Herbert Marcuse [marˈkuːzə] (* 19. Juli 1898 in Berlin; † 29. Juli 1979 in Starnberg) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, Politologe und Soziologe.
Während der deutschen Novemberrevolution 1918/19 betätigte er sich früh politisch als Mitglied eines Berliner Arbeiter- und Soldatenrates. Sein in Berlin begonnenes Studium der Germanistik und Philosophie setzte er in Freiburg im Breisgau bei Martin Heidegger fort. Wie viele seiner Generation war er von dem Philosophen und seiner Schrift Sein und Zeit fasziniert. Seine zur gleichen Zeit erfolgte Rezeption der erstmals publizierten „ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von Karl Marx machte ihn laut Jürgen Habermas zum ersten „Heidegger-Marxisten“. In der Emigration wurde er in New York Mitglied des Instituts für Sozialforschung und arbeitete zunächst eng mit Max Horkheimer zusammen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er nicht nach Deutschland zurück, sondern lehrte an amerikanischen Universitäten. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er zu einem der wichtigsten Theoretiker der studentischen Protestbewegung, die er aktiv mit Sympathie und Engagement begleitete. An der Utopie eines „Reichs der Freiheit“ (Marx) als sozialistischer Gesellschaftsform hielt er zeit seines Lebens fest.
Ausbildung und frühe Forschungen
Herbert Marcuse wurde 1898 als erster Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Carl Marcuse und dessen Ehefrau Gertrud, geb. Kreslawsky, in Berlin geboren. In der großbürgerlichen Familie wuchs er zusammen mit zwei Geschwistern auf. Als Schüler des Mommsen-Gymnasiums trat er dem Wandervogel bei. 1916, nach dem Notabitur, wurde er zum kaiserlichen Heer einberufen. Wegen eines Augenleidens leistete er Heeresdienst bei einer Luftschiffer-Ersatz-Abteilung in Darmstadt und Berlin. 1917 trat er der SPD bei, die von seinen Eltern als Arbeiterpartei verachtet wurde. Nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands wurde er 1918 in den Soldatenrat in Reinickendorf gewählt, aus dem er nach eigenen Angaben austrat, als frühere Generäle hineingewählt wurden. Nach den Morden an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verließ Marcuse Anfang 1919 die SPD. Zu diesem Zeitpunkt sei ihm klar gewesen, äußerte er 1977 in einem Gespräch mit Jürgen Habermas, dass seine politische Haltung nur kompromisslos gegen die Politik der SPD gerichtet sein konnte und in diesem Sinne revolutionär gewesen sei. Er bewunderte damals die sozialistische Politik Kurt Eisners, des Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung des Freistaats Bayern. Mit ihm befürwortete er einen spezifischen „ethischen Sozialismus“, einen Sozialismus der Aktion.
1918 begann Marcuse mit dem Studium der Germanistik und der neueren deutschen Literaturgeschichte im Hauptfach, der Philosophie und der Nationalökonomie im Nebenfach, zunächst während vier Semestern an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, dann vier Semester an der Universität Freiburg. 1922 wurde Marcuse mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman von Philipp Witkop promoviert.
Nach der Promotion war er im Buchhandel und Verlagswesen in Berlin tätig. 1924 heiratete er die Mathematikerin und Statistikerin Sophie Wertheim, die er an der Universität Freiburg kennengelernt hatte. 1928 setzte er seine Philosophiestudien bei Edmund Husserl und Martin Heidegger fort. Er gehörte zu Heideggers engerem Schülerkreis. Einerseits bewunderte er Heideggers „Konkrete Philosophie“ und dessen Versicherung, dass die Geschichtlichkeit als Grundbestimmtheit des Daseins „auch eine ‚Destruktion‘ der bisherigen Geschichte“ forderte. Andererseits kritisierte er dessen Individualismus und mangelnde materiale Konstitution der Geschichte, die er bei Wilhelm Dilthey stärker ausgeprägt sah. Seine Absicht, sich bei Heidegger in Freiburg über Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit zu habilitieren, blieb aufgrund von Heideggers Ablehnung unerfüllt. Habermas bezeichnete Marcuse als den „ersten Heidegger-Marxisten“.
