Hermann Joachim Hahn (* 30. Juli 1679 in Grabow; † 21. Mai 1726 in Dresden) war ein evangelisch-lutherischer Theologe und Prediger der Dresdner Kreuzkirche. Seine Ermordung durch einen Katholiken wurde zu einem publizistischen Großereignis in Sachsen und führte im Mai 1726 zu einem Bürgeraufstand in der Residenzstadt Dresden.
Hermann Joachim Hahn wurde 1679 in Grabow im (Teil-)Herzogtum Mecklenburg-Schwerin geboren. Er entstammte einem „wohlangesehenen priesterlichen Geschlechte“: Sein Vater Julius Ernst Hahn (1650–1727) wirkte als Zweiter Pastor in Grabow und war zudem als Hofprediger der mecklenburgischen Herzöge Friedrich und Carl Leopold tätig. Seine Mutter Anna war in erster Ehe mit einem Grabower Pastor verheiratet gewesen und Tochter des Lübecker Ratsbaumeisters Hermann Jäger. Auch der Großvater Hahns war als Pastor in Stralendorf und Grabow tätig gewesen.
Hahn wurde gottesfürchtig erzogen. Er erhielt zunächst Unterricht von einem Rektor in Grabow. Als wundersame Begebenheit galt, dass Hahn im 12. Lebensjahr fast ertrunken wäre. Der Mann, der ihn aus dem Wasser rettete, hatte bereits seinen Vater vor dem Ertrinken gerettet. Von seinem Vater erhielt Hahn Unterricht im Hebräischen und im Lesen der Bibel. Der Vater nahm ihn zudem zu seinen Krankenbesuchen als Pastor mit.
In Begleitung seines älteren Bruders Julius Ernst Hahn (der Jüngere), der später Domprediger in Güstrow wurde, ging Hahn nach Sachsen und schrieb sich an der Universität Leipzig zum Studium der Theologie ein. Er studierte unter anderem bei Valentin Alberti, Heinrich Pipping und Gottlob Friedrich Seligmann, unterbrach sein Studium aber nach vier Jahren aufgrund einer Glaubenskrise. Er ging mit seinem Bruder nach Schwerin, kehrte jedoch nach kurzer Zeit nach Leipzig zurück, wo er als Lehrer der Theologie tätig wurde und sein Studium fortsetzte. Im Alter von 25 Jahren wurde er in einen schweren Kutschenunfall verwickelt, der ihn für längere Zeit ans Krankenbett fesselte. 1706 wurde Hahn „in Magistrum, und kurz darauff in Baccalaureum Theologiae“ promoviert. Den 1706 an ihn ergangenen Ruf, als Diakon an die Lübecker Jakobikirche zu gehen, lehnte Hahn ab. Als im selben Jahr „das unterste Diaconat an der Kirche zum Heil. Creutz in Dresden vacant“ wurde, erhielt Hahn die Stelle, die er 1707 antrat.
Im Jahr 1707 wurde er zunächst als sonntäglicher Mittagsprediger eingesetzt und wurde im selben Jahr „dergleichen Früh-Prediger“, 1708 Freitags- und 1724 Mittwochsprediger. Er nahm die Beichte ab, gab Privatstunden, kümmerte sich um die Kranken und Sterbenden und begleitete „Gefangene, Inquisiten und Maleficanten“ auf ihrem letzten Weg zur Hinrichtung. Gleichzeitig war er bestrebt, Katholiken zum Protestantismus zu bekehren, was ihm die Feindschaft seiner Gegner zuzog. 1722 wurde von lutherischer Seite, möglicherweise Hahn selbst, die Streitschrift Gespräche im Reiche der Lebendigen veröffentlicht, die aus der Niederschrift eines vierstündigen Disputs über die Religion zwischen Hahn und dem Jesuitenpater Franz Sebastian Nonhardt in Anwesenheit einer zum Katholizismus übergetretenen „hohen Dame“ bestand.
Hahn errichtete in Dresden eine Armenschule für 40 Kinder, für deren Kosten er selbst aufkam. Am 15. Oktober 1708 heiratete er Sophie Horn, die Tochter seines Leipziger Lehrers Immanuel Horn. Der Ehe entstammten fünf Töchter und fünf Söhne, von denen fünf Kinder zeitig starben. Sein Sohn (Johann) Friedrich Hahn (1715–1787) und dessen Nachkommen setzten als Pastoren in Mecklenburg die Familientradition fort.
In den Jahren 1724 und 1726 erkrankte Hahn an Typhus.
Am 21. Mai 1726 gegen Mittag befand sich Hahn beim Essen mit der Familie, als der Trabant Franz Laubler ihn zu sprechen wünschte. Laubler war Fleischerknecht in Oberhausen bei Augsburg gewesen, bevor er nach Dresden kam. Hier konvertierte der Katholik unter Hahns Leitung zum Protestantismus. Hahn, der Laubler auch mit Geld unterstützt hatte, verschaffte ihm seine Tätigkeit beim Militär. Ohne Hahns Wissen war Laubler jedoch kurze Zeit vor dem Treffen wieder zum Katholizismus übergetreten und beim Militär entlassen worden. Hahn gegenüber gab er vor, abgedankt zu haben und nach Hause zurückkehren zu wollen. Die Postkutsche hätte er bereits bestellt, müsse Hahn jedoch sprechen, „da er Gewissens-Scrupel hätte, daran seine Seligkeit hienge, den er ihm gerne vortragen wollte.“
Nach einer kurzen Unterredung versuchte Laubler Hahn zunächst mit einer Schlinge zu erwürgen. Da Hahn diese jedoch mit seiner Hand abfing, erstach Laubler ihn mit sechs Stichen, von denen zwei tödlich waren.
