Hermann Oskar Esser (* 29. Juli 1900 in Röhrmoos bei Dachau; † 7. Februar 1981 in Dietramszell) war ein nationalsozialistischer Journalist und Politiker. Als einer der frühesten Gefolgsleute und Freunde Adolf Hitlers bekleidete er während der Weimarer Republik bis 1926 einflussreiche Positionen in der NSDAP, zuletzt als Reichspropagandaleiter, verlor aber nach der Bamberger Führertagung 1926 zunehmend an Einfluss. In der Zeit des Nationalsozialismus war er kurzzeitig bayerischer Wirtschaftsminister sowie von 1939 bis 1945 Staatssekretär für Fremdenverkehr im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Nach Kriegsende kam er für ein Jahr in Haft und lebte dann unbehelligt in Bayern.
Esser war ein Sohn des Oskar Peter Esser (1873–1945) und seine Ehefrau Auguste, geb. Sörgel (1876–1960). Der Vater war Eisenbahndirektor in Kempten. Dort besuchte Esser die Volksschule und das Humanistische Gymnasium Kempten.
Im Juli 1917, während des Ersten Weltkriegs, meldete Esser sich freiwillig zur bayerischen Armee. Er kam im August 1917 zunächst zum 9. bayerischen Feldartillerie-Regiment in Landsberg. In der Schlussphase des Krieges wechselte er 1918, seit Januar 1918 im Rang eines überzähligen Gefreiten stehend, ins 19. bayerische Feldartillerie-Regiment.
Ob er im Krieg an der Front kämpfte, ist laut dem Historiker Othmar Plöckinger ungeklärt. 1918 legte er ein Notabitur ab. Nach der Demobilisierung war er für kurze Zeit Mitglied der USPD. 1919 nahm Esser ein Studium der Zeitungswissenschaft auf und volontierte bei der sozialdemokratischen Zeitung Allgäuer Volkswacht (Kempten). Er wurde Mitglied der Burschenschaft Danubia München.
Im Mai 1919 nahm er als Angehöriger des Freikorps Schwaben an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik teil. Im Sommer 1919 besuchte der 19-Jährige einen antibolschewistischen Aufklärungskurs der Propagandaabteilung der bayrischen Reichswehr und beschwerte sich anschließend bei deren Leiter, Hauptmann Karl Mayr, dass die Kursleitung die „Judenfrage“ nicht angesprochen hatte. Besonders interessierte er sich für „jüdische Finanzer“. Mayr bat Esser daraufhin lediglich, sein Temperament zu zügeln. Anschließend wurde er Mayrs Pressereferent. Hier lernte er Adolf Hitler kennen, mit dem er gemeinsam im Auftrag der Propagandaabteilung Vortragsabende verschiedener Gruppen und Verbände besuchte. Durch Mayr lernten die beiden auch die völkisch-antisemitische Deutsche Arbeiterpartei (DAP) kennen und traten ihr bei.
Am 8. März 1920 trat Esser der im Monat zuvor gegründeten NSDAP bei; seine Mitgliedsnummer war 881, wobei jedoch zu beachten ist, dass als erste offizielle Nummer die 501 vergeben worden war, um eine größere Mitgliederzahl der Partei vorzutäuschen. Von September 1920 an veranstaltete der Zwanzigjährige mit zunehmender Regelmäßigkeit an den Wochenenden Werbeveranstaltungen für die NSDAP in verschiedenen Orten Bayerns. In der ersten Jahreshälfte 1921 hielt er über dreißig solcher Veranstaltungen ab, und zwar in Orten, wo sich eventuell früher schon Interesse für den Nationalsozialismus gezeigt hatte. Gegen Ende des Jahres 1920 half er mit, als die NSDAP den Völkischen Beobachter erwarb, und wurde im Frühjahr 1921 gemeinsam mit Alfred Rosenberg einer der Redakteure („Schriftleiter“) der damals wöchentlich erscheinenden Zeitung. Hier veröffentlichte er schlüpfrige Skandalgeschichten mit antisemitischer Tendenz: Immer waren es Juden, denen er unsittliches Verhalten und andere Verfehlungen in die Schuhe schob. Damit trug er wesentlich zur Bekanntheit der NSDAP und namentlich Hitlers in München bei.
Esser war neben Ernst Röhm, Julius Streicher, Christian Weber und Dietrich Eckart einer der nur fünf Gefolgsleute Hitlers, mit denen er sich duzte. Diese Männer, zu denen noch Max Amann, Rudolf Heß und Alfred Rosenberg stießen, trafen sich regelmäßig im Café Neumayr am Münchner Viktualienmarkt. Sie waren zumeist Berufslose oder im bürgerlichen Leben Gescheiterte und bildeten eine Clique um Hitler, den sie als „Führer“ bedingungslos bewunderten, bewachten, für den sie Kontakte herstellten und den sie beim Aufbau der nationalsozialistischen Bewegung unterstützten. Indem Hitler meist umgeben von dieser Entourage auftrat, grenzte er sich von allen anderen Mitgliedern der NSDAP ab. Typisch für diesen Kreis war ihr durchweg radikaler Antisemitismus.
