An diesem Tag

Hermann Cohen

Deutscher Philosoph (1842–1918)

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Hermann Cohen (geboren am 4. Juli 1842 in Coswig; gestorben am 4. April 1918 in Berlin-Schöneberg) war ein deutscher Philosoph. Er war – gemeinsam mit Paul Natorp – Schulhaupt des Marburger Neukantianismus, gilt aber zugleich auch als einer der wichtigsten Vertreter der jüdischen Philosophie im 20. Jahrhundert.

Hermann Cohen war Sohn des jüdischen Lehrers und Kantors Gerson Cohen und dessen jüdischer Ehefrau Friederike. Er besuchte das Gymnasium in Dessau, das Matthias-Gymnasium in Breslau und das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau, bevor er 1861 an der Universität Breslau sein Studium aufnahm. Er studierte jüdische Religion, Altertumswissenschaften und Philosophie in Breslau und Berlin, wo er besonders von Friedrich Adolf Trendelenburg (1802–1872) und Heymann Steinthal (1823–1899) beeinflusst wurde. Auch bei August Boeckh, Emil Heinrich Du Bois-Reymond, Moriz Haupt und Karl Friedrich Werder studierte er, bevor er 1865 in Halle zum Dr. phil. promovierte und zunächst mehrere Aufsätze in der von Heymann Steinthal und Moritz Lazarus begründeten Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft veröffentlichte.

Mit einem Beitrag zur Kontroverse zwischen Friedrich Adolf Trendelenburg und Kuno Fischer über Probleme der Auslegung der kritischen Philosophie Immanuel Kants rückte Cohen 1870 ins Blickfeld einer die gesamte akademische Philosophie in Deutschland erfassenden Kant-Renaissance. Cohen schlug eine Neuinterpretation Kants vor, die er in seiner Veröffentlichung Kants Theorie der Erfahrung im folgenden Jahr auch anstrebte. Der große Eindruck, den diese Schrift auf die Kant-Forschung machte, bot Cohen die Möglichkeit, sich 1873, bald nach der Berufung Friedrich Albert Langes nach Marburg, mit einer Arbeit über Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften bei diesem zu habilitieren, was dann auch 1873 vollzogen wurde.

Da Friedrich Albert Lange ihn als seinen „Geistes-Nachfolger“ bezeichnet hatte, wurde Cohen nach Langes Tod 1876 zu dessen Nachfolger berufen, so dass er seit jenem Jahr an der Universität Marburg Professor für Philosophie war. Dort begründete er die Marburger Schule des Neukantianismus, indem er seine Kant-Studien nach dem Muster der „drei Kritiken“ fortsetzte, nach den historischen Bedingungen von Kants philosophischen Anliegen fragte und so den Historismus für die systematische Philosophie nutzbar machte. In den Folgejahren gab er mehrere Werke zur aktuelleren Positionierung Kants heraus. So beispielsweise 1877 „Kants Begründung der Ethik“ und 1889 „Kants Begründung der Aesthetik“. 1912 hörte der spätere russische Nobelpreisträger für Literatur Boris Pasternak ein Semester lang bei Cohen. Auch der spätere Berliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter gehörte zu seinen Studenten und Bewunderern.

1878 heiratete Cohen die gerade achtzehnjährige Martha Lewandowski (ermordet in Theresienstadt, am 12. September 1942), eine Tochter des Komponisten Louis Lewandowski.

Bei seiner Emeritierung 1912 konnte der viel gefeierte, aber nicht unumstrittene Cohen seinen Schüler Ernst Cassirer als Nachfolger auf seinem Lehrstuhl nicht durchsetzen (Nachfolger Cohens wurde 1912 Erich Rudolf Jaensch). Er zog nach Berlin, um dort an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, dessen Kuratorium er auch angehörte, zu unterrichten und sich stärker der Religionsphilosophie zuzuwenden. Hier wirkte er anregend, z. B. auf Franz Rosenzweig bei dessen philosophischen Studien zum Judentum.

Zum philosophischen Hauptwerk gehören sowohl die frühen, der „Neubegründung des kritischen Idealismus“ gewidmeten Werke Kants Theorie der Erfahrung, Kants Begründung der Ethik und Kants Begründung der Ästhetik als auch die Schriften eines eigenständigen, die kantische Philosophie weiterentwickelnden „Systems der Philosophie“, nämlich Logik der reinen Erkenntnis, Ethik des reinen Willens sowie Ästhetik des reinen Gefühls, und zahlreiche andere kleinere und umfangreichere Schriften. Seit 1977 erscheint im Olms Verlag eine von Helmut Holzhey u. a. herausgegebene Werkausgabe.

