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Herbert Kühn (Prähistoriker)

Deutscher Prähistoriker

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Herbert Kühn (* 29. April 1895 in Beelitz; † 25. Juni 1980 in Mainz) war ein deutscher Prähistoriker, Religionswissenschaftler, Kunsthistoriker und Philosoph, der eine Stillehre der prähistorischen Kunst vorgelegt und sich insbesondere um die Erforschung der Felsbildkunst (Höhlenmalereien) und Archäologie der Völkerwanderungszeit verdient gemacht hat. Lange Zeit galt er als einer der besten Kenner der Kultur der letzten Kaltzeit und ihrer künstlerischen Hinterlassenschaften.

Herbert Kühn setzte sich häufig von der vorherrschenden Lehrmeinung seiner Zeit ab, insbesondere der des führenden französischen Prähistorikers Henri Breuil (1877–1961) und des deutschen Paläolithforschers Hugo Obermaier (1877–1946). Seine Interpretationen galten vielen Fachkollegen als zu großzügig und gewagt.

Die Bedeutung Kühns besteht hauptsächlich darin, die paläolithische Kunst durch zahlreiche Publikationen einer breiten und interessierten Öffentlichkeit nahegebracht zu haben. Kühn trug die Kunst der frühen Menschheitsgeschichte, insbesondere die in den Höhlen Spaniens, Frankreichs, Skandinaviens und Russlands zusammen. Rund 120 europäische Höhlen mit eiszeitlichen Bildern, Gravierungen und Skulpturen hat er vor Ort detailliert untersucht und zu interpretieren versucht.

Herbert Kühn wurde als Sohn des Postvorstehers Hermann Kühn (1854–1918) und seiner Frau Franziska, geb. Worbes (1868–1955) in Beelitz bei Potsdam geboren. Kühn besuchte das Viktoria-Gymnasium in Potsdam (August 1914 Reifeprüfung), absolvierte einen kurzen Militärdienst (Kriegsfreiwilliger 1914) und nahm anschließend sein Studium der Vorgeschichte bei Gustaf Kossinna in Berlin auf. Anschließend ging er an die Universität München, da er sich zunächst für die Forschungen des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen interessierte. Nach zwei Semestern ging er dann allerdings nach Jena zum Studium der Philosophie, Kunst-, Religions- und Vorgeschichte und schloss sich hier dem Philosophen Rudolf Eucken an.

Im Februar 1918 wurde Kühn nach seinem durch den Ersten Weltkrieg unterbrochenen Studium als 22-Jähriger im Fach Philosophie an der Universität Jena bei Rudolf Eucken zum Dr. phil. promoviert mit seiner Dissertation Die psychologischen Grundlagen des Stilwandels der modernen Kunst. Zu verstehen ist diese Arbeit vor dem Hintergrund, in der die Kunst nach dem Impressionismus neue Wege in Richtung Abstraktion suchte.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg unternahm Kühn seine erste Reise nach Frankreich in das Département Dordogne, eine der weltweit bedeutendsten Felsbildregionen. Hier begeisterten ihn die zahlreichen Höhlenmalereien, die ihn dann sein Leben lang beschäftigt haben.

Von 1919 bis 1921 arbeitete Kühn als politischer Redakteur und Kunstkritiker am „Halberstädter Tageblatt“. Im Juli 1923 wurde er an der Universität zu Köln für das Fach „Prähistorische Kunst“ mit seiner Schrift Der Sensorismus der paläolithischen Kunst habilitiert. Als Privatdozent hielt er am Kunsthistorischen Institut Lehrveranstaltungen zur prähistorischen Kunst; dieses Fach war jedoch kein Prüfungsfach. 1925 wurde Kühn Begründer und Herausgeber der internationalen Zeitschrift Jahrbuch für prähistorische und ethnographische Kunst (IPEK). Hier wurden zum Teil grundlegende Veröffentlichungen zur prähistorischen Kunst und Ethnographie vorgelegt. Seit 1928 fungierte Kühn ferner als Herausgeber der Rheinischen Forschungen zur Vorgeschichte. 1928 wurde seine Venia legendi in „Vorgeschichte“ geändert, 1930 wurde er zum außerordentlichen, nicht beamteten Professor ernannt. Auf Kühns Betreiben wurde 1930 ein „Institut für Vorgeschichte“ als Abteilung des Historischen Seminars der Universität zu Köln gegründet.