Die 1932 im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe erstmals veröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Karl Marx veranlassten ihn zu einer frühen Analyse, die im gleichen Jahr in einer sozialdemokratischen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Marx’ Jugendschriften von 1844 beeinflussten Marcuses Philosophieren erheblich. Wann immer er in späteren Schriften auf Marx zu sprechen kommt, bildet die Kategorie der „entfremdeten Arbeit“ den Ausgangspunkt. Die ihn als Marx-Kenner ausweisende veröffentlichte Arbeit und die Distanzierung von Heidegger in seiner Hegel-Schrift empfahlen ihn gewissermaßen dem Frankfurter Institut. Gleichwohl unterschied sich sein Marxismus von dem der Frankfurter Philosophen durch seine anthropologische Färbung. Marcuses Kontaktaufnahme zum Frankfurter Institut erfolgte, als dieses bereits die Verlegung seines Sitzes ins Ausland plante.
Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verließ Marcuse im Mai 1933 Deutschland und ging in die Schweiz. Auf Empfehlung von Husserl war er in Genf für die Zweigstelle des aus Frankfurt am Main emigrierten Instituts für Sozialforschung, das von Max Horkheimer geleitet wurde, etwa ein Jahr lang tätig. Kurzfristig arbeitete Marcuse auch für die Pariser Außenstelle des Instituts, bevor er Ende Juni 1934 endgültig in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierte.
In der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung erschien 1934 Marcuses Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in dem er sich unter anderem mit Heideggers Stellung zum Nationalsozialismus auseinandersetzt. Er referiert darin insbesondere Heideggers Rektoratsrede, in der ausgeführt wird, die Wissenschaft solle dem Dienst am Volk gewidmet werden. Die geistige Bewegung sei Macht zur Bewahrung der „erd- und bluthaften“ Kräfte des Volkes; darüber hinaus zitiert er einen Satz Heideggers aus der Freiburger Studentenzeitung vom November 1933: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“ Marcuse wandte sich 1947 an Heidegger und forderte ihn auf, sich öffentlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, was dieser jedoch mit der Begründung ablehnte, dass er sich nicht mit jenen ehemaligen Nazianhängern gemein machen mochte, die in „der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel“ bekundet hätten. In einem Antwortbrief reagierte Marcuse empört auf Heideggers Gleichsetzung der Judenvernichtung mit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Die Korrespondenz brach damit ab.
Im nach New York übergesiedelten Institut für Sozialforschung erhielt Marcuse eine feste Anstellung. Horkheimer wies ihm die Funktion des zweiten Philosophen nach ihm zu. 1937 veröffentlichte er, formal zusammen mit Horkheimer, in der Zeitschrift für Sozialforschung den Aufsatz Philosophie und kritische Theorie, in dem er den von Horkheimer zuvor veröffentlichten programmatischen Aufsatz Traditionelle und kritische Theorie um den normativen philosophischen Grundbegriff der Vernunft, der Freiheit und Autonomie einschließe, korrigierend erweiterte. Horkheimer ging es in seiner produktivsten Phase um die „Aufhebung der Philosophie in Gesellschaftstheorie“; im ersten Teil des gemeinsamen Aufsatzes bekannte er sich nunmehr zum „philosophischen Charakter der kritischen Theorie“. Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch werten Marcuses Aufsatz als „wichtigsten Anteil am Programm der frühen Kritischen Theorie“. 1940 wurde Marcuse amerikanischer Staatsbürger.
Als Erster folgte Marcuse Horkheimer im Mai 1941 an die Westküste nach Los Angeles, um mit ihm das von Horkheimer geplante Dialektik-Buch in Angriff zu nehmen. Aber offensichtlich war auch Theodor W. Adorno dafür vorgesehen. Hoffte Horkheimer anfangs noch, aus Marcuse, Adorno und sich selbst „ein gutes Gespann zu machen“, sah sich Marcuse doch durch die ökonomische Situation des Instituts und das Drängen Max Horkheimers dazu genötigt, 1942 eine neue Stellung in Washington, D.C. beim Office of Strategic Services (OSS), Amerikas erstem Geheimdienst, anzunehmen. Dazu beigetragen hat möglicherweise auch Adornos beharrliches Werben um Horkheimers Gunst, wobei er nicht davor zurückschreckte, Marcuse als „einen durch Judentum verhinderten Faszisten“ herabzusetzen, und seine, wie Stefan Breuer schreibt, fortwährend geübte „ätzende Kritik“ an Marcuses Beiträgen.