Herman Nohl (* 7. Oktober 1879 in Berlin; † 27. September 1960 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph und Pädagoge.
Einen maßgeblichen Wendepunkt im Leben von Herman Nohl stellte der Erste Weltkrieg dar. Die Konsequenzen aus dem Krieg sowie seine Beschäftigung mit der Jugendbewegung und dem Volkshochschulwesen veranlassten ihn, sich der Pädagogik zu widmen. Er wurde in der Folge zu einem der bekanntesten Vertreter der Reformpädagogik und Geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Nohl arbeitete an der Etablierung der Pädagogik als eigenständiger Wissenschaft und der Begründung der Sozialpädagogik. Im Jahre 1937 wurde er aus dem Dienst entlassen, nahm aber 1945 seine Tätigkeit wieder auf. Nohl war Professor für Pädagogik an der Universität Göttingen, Mitherausgeber der Zeitschrift Die Erziehung sowie Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Die Sammlung. Er verfasste mehrere Werke zur Ästhetik, zur pädagogischen Anthropologie und zur Pädagogik, wobei Die Pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie als sein pädagogisches Hauptwerk gilt.
Herman Nohl stammte aus einer bürgerlichen Familie, die während seiner gesamten Kindheit und Jugend in einer Wohnung auf dem Gelände des Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster lebte. Sein Vater Hermann Nohl war Gymnasiallehrer. Seine Mutter Gabriele Nohl (geb. Doepke) verstarb bereits 1882. Herman Nohl hatte insgesamt vier Geschwister, zwei (Johannes und Ella) aus der ersten und zwei (Lotte und Hilde) aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Elise (geb. Simon). Auf dem Internat lernte Nohl Eduard Spranger kennen.
Im Sommersemester 1898 studierte Nohl Medizin in Berlin, wechselte aber noch im Wintersemester 1898 zu den Geisteswissenschaften. Er befasste sich mit Geschichte, Philosophie und Germanistik und hörte unter anderem bei Friedrich Paulsen. Paulsen bot Nohl an, nach dem Studium als Lehrer nach Davos zu gehen, aber Nohl hatte 1901 Kontakt zu Wilhelm Dilthey aufgenommen, zu dem er eine feste Arbeitsbeziehung aufbaute. 1902 entschied sich Nohl, eine Dissertation über Sokrates zu schreiben. Auf Diltheys und Paulsens Empfehlung hin wurde ihm dazu das Jüngken-Stipendium gewährt, was ihn finanziell unabhängig vom Vater machte. Im August 1904 stellte Nohl seine Dissertation mit dem Titel Sokrates und die Ethik fertig. Nohls erste wissenschaftliche Arbeit war die Zusammenstellung und Ordnung von Hegels Theologischen Jugendschriften nach den Handschriften der Königlichen Bibliothek in Berlin, die 1907 gedruckt wurden.
1905 heiratete Herman Nohl die Pianistin Bertha Oser aus Wien (1878–1936), eine Schülerin Clara Schumanns und Cousine Ludwig Wittgensteins. Diese Heirat sicherte Nohls weitere finanzielle Unabhängigkeit.
Durch die Empfehlung Diltheys an Rudolf Eucken siedelte die Familie Nohl im Herbst 1907 nach Jena über, wo Herman Nohl 1908 mit seiner Arbeit über Die Weltanschauungen der Malerei habilitiert wurde. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges verbrachte Nohl seine Zeit in Jena und stellte verschiedene wissenschaftliche Arbeiten fertig. In dieser Zeit kam Nohl auch mit der Jugendbewegung in Kontakt. Er schloss Freundschaft mit Eugen Diederichs und lernte das Landerziehungsheim Gustav Wynekens in Wickersdorf kennen. Einige seiner Studenten waren in der Jugendbewegung aktiv, die für die Entwicklung seiner Pädagogik bedeutend war.