Cohens Neukantianismus interpretierte den Kategorischen Imperativ Kants so, dass er aufforderte: „mache Dir die Selbstgesetzgebung in der Person eines jeden Menschen zum Zwecke“. Daraus ergab sich, dass der Marburger Neukantianismus die Philosophie Kants benutzte, um ein politisches und soziales Programm zu begründen, das dem Sozialismus nahestand. Während die „roten Kantianer“ Karl Vorländer, Franz Staudinger und Rudolf Stammler für eine Marburger Tradition politisch für soziale Reformen eintretender Philosophie standen, die auch den späteren bayerischen Revolutionär und Ministerpräsidenten Kurt Eisner prägte, trat Cohen vor einer breiteren Öffentlichkeit vor allem für das Recht der Juden ein, auch ohne die christliche Taufe Deutsche sein zu können. Denn für Cohen war der ethische Idealismus, den er von Kant theoretisch begründet sah, in der deutschen Kultur ebenso verankert wie in der jüdischen Religion, der „Glut des sittlichen Enthusiasmus der Propheten“.

Cohens wichtigster Beitrag zur jüdischen Religionsphilosophie war sein 1919 postum erschienenes Buch Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, erschienen innerhalb des Grundrisses der Gesamtwissenschaft des Judentums. Die Zweitausgabe, herausgegeben durch Bruno Strauss, trägt den korrigierten Titel Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.

Bei seiner starken Hinwendung zur Religionsphilosophie nach 1912 wurde eine ganze Reihe von Punkten offenbar, an denen der „Neukantianer“ Cohen von Kants eigener Philosophie deutlich abwich, dem kantischen System teilweise sogar diametral widersprach. Das betraf z. B. Kants Lehre vom radikalen Bösen, die philosophische Beurteilung von Christentum und Judentum, die Wichtigkeit einer heteronom-göttlichen Gesetzlichkeit (10 Gebote) im Gegensatz zur Autonomie der menschlichen Vernunft, die Frage der Unsterblichkeit („Ewiges Leben“), die Bedeutung eines Messias und manches mehr. Einige der religionsphilosophischen Aussagen Cohens sind so scharf und von mehr als nur religionsphilosophischer Relevanz, dass sie, falls zutreffend, das kantische System logisch außer Geltung setzen, d. h. „den Kern der Kantschen Lehre zunichte“ machen würden. Ob man in Anbetracht solcher Differenzen (Inkompatibilitäten) zwischen einer neukantianischen Früh- und einer stark gewandelten Spätphilosophie Cohens zu unterscheiden hat, bleibt zu klären.

Cohens Auseinandersetzung mit dem jüdischen Philosophen Spinoza (1915) und dessen Theologisch-politischem Traktat, worin dieser für eine genaue Bibelkritik, eine geometrisch klare Vernunft und eine scharfe Trennung von der geoffenbarten Religion eintritt, führte auf eine Ablehnung von dessen atheistischen Folgerungen für die Grundlegung des Staates und der liberalen Demokratie. Cohen sah hier ein Zusammenspiel der Religion mit der Philosophie und Kunst unter gleichen Zielen für den historischen und ethischen Fortschritt für richtig an.

Zur Controverse zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer. Dümmler, Berlin 1866.

Kant’s Theorie der Erfahrung. Dümmler, Berlin 1871; digitale-sammlungen.de

Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Verhältniss zum kritischen Idealismus. Habil.-Schrift. Dümmler, Berlin 1872; digitale-sammlungen.de

Kants Begründung der Ethik. Dümmler, Berlin 1877; books.google.de – 2., erw. Auflage: Cassirer, Berlin 1010; archive.org.

Ein Bekenntnis in der Judenfrage. Dümmler, Berlin 1880; archive.org.

Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte. Ein Kapitel zur Grundlegung der Erkenntniskritik. Dümmler, Berlin 1883; archive.org. Wieder in: Werke (s. o.), 5; wieder separat: Mit einer Einleitung von Astrid Deuber-Mankowsky. Bearb. Johannes Kleinbeck. Turia + Kant, Wien 2014.

Die Nächstenliebe im Talmud: ein Gutachten / dem königl. Landgerichte zu Marburg erstattet. Marburg 1888; ub.uni-frankfurt.de

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