Hermann Josef Abs (eigentlich Hermann Joseph Abs; * 15. Oktober 1901 in Bonn; † 5. Februar 1994 in Bad Soden am Taunus) war ein einflussreicher deutscher Bankmanager.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war er ab 1938 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank sowie ab 1940 Mitglied des Aufsichtsrats der I.G. Farben. Nach dem Zusammenbruch des deutschen nationalsozialistischen Staates wurde er von seinem Vorstandsposten suspendiert und für etwa drei Monate inhaftiert.
Er war Vorstandssprecher von 1957 bis 1967 und anschließend bis 1976 Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank. Aufgrund der Anhäufung seiner vielen Aufsichtsratsmandate beschloss der Deutsche Bundestag 1965 eine sogenannte Lex Abs, womit die Zahl der Mandate pro Person beschränkt wurde. Bundeskanzler Konrad Adenauer diente er als Berater und „Finanzdiplomat“.
Hermann J. Abs, geboren als Sohn des Managers, Rechtsanwalts und Notars Josef Abs (1862–1943), Vorstandsmitglied der Braunkohlen-Gesellschaft Hubertus, Braunkohlenbergbau in Brüggen an der Erft, Mitglied des Aufsichtsrates der Braunkohlen- und Brikettwerke Roddergrube und Aufsichtsratsvorsitzender der Erft AG, und seiner Ehefrau Katharina, geb. Lückerath, wuchs in einer gläubigen katholischen Familie auf. Seine beiden Großväter waren der Möbelfabrikant Johann Gottfried Abs (1823–1886) und der Textilfabrikant Caspar Lückerath (1820–1882), beide aus Euskirchen. Nach dem Abitur am Städtischen (humanistischen) Gymnasium in Bonn, dem heutigen Felix-Hausdorff-Gymnasium, absolvierte Abs eine Banklehre beim Bonner Privatbankhaus Louis David und begann anschließend Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Universität Bonn zu studieren. Schon nach einem Semester brach er 1921 das Studium ab, weil seine Familie ihm das Studium nicht mehr finanzieren konnte, um bis 1923 beim Privatbankhaus Delbrück, von der Heydt & Co in Köln, danach für kurze Zeit jeweils bei Banken in Amsterdam, England, den USA und Lateinamerika als Devisenhändler zu arbeiten.
Am 15. Februar 1928 heiratete er Inez Schnitzler (1908–1991), die der angesehenen Kölner Bankiersfamilie Schnitzler entstammte. Aus der Ehe stammen zwei Kinder: Thomas Vincent (1929–2001) und Marion Claude (* 1930). Das Ehepaar ging anschließend für ein paar Monate nach Frankreich und Spanien, ehe Abs 1928 in Amsterdam seine Tätigkeit bei der Bank N.V. Rhodius Koenigs Handelmaatschappij aufnahm. 1929 wechselte er zum renommierten Berliner Privatbankhaus Delbrück Schickler & Co., einem Schwesterinstitut des Kölner Bankhauses Delbrück, von der Heydt & Co. Abs besaß seit 1939 den Bentgerhof bei Birresdorf in der heutigen Gemeinde Grafschaft im Landkreis Ahrweiler, wo er bis zuletzt offiziell wohnhaft war.
Eintritt in die Deutsche Bank 1937
Als Nachfolger eines jüdischen Teilhabers wurde Abs 1935 nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze „Juniorpartner“ bei Delbrück Schickler & Co. in Berlin. 1937 nahm Abs das Angebot an, als Nachfolger des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Gustaf Schlieper zur Deutschen Bank zu wechseln. 1938 wurde er in den Vorstand berufen, dessen Mitglied er bis Kriegsende 1945 blieb.
Aufgrund seiner Auslandserfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse (er sprach fließend Englisch, Niederländisch, Französisch und Spanisch) war er im Vorstand für das Auslandsgeschäft und Industriefinanzierungen zuständig. Hier warb er in neutralen Staaten für die Zeichnung der Kriegskredite des nationalsozialistischen Deutschlands.
Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 und nach dem Ende September 1938 geschlossenen Münchner Abkommen, mit dem die Tschechoslowakei das Sudetenland abtreten musste, strebte das Reichswirtschaftsministerium (RWM) die sogenannte Arisierung des dortigen Bankwesens an. Abs war im Vorstand der Deutschen Bank mit der Arisierung jüdischer Banken und Unternehmen betraut. Direkt nach dem Anschluss verhandelte er in Begleitung von Walter Pohle, einem ehemaligen Mitarbeiter des RWM, über die beabsichtigte Übernahme der damals größten Bank Österreichs, der Creditanstalt. Louis Nathaniel von Rothschild wurde von der SS verhaftet. Zahlreiche jüdischen Mitarbeiter wurden binnen kurzer Zeit entlassen. Nach 14 Monaten in Isolationshaft wurde Rothschild am 11. Mai 1939 nach Preisgabe des gesamten österreichischen Familienbesitzes freigelassen. Unter der Herrschaft des NS-Regimes unterhielt die Creditanstalt Geschäftsbeziehungen zu mindestens 13 Konzentrationslagern, darunter das KZ Auschwitz, von denen die Bank regelmäßig Todeslisten erhielt und Wuchergebühren für Geldüberweisungen von Angehörigen an KZ-Häftlinge berechnete. Auch bei der Arisierung der Sascha Filmindustrie spielte die Creditanstalt eine tragende Rolle. Sie übernahm das politisch bedrängte Unternehmen zu einem unrealistisch niedrigen Wert von damals 1000 Schilling und übergab die Anteile in der Folge an die Cautio Treuhand, ein von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gesteuertes Unternehmen.