Herman Nohl und die Jugendbewegung
Seine ersten Erfahrungen mit der deutschen Jugendbewegung beschrieb Herman Nohl in seinem 1935 veröffentlichten Buch Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie in einem eigenen Kapitel. Darin sah er diese Bewegung als herausragend an, da sie das Verhältnis der Pädagogik und der Generationen untereinander veränderte und auf sich selbst erzieherisch wirkte. Herman Nohl fasste die Jugendbewegung als Teil einer über 150 Jahre anhaltenden „Deutschen Bewegung“ zusammen, zu der auch die Zeit des Sturm und Drang und der Romantik gehöre. Es handele sich dabei um eine wiederkehrende Epoche, „wo die jungen Kräfte unseres Volkes um einen neuen Gehalt des Lebens rangen“. Diese Bewegung suche „die neue Einheit eines höheren geistigen Lebens, die schließlich zum metaphysischen Grunde unseres Daseins wurzelt […] und die toten Formen der Kultur wieder belebt und von innen neu gestaltet“. Herman Nohl sah Parallelen zwischen dem jungen Herder, dem jungen Goethe und der Jugendbewegung, wie zum Beispiel „das Gefühl der Veraltung der vorangehenden Generation, die Forderung einer neuen Jugend, Natur, Kunst und Religion als die drei befreienden Mächte, ein neues Menschtum, das doch nicht zu trennen ist von einem originalen deutschen Volkstum, in dem zugleich die Gegensätze zwischen den Ständen und Konfessionen aufgehoben sind, die Deutschland zerreißen.“ Als Hauptmerkmale der Bewegung führte Nohl „die Eigenbedeutung des Jungseins […], die Blickrichtung auf Gegenwart und Zukunft […] und zu innerst einen neuen Glauben an die Natur des Menschen“ an. Nohl war ein naturverbundener Mensch, was zu den Idealen der Jugendbewegung passte. Auch seine eigenen Kinder waren im Wandervogel aktiv und unternahmen regelmäßig Wanderfahrten.
Erste Gedanken zu einem spezifisch erzieherischen Verhältnis entwickelte Nohl schon 1914 in dem Aufsatz Das Verhältnis der Generationen in der Pädagogik, der als Antwort auf den Anspruch der Jugendbewegung verstanden wird, dass die Jugend sich selbst organisieren und führen könne. Für Nohl blieb, trotz des Eigenrechtes des Kindes und des Jugendlichen, ein erzieherisch relevantes Verhältnis zwischen den Generationen erforderlich.
Im Sommer 1915 wurde Herman Nohl als Landsturmmann zum Militär einberufen und in einer Kaserne in Weimar stationiert. Er verbrachte die Kriegszeit als Teil der Besatzungsarmee in Gent, wobei ihm aufgrund einer Knieverletzung und seiner Kurzsichtigkeit hauptsächlich Verwaltungsaufgaben übertragen wurden. Die auch bei ihm anfänglich vorhandene Kriegsbegeisterung und Überzeugung der Rechtmäßigkeit des Krieges schlug im Verlauf des Krieges und nach dem Tod mehrerer Freunde um. Wie unsinnig und widersprüchlich dieser Krieg war, wurde ihm bewusst, während er sich mit belgischen Freunden traf, während sich die Soldaten beider Länder unweit an der Front gegenseitig töteten.
Im November 1918 kehrte Nohl nach Jena zurück. Aufgrund seiner Gespräche mit Menschen aus dem Volk widmete er sich nun der Volkspädagogik und wurde 1919 Gründungsmitglied der demokratischen Volkshochschule in Thüringen.
Göttingen und die Relative Autonomie der Pädagogik
Im Sommer 1919 wurde Herman Nohl auf Betreiben seines Freundes Georg Misch dessen Nachfolger an der Universität Göttingen auf einem außerordentlichen Lehrstuhl für praktische Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Pädagogik. Am 8. Mai 1922 wurde er ordentlicher Professor für Pädagogik. Er blieb bis zu seiner zwangsweisen Entlassung aus dem Staatsdienst 1937 in Göttingen.
Nohl baute seine Pädagogik auf dem Begriff der Kunde auf, einem Begriff des vorwissenschaftlichen Wissens. Danach stellt Erziehung eine Lebenswirklichkeit dar, die schon immer gegeben war. Die Praxis der Erziehung ist also älter als die wissenschaftliche Reflexion derselben und besitzt demnach eine eigene Wertigkeit. Denn auch die Erziehungserfahrung ist das Ergebnis einer möglicherweise unbewussten, aber jeweils ganz bestimmten Fragestellung.
Nohls Pädagogik orientierte sich an der Gesamtheit der pädagogischen Erscheinungen. Er schloss sich der 1925 von seinem Schüler Curt Bondy gegründeten Gilde Soziale Arbeit an und gründete mit Aloys Fischer, Wilhelm Flitner, Theodor Litt und Eduard Spranger die Zeitschrift Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben, welche die Vertreter einer geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogik repräsentierte. Nohl wirkte an der Konzeption der 1926 in Preußen reformierten Pädagogischen Akademien mit und gab ab 1928 gemeinsam mit Ludwig Pallat das fünfbändige Handbuch der Pädagogik heraus. Die Verbindung zur Praxis suchte Nohl 1929 durch die Gründung eines Heims in Lippoldsberg, das dem pädagogischen Seminar in Göttingen angegliedert war. Dort führte er in pädagogischen Seminaren didaktische Kurse für Lehrer durch und verband theoretische Erkenntnisse mit der pädagogischen Praxis.