentlichen und unabänderlichen Verschiedenheit der Rassen zu widerlegen suchte.“ Den Angaben des Amtlichen Berichts zufolge sprach Schaaffhausen auf dieser Versammlung noch nicht im Detail über seine früher im selben Jahr gemachten Untersuchungen an dem 1856 entdeckten Neanderthaler-Schädel; sein eigener Befund („Zur Kenntniss der ältesten Rasseschädel“) erschien erst 1858 im Druck.
Schaaffhausen und der Neandertaler
1857 untersuchte Schaaffhausen zusammen mit dem Anatomen Franz Josef Karl Mayer die Knochen des später Neandertal 1 genannten Holotypus des Neandertalers (Homo neanderthalensis) und berichtete erstmals am 4. Februar 1857 auf einer Versammlung der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Bonn in Bonn darüber. Dort zeigte er einen Gipsabdruck des von Johann Carl Fuhlrott im Neandertal bei Mettmann gefundenen Schädeldachs. Im Winter 1857 reiste Fuhlrott selbst nach Bonn, um seine Fossilien dort persönlich zu übergeben. Mayer war es wahrscheinlich, der verästelte Metallablagerungen, so genannte Dendriten, an den Knochen feststellte. Diese deuteten aus seiner Sicht auf ein hohes Alter hin. Mayer konnte sich in der folgenden Zeit aus krankheitsbedingten Gründen nicht mehr um die Funde kümmern und überließ Schaaffhausen die weitere Auswertung. Der verglich sie mit verschiedenen neolithischen Funden aus Mecklenburg, mit denen zusammen er sie „mit Wahrscheinlichkeit […] einem rohen Urvolk“ zuschrieb, „welches vor den Germanen das nördliche Europa bewohnt hat, … eine weite Verbreitung hatte … und mit der Urbevölkerung von Britannien, Irland und Skandinavien […] verwandt war“. Im Gegensatz zu Fuhlrott war Schaaffhausen jedoch nicht bereit, dem Fund ein eiszeitliches Alter zuzugestehen.
Besonders Rudolf Virchow jedoch bestritt, dass es sich bei dem Fund um einen fossilen Menschen, einen Frühmenschen handele und glaubte, die besondere Form des Knochens sei durch eine rachitische Erkrankung hervorgerufen. Es ist Hermann Schaaffhausen zu verdanken, dass das Skelett nicht nach England verkauft wurde, sondern sich heute noch im Besitz des Rheinischen Landesmuseums befindet.
Mitbegründer des Rheinischen Landesmuseums
Schaaffhausen kann als wichtiger Mitbegründer der modernen physischen Anthropologie gesehen werden. Dies betrifft sowohl besondere Teilgebiete des Faches, wie z. B. die Paläoanthropologie, als auch die Institutionalisierung dieser Wissenschaft in Gesellschaften. Er war Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie und Mitherausgeber der Zeitschrift Archiv für Anthropologie.
Die Verteidigung des Neandertalers als besondere Menschenform kostete ihn seine akademische Karriere: So blieb er, trotz vielfältiger Eingaben an das Ministerium, bis zu seinem 50. Doktorjubiläum außerordentlicher Professor, d. h. ohne Sitz und Stimme in der Fakultät.
Schaaffhausen war Mitbegründer des Rheinischen Landesmuseums. Er bewohnte eine großzügige Villa bei Honnef, die noch heute existiert und nach Schaaffhausens Tod von seiner Tochter der Erzdiözese Köln vermacht wurde (→ Villa Schaaffhausen). Prinz Wilhelm von Preußen war dort während seiner Bonner Studienzeit häufig zu Gast und wohnte zeitweise dort. 1876 pflanzte er selbst die „Kaisereiche“ im Garten der Villa. Nach Schaaffhausens Frau Anna wurde das Annatal im Siebengebirge benannt, in dem er die sog. Römerquelle zur Bewässerung seiner Villa errichten ließ.
1893 starb Hermann Schaaffhausen in Bonn und wurde am 29. Januar beerdigt. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof.
Hermann Schaaffhausen war Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Im Jahr 1873 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt. 1889 wurde er Ehrenmitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.
Im Frühjahr 1864 war Schaaffhausen von der Anthropological Society (London) zum „auswärtigen Sekretär“ und von der Société d’anthropologie (Paris) zum „auswärtigen Mitgliede“ ernannt worden.
Ueber die Fortschritte der Naturwissenschaften, insbesondere der Physiologie. Habilitationsvortrag Universität Bonn, 19. November 1844, zuerst abgedruckt in den Anthropologischen Studien (1885), S. 20–35 Digitalisat ZB MED
Fortschritt der menschlichen Bildung. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 1 (Stuttgart–Tübingen 1848), S. 1–18. Digitalisat ANNO. Wiederabdruck unter dem Titel „Der Fortschritt der menschlichen Bildung“ in den Anthropologischen Studien (1885), S. 36–51 Digitalisat ZB MED
Die Natur und die Gesittung der Völker. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 1 (Stuttgart–Tübingen 1850), S. 179–228 Digitalisat ANNO. Wiederabdruck in den Anthropologischen Studien (1885), S. 52–100 Digitalisat ZB MED
Ueber Beständigkeit und Umwandlung der Arten. In: Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preussischen Rheinlande, Band 10 (1853), S. 420–451 (zobodat.at [PDF]), Wiederabdruck in den Anthropologischen Studien (1885), S. 134–164 Digitalisat ZB MED
Ueber die Verbreitung des organischen Lebens auf der Erde. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 1 (1854), S. 188–221 Digitalisat ANNO. Wiederabdruck unter dem Titel „Die Verbreitung des organischen Lebens auf der Erde“ in den Anthropologischen Studien (1885), S. 101–133 Digitalisat ZB MED