Die Deutsche Bank übernahm in der besetzten Tschechoslowakei im Jahr 1939 die Böhmische Union Bank, welche die Übernahmen und Transaktionen bei der Arisierung jüdischer Vermögen abwickelte. Eine direkte Beteiligung von Abs an diesen Vorgängen ist umstritten. Der Historiker Lothar Gall sieht keine direkte Verstrickung, da Abs nur Stellvertreter des für das Protektorat Böhmen und Mähren verantwortlichen Vorstands Oswald Rösler war. Rösler selbst, der auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Böhmischen Union Bank war, beurteilte erst 1943 die Aktivitäten des verantwortlichen Mitarbeiters Walter Pohle in einer im Vorstand verbreiteten Aktennotiz äußerst kritisch.
Einige Arisierungen waren Gegenstand US-amerikanischer Ermittlungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs (OMGUS-Report). Zu nennen ist hier etwa das Bankhaus Mendelssohn.
Adler & Oppenheimer war während der Zeit des Nationalsozialismus Gegenstand eines komplizierten „Arisierungs-Prozesses“, den Abs und Pohle für die Deutsche Bank bearbeiteten. Es handelte sich um die größte ein Industrieunternehmen betreffende Arisierung der Deutsche Bank AG. Abs wurde 1938 Mitglied des Aufsichtsrates. Die Arisierung bestand darin, dass ein von der Deutsche Bank AG geführtes Konsortium 75 % der Aktien übernahm. Die Bank machte beim Verkauf des in „Norddeutsche Lederwerke“ umbenannten Unternehmens einen Gewinn von etwa 2,75 Mio. Reichsmark.
Auf Grundlage der Forschungsergebnisse zweier Historikerkommissionen betont James, dass die Deutsche Bank vor allem wegen der komplexen internationalen Wirtschaftsverflechtungen mit Fällen wie dem von Adler & Oppenheimer befasst wurde. Auch Abs’ persönliche Kontakte hätten eine zentrale Rolle bei der Arisierung von A & O gespielt. Nach der Restitution der Eigentümer nach 1947 blieb Abs Vorsitzender des Aufsichtsrats.
Die vier deutsch-tschechischen Petschek-Brüder besaßen einen Konzern mit einem riesigen Kohle-Imperium mit Braunkohlefeldern. Die Arisierung einer ihrer Firmen, der Hubertus AG, die sich mehrheitlich im Besitz der Familie Petschek befand (Familie Abs hielt 16,2 %), begann mit dem Vorwurf des Oberfinanzpräsidenten von Hannover, dass die AG eine Kapitalflucht in Höhe von 70 Mio. RM organisiert habe. Eine Verfügung des Reichswirtschaftsministeriums verpflichtete die Familie daraufhin, die AG bis Ende Februar 1939 zu verkaufen. Die Deutsche Bank verkaufte die AG an die Interessengemeinschaft der Familie Abs, die in der Erft Bergbau AG organisiert war.
An der Erft Bergbau AG hielt die Familie Abs 50 % der Aktien. Die alte Hubertus AG wurde 1941 liquidiert.
Auf Grundlage der Forschungsergebnisse fasst James zusammen:
Ausbeutung von Zwangsarbeitern
Ab 1940 war Hermann J. Abs Mitglied im Aufsichtsrat der I.G. Farben; dies war eines seiner ersten Aufsichtsratsmandate. Die I.G. Farben baute für 900 Millionen Reichsmark, in ihrem größten Bauprojekt überhaupt, ein Bunawerk in der Nähe des Vernichtungslagers Auschwitz. 25.000 Häftlinge starben auf der Baustelle oder im Außenlager Monowitz, das von der SS für die I.G. Farben betrieben wurde. Angesichts der großen Geldsumme für die Anlage vermutet der Historiker Tim Schanetzky, dass Abs weitreichende Kenntnisse gehabt habe. Bis heute ist ungeklärt, was Abs als Aufsichtsrat der I.G. Farben vom Vernichtungslager Auschwitz und der dortigen Baustelle der I.G. Farben wusste.