1931 und 1933 unternahm Kühn zwei große Weltreisen mit dem Schiff nach Amerika, Asien, Afrika und Australien, besuchte zahlreiche bedeutende Felsbildstationen und Ausgrabungsstätten und brachte sich so auf den aktuellen Stand der archäologischen Wissenschaften außerhalb Deutschlands. Zu seinen Zielen zählten u. a. Italien, Griechenland, Palästina, Afrika, Indien, Ceylon (heute Sri Lanka), Borneo, Sumatra, Java, Bali, Philippinen, Taiwan, China, Japan, Kalifornien, Panama, Kuba und Nordamerika.

Am 1. November 1935 wurde ihm nach Denunziationen aus politischen Gründen die Lehrbefugnis entzogen, u. a. weil er eine jüdische Ehefrau hatte. Dennoch konnte er sich aufgrund seiner Unabhängigkeit in der NS-Zeit ganz seinen Forschungsaufgaben widmen. Kühn lebte nach seiner Entlassung von 1935 bis 1946 als Privatgelehrter in Berlin. Hier verfasste er sein Grundlagenwerk Die germanischen Bügelfibeln der Völkerwanderungszeit in der Rheinprovinz, das 1966 in zweiter Auflage erschienen ist.

Nach Kriegsende folgte Kühn 1946 einem Ruf als erster Ordinarius für Vor- und Frühgeschichte an die neugegründete Universität Mainz (ohne Assistent, Schreibkraft und Zeichner). Dieses Ordinariat hatte er dann bis 1956 inne.

Kühn besuchte mehrmals die USA. In den Jahren 1959 und 1960 hielt er dort Fachvorträge zur Vorgeschichte und prähistorischen Kunst an zahlreichen Universitäten (u. a. in New York und Chicago). So erhielt Kühn zwei Rufe als Gastprofessor an US-amerikanische Universitäten: 1959–1960 an die Wayne State University in Detroit (Michigan) und 1963 an die University of California, Berkeley (CA). Daneben war er Mitarbeiter des renommierten Metropolitan Museum of Art in New York. In den 60er Jahren besuchte er dann die Pyramiden von Mexiko, unternahm 1967 eine Reise durch den Balkan und die Türkei, in den Iran und den Irak, nach Babylon, Assur, Ninive, Ur und 1974 schließlich nach Russland. Seine Lieblingsziele waren aber immer wieder seit 1923 die Höhlen in Frankreich und Spanien. Und oft war Kühn der erste, der sie zusammen mit ihren Entdeckern besuchte.

Im März 1959 wurde Kühn an der Universität Mainz emeritiert und war lange Zeit Senior der deutschen Prähistoriker. Nach seiner Emeritierung hat sich Kühn aber weiter seinen umfangreichen Publikationstätigkeiten gewidmet.

Kühn war seit 1921 verheiratet und hatte einen Sohn. Er starb im Alter von 85 Jahren in Mainz.

Eine enge Freundschaft pflegte Kühn mit den bedeutenden Paläolithforschern Abbé Henri Breuil und Hugo Obermaier, die aber seinen Thesen nie gefolgt sind. So hielt Kühn die Levantekunst wie viele seiner Fachkollegen nicht mehr für eiszeitlich, im Gegensatz dazu etwa Breuil. Kühn war ferner befreundet mit zahlreichen Dichtern, Literaten und Philosophen, so unter anderem mit Franz Pfemfert. In dessen sozial-revolutionärer Zeitschrift „Die Aktion“ publizierte Kühn eigene Gedichte.

Der Prähistoriker Kühn gilt weithin als ein Pionier in der Erforschung der Eiszeitkunst. Er hat sich insbesondere mit der chronologisch-kulturellen und stilistischen Entwicklung der Kunst des Jungpaläolithikums (jüngere