An diesem Tag

Hermann Broch

Österreichischer Schriftsteller

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Hermann Broch (* 1. November 1886 in Wien, Österreich-Ungarn; † 30. Mai 1951 in New Haven, Connecticut) war ein österreichischer Schriftsteller jüdischer Herkunft. Mit der Romantrilogie Die Schlafwandler zum Zerfall der Werte und der Persönlichkeit verfasste er Anfang der 1930er-Jahre eines der wichtigsten Werke des europäischen modernen Romans. In der Emigration setzte sich Broch mit politischen Themen wie Menschenrechten, Totalitarismus und Ökonomismus auseinander, die er „Totalwirtschaft“ nannte. Thomas Mann schlug ihn 1950 für den Literaturnobelpreis vor.

Hermann Broch, Sohn von Josef Broch (1852–1933) und Johanna (1863–1942; geb. Schnabel), studierte nach der Matura in der Oberrealschule auf der Schottenbastei Textiltechnik an der Technischen Hochschule in Wien sowie Textilmaschinenbau in Mülhausen. Danach trat er 1907 in die väterliche Textilfabrik in Teesdorf bei Wien ein. 1909 konvertierte er vom Judentum zum Katholizismus und heiratete Franziska von Rothermann; die Ehe wurde 1923 geschieden. 1917 begann Broch daneben eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Ea von Allesch; nach seiner Scheidung zog er zu ihr in ihre Wohnung, die Beziehung dauerte bis 1927. In der Künstlerszene von Wien kam er auch mit dem Dichterpropheten Gusto Gräser in Berührung, der in der Folge das Urbild abgab für die Gestalt des „Imkers“ in den 'Schuldlosen'. Die Begegnung mit diesem besitzlosen Wanderer und Wanderlehrer, dem „Aussteiger par excellence“ (Lützeler), dürfte ihn bewegt haben, seine Direktorenstelle aufzugeben und sich der Philosophie und der Dichtung zuzuwenden. Nach dem Verkauf der Fabrik (1927) studierte er Mathematik, Philosophie und Physik an der Universität Wien und wurde danach freier Schriftsteller.

Nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde er noch am 13. März 1938 von selbsternannten Ordnungskräften für 18 Tage im Bezirksgefängnis Bad Aussee inhaftiert. James Joyce und Stephen Hudson halfen, ein Visum für Großbritannien zu besorgen, wo Broch am 24. Juli eintraf. Mit Unterstützung von Thomas Mann und Albert Einstein konnte er in die USA emigrieren. Am 9. Oktober 1938 traf er in New York ein.

1949 heirateten Hermann Broch und die Malerin Annemarie Meier-Graefe (geb. Epstein; 1905–1994), Witwe des Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe, die er bereits 1937 in Wien kennengelernt hatte.

Sein Schaffen ist durch die Einführung neuer Stilelemente (z. B. innerer Monolog) sowie durch die Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisse, Forschungen oder Träume in seinem Werk gekennzeichnet. Er befasste sich u. a. intensiv mit James Joyce, über den er den Essay James Joyce und die Gegenwart (1935) schrieb.

In der Romantrilogie Die Schlafwandler (1930/32) stellte er den Zerfall der Werte und der Persönlichkeit dar. Broch zeigt typische Reaktionen auf den Religions- und Sinnverlust der modernen Gesellschaft. Im ersten Teil der Trilogie (Pasenow oder die Romantik) wird die romantisch-nostalgische Sicht (bei Leugnung der faktischen Realität) gestaltet; im zweiten Teil (Esch oder die Anarchie) taumelt der Held orientierungslos von einem Wertesystem ins andere, ohne für seine religiösen Sehnsüchte einen Halt finden zu können; der dritte Teil (Huguenau oder die Sachlichkeit) führt ein sachlich-zynisches Verhalten vor Augen: alle Wertsysteme werden der obersten Maxime des kommerziellen Gewinns untergeordnet. Das Buch gehört zu den wichtigsten Werken des europäischen modernen Romans und wird oft in eine Reihe gestellt mit Joyce’ Ulysses, Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie, Thomas Manns Zauberberg, Döblins Berlin Alexanderplatz, Musils Mann ohne Eigenschaften, Dos Passos’ Manhattan Transfer und Gides Les Faux-monnayeurs. Es ist in seinem Anspielungsreichtum, seiner Vielschichtigkeit und dichterischen Symbolstärke immer wieder eine Herausforderung für die Interpreten. Galt der Roman, der Brochs erfolgreichstes und international verbreitetstes Werk ist, lange Zeit als typisches Buch der Klassischen Moderne, so betont die jüngere Forschung zunehmend auch die Anklänge an postmoderne Schreibweisen.

Diesem Erstlingswerk ließ Broch einen kleineren Roman mit dem Titel Die Unbekannte Größe (1933) folgen. Dort werden Fragen der rationalen Lebensbewältigung in einer irrationalen Welt diskutiert, wobei die Umbrüche in der theoretischen Physik der 1920er Jahre und neue Erkenntnisse in der Mathematik (mit beiden Wissensbereichen war Broch vertraut) eine große Rolle spielen.