Zu diesem Zweck hatte Laubler drei lange Nägel, eine kleine Rute, ein Messer und eine Schlinge bei sich. Laubler floh nach der Tat, wurde jedoch von der Köchin Hahns und dem Nachbarsjungen verfolgt und schließlich im Dresdner Schloss gestellt. Bei seiner Verhaftung sagte er aus, er „habe einen Lucifer von dem Dreßdnischen Kirche-Himmel herunter gestürtzet, und einen Seelen-Mörder im Kampff erlegt: Nun sey sein Hertz, so ihm vorher schwer gewesen, gantz Feder-leicht“. In der Haft bekannte sich Laubler zum katholischen Glauben und wurde am 18. Juli 1726 „auf einer zu dem Ende auf dem Alten Marckt gegen dem Rathause über verfertigten Bühne lebendig von oben herunter gerädert, und der Cörper an der Gerichts-State vor dem Alt-Dreßdnischen Thor aufs Rad geflochten worden“.
Hermann Joachim Hahn wurde am 24. Mai 1726 um drei Uhr früh auf dem Johanniskirchhof beigesetzt. Die Leichenpredigt von Valentin Ernst Löscher wurde am 6. Juni 1726 in der Frauenkirche gehalten und erschien anschließend im Druck. Als der Johanniskirchhof Mitte des 19. Jahrhunderts säkularisiert wurde, überführte man Hahns Grabmal auf den neuangelegten Trinitatisfriedhof. Die Gestaltung des Grabsteins wird Johann Christian Kirchner zugeschrieben. Hahns Begräbnisstätte gehört heute zu den wenigen erhaltenen Gräbern des Johanniskirchhofs.
Der Mord an Hahn versetzte die Stadt Dresden in Unruhe. Besonders das „gemeine Volck“ war der Überzeugung, dass die Tat von Katholiken der Stadt geplant worden war. Im protestantischen Dresden hatte es seit dem Übertritt Augusts des Starken und der daraufhin zunehmenden gesellschaftlichen Freiheit der Katholiken immer wieder religiöse Konflikte gegeben. Diese entluden sich nach dem Mord an Hahn. Noch vor der Verhaftung Laublers erfolgten erste Übergriffe auf Katholiken, die teilweise von Soldaten in Sicherheit gebracht wurden.
Kaufleute aus Italien, Tirol und anderen katholischen Ländern schlossen ihre Läden und verbargen sich in ihren Häusern.
Gouverneur August Christoph von Wackerbarth befand sich zu Beginn der Tumulte vermutlich im Friedrichschlösschen (auf „Schloss Sedlitz“), sodass zunächst Generalleutnant Ernst von Borck nach Dresden ging. Mithilfe der Miliz gelang es ihm, das Volk auseinanderzutreiben und die verletzten Katholiken in Sicherheit zu bringen. Graf Wackerbarth kehrte noch am selben Tag in die Stadt zurück, um in einer persönlichen Ansprache das aufgebrachte Volk, das Laubler lynchen wollte, zu beruhigen. Es wurde den Einwohnern Dresdens verboten, nachts das Haus zu verlassen. Gleichzeitig erschienen zwei Kürassier-Regimenter in der Stadt, die zusammen mit hunderten weiteren Soldaten auf den Neu- und Altmarkt postiert wurden und weitere Übergriffe verhindern sollten. Noch am selben Tag wurden die Vorkommnisse dem König gemeldet.
Zunächst war für den folgenden Tag eine Beruhigung der Lage erwartet worden. Während der Morgenpredigt in der Kreuzkirche „entstund … ein wiewohl ungegründetes Geschrey, als ob man nach dem Prediger auf der Canzel schiessen wollen, und haben einige bey der grossen Kirch-Thür Feuer und Pulver, wie auch entblößte Degen wollen gesehen haben …“ Der Verdacht eines erneuten Mordversuches führte zu Panik unter der Kirchgemeinde, woraufhin die Miliz die Kirche stürmte und Menschen festnahm. In der Folge formte sich ein Mob, der „tobend und rasend … die Catholicken gäntzlich zu vertilgen beschlossen“ die Straßen Dresdens durchzog. Die Gruppe aus „Lehr-Jungen, Handwercks-Burschen, Dieben und Spitzbuben“ begab sich zunächst zum Jesuitenhaus in der Kleinen Brüdergasse, wo sie die dort wohnenden Geistlichen ermorden wollten, die jedoch bereits geflohen waren. Sie verwüsteten daher das Haus und warfen die Scheiben ein. In der Schloßgasse warfen sie die Scheiben der Prinzlichen Apotheke ein, wurden jedoch von der Miliz von weiterem Randalieren abgehalten. Auch die Scheiben der 1707 erbauten ersten Katholischen Hofkirche wurden durch den Mob zerstört.