Hitler und Esser waren 1921 mit dem Vorsitzenden der NSDAP, Anton Drexler, sehr unzufrieden und erwogen bereits die Gründung einer eigenen Partei. Stattdessen aber trat Hitler im Juli 1921 aus der NSDAP, deren wichtigster Propagandaredner er mittlerweile war, aus. Für seinen Wiedereintritt verlangte er ultimativ den Parteivorsitz und diktatorische Befugnisse innerhalb der NSDAP. Auch bei diesem Coup stand Esser, den die Parteileitung in der Zwischenzeit aus der Partei ausgeschlossen hatte, an Hitlers Seite. Bei der Parteiversammlung im Hofbräuhaus am 29. Juli 1921, auf der Hitler zum Vorsitzenden gewählt und die Parteisatzung entsprechend geändert wurde, begrüßten die 554 anwesenden Nationalsozialisten Esser und ihn mit „nicht enden wollendem Beifall“.
Propagandaleiter in der frühen NSDAP (1921 bis 1923)
Für seine Treue wurde Esser 1921 zum ersten Propagandaleiter der NSDAP berufen. In diesem Amt trug er wesentlich zur Verbreitung des Führermythos um Hitler bei. Er galt als einer der wenigen guten Redner der NSDAP und beteiligte sich wiederholt daran, Versammlungen anderer Parteien gewaltsam zu sprengen, deren Anhänger er als Juden oder „Judenzer“ beschimpfte. Am 12. Januar 1922 wurde er wegen Landfriedensbruchs, Erregung öffentlichen Ärgernisses und Körperverletzung zu 100 Tagen Haft verurteilt. Gemeinsam mit Hitler und weiteren Nationalsozialisten hatte er am 14. September 1921 eine Versammlung des föderalistischen Bayernbundes im Münchner Löwenbräukeller gewaltsam gesprengt. Dessen Vorsitzender, der kriegsversehrte Otto Ballerstedt, war dabei schwer am Kopf verletzt worden. Am 3. November 1922 erklärte Esser, inspiriert vom Marsch auf Rom der italienischen Faschisten wenige Tage zuvor, das sei auch in Deutschland möglich: „Den Mussolini Italiens haben wir auch in Bayern. Er heißt Adolf Hitler.“ Nach einer anderen Quelle nannte er ihn nicht nur Bayerns, sondern „Deutschlands Mussolini“. Einen Monat später erklärte der Völkische Beobachter Hitler – ebenfalls in Anlehnung an den italienischen „Duce“ – zum Führer nicht mehr nur der Partei, sondern für ganz Deutschland.
Vor der Ruhrbesetzung durch französische Truppen 1923 forderte Esser, 500.000 Juden zu verhaften und zu erschießen, sollte nur ein einziger ausländischer Soldat deutschen Boden betreten. Diesem Vorschlag lag die Wahnidee zugrunde, die deutschen Juden wären insgeheim mit dem Ausland verbündet und eigneten sich daher als Geiseln, um andere Mächte zu beeinflussen. (Ähnliche Vorstellungen finden sich noch in Hitlers Rede vor dem Deutschen Reichstag am 1. September 1939.)
Am 5. Juli 1923 heiratete Esser in erster Ehe Therese Deininger (1901–1955). Nach der standesamtlichen Trauung beim Standesamt München IV folgte eine kirchliche Trauung im katholischen Ritus bei der St. Rupertuskirche am Kiliansplatz. Als Trauzeugen wirkten Adolf Hitler und Anton Drexler an der Zeremonie mit. Aus dieser Ehe gingen zwei 1924 und 1926 geborene Söhne hervor, für die Hitler und Ernst Röhm die Patenschaften übernahmen. Der zweite Sohn war der später als Tourismusmanager bekannt gewordene Ernst Esser.
Beim Hitler-Putsch im November 1923 spielte Esser keine besondere Rolle: Zwar war er in die konspirativen Vorbereitungen eingebunden, während der entscheidenden Tage war er aber an Gelbsucht erkrankt. Nachdem der Putsch rasch niedergeschlagen worden war, floh er nach Österreich. Im Mai 1924 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde wegen illegalen Grenzübertritts und Landfriedensbruchs zu drei Monaten Haft verurteilt.
In der Großdeutschen Volksgemeinschaft (1924/1925)
Nach seiner Freilassung engagierte Esser sich in der Großdeutschen Volksgemeinschaft (GVG), einer der Nachfolgeorganisationen für die verbotene NSDAP, und konnte gemeinsam mit Julius Streicher deren Gründer Rosenberg von der Parteispitze verdrängen, mit dem er schon in ihrer gemeinsamen Zeit beim Völkischen Beobachter rivalisiert hatte. Regelmäßig besuchte er Hitler im Festungsgefängnis Landsberg. Gegen die Konkurrenz der GVG, die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, polemisierte Esser 1924, deren Vorsitzender Erich Ludendorff habe sowohl im Weltkrieg als auch beim Putsch versagt. Die Vorwürfe, die in der als „alljüdisch“ geltenden Frankfurter Zeitung veröffentlicht worden waren, sorgten für erhebliche Empörung im völkischen Lager. Ein Treffen der verschiedenen nationalsozialistischen Splittergruppen, das am 20. Juli 1924 in Weimar abgehalten wurde, brachte keine Einigung: Zu verschieden waren die Vorstellungen zu Fragen der Parlamentstaktik oder der Führung.