Zu den Arbeiten der frühen 30er Jahre gehören auch Brochs Dramen: die Tragödie Die Entsühnung (soziale Konflikte zur Zeit der Weimarer Republik) und die Komödie Aus der Luft gegriffen oder Die Geschäfte des Baron Laborde. In beiden werden die tragischen bzw. komischen Aspekte einer Gesellschaft geschildert, die unter die Dominanz ökonomischer Mächte geraten ist. Brochs lyrisches Werk aus den dreißiger Jahren, im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Naturlyrik zu sehen, blieb bisher weitgehend unbeachtet.

Im nie ganz abgeschlossenen sogenannten Bergroman (von Broch vorgeschlagener Titel: Demeter oder die Verzauberung) beschrieb Broch den Einbruch einer irrationalen Macht in ein alpines Bergdorf, der zu Ritualmord und Massenwahn führt. Das Buch, dessen erste Fassung Ende 1935 abgeschlossen wurde, ist ein Beispiel des symbolisch-parabelhaften antifaschistischen Romans der dreißiger Jahre. Das Buch enthält neben der politischen auch eine mythisch-religiöse Ebene. „Mutter Gisson“, die Gegenfigur zum diktatorischen „Marius Ratti“, trägt Demeterzüge. Die Figur des „Weltverbesserers“ Ratti ist ebenso wie die des mythischen Imkers Lebrecht Endeguth in Die Schuldlosen von dem „Wanderlehrer“ und Dichter Gusto Gräser inspiriert, der 1910 in Brochs Wiener Freundeskreis auftrat. „Gräser war der Aussteiger par excellence“ (Lützeler). Seit dieser Zeit beherrscht das Aussteigerthema das dichterische und essayistische Werk von Broch.

Die Arbeit an dem Roman hatte Broch 1936/37 unterbrochen, um seine Völkerbund-Resolution zu schreiben. Damit wollte er den Völkerbund aufrufen, sich für die Verteidigung der Menschenwürde und der Menschenrechte einzusetzen, um dem Totalitarismus Hitlers und Stalins Einhalt zu gebieten. Broch versuchte eine Reihe humanitärer Organisationen zur Unterstützung der Resolution zu gewinnen, doch gelang ihm das nicht. Er griff im amerikanischen Exil bei seinen Arbeiten zu den internationalen Menschenrechten auf diese Resolution zurück, die er damals nicht veröffentlicht hatte.

Broch schrieb insgesamt drei Fassungen des Bergromans. Die erste, die Rohfassung, war 1935 fertiggestellt. Heinrich Eduard Jacob (1889–1967) hatte das Typoskript auf seinem Weg in die Emigration im Juli 1939 in London von Stefan Zweig (1881–1942) übernommen und nahm es mit nach New York. Am 16. August 1939 händigte Jacob das Manuskript an Broch aus. Das Fragment der zweiten Fassung des Romans, an der der Autor mit Unterbrechungen von 1936 bis 1938 gearbeitet hatte, war Frank Thiess vor Brochs Flucht aus Österreich übergeben worden. Thiess schickte es noch im Sommer 1938 über die Schweiz an Broch, der damals zwei Monate lang bei seinen Übersetzern Edwin und Willa Muir in St. Andrews/Schottland lebte. Schließlich nahm Broch die Arbeit an dem Stoff 1951 noch einmal auf, ohne sie jedoch beenden zu können. Der Roman wurde erstmals 1953 von Felix Stössinger – philologisch höchst anfechtbar – unter Verwendung dieser drei Fassungen, von denen Broch die ersten beiden verworfen hatte, als Band 4 der Gesammelten Werke (Rhein-Verlag Zürich) aus dem Nachlass herausgegeben, Titel Der Versucher. Die erste Fassung erschien 1967 unter dem Titel Die Verzauberung. Sie gab Barbara Frischmuth die Anregung zu ihrer Demeter-Trilogie.

1937 entstand (als Rundfunksendung) die erste Novellen-Fassung des späteren Vergil-Romans mit dem Titel Die Heimkehr des Vergil. Als Broch im März 1938 in Haft genommen wurde, arbeitete er bereits an der dritten Fassung dieser Novelle unter dem Arbeitstitel Erzählung vom Tode. Erst im amerikanischen Exil arbeitete er das Projekt zu einem umfangreichen Roman aus (Der Tod des Vergil, 1945). Broch zog darin eine „Parallele zwischen der kulturellen Umbruchszeit des Augusteischen Zeitalters und seiner Gegenwart“. Wie damals, meinte Broch, ging eine alte Kultur zu Ende, und die Konturen einer neuen (mit einem wiederkehrenden religiösen Zentrum) deuteten sich an. In den Monologen des sterbenden Vergil rechnet er mit der Kultur der untergehenden Epoche ab. Seine Traumvisionen durchschweben Bilder, die ihn in seiner Hoffnung auf den Beginn einer neuen Menschheitsepoche bestärken. Was den Stil des Buches betrifft, so wechseln Szenen von derber Realistik (Schilderung der „Elendsgasse“) mit politischen Diskussionen (Gespräch mit Kaiser Augustus) und hymnisch-lyrischen Passagen (Schicksals-Elegien und Traumsequenzen) ab. Die Gestapo-Haft hatte Broch unmittelbar in seiner Existenz bedroht. Es war ein Zustand, so schrieb er, „der mich zwingender und zwingender zur Todesvorbereitung, zu sozusagen privater Todesvorbereitung nötigte. Zu einer solchen entwickelte sich die Arbeit am Vergil …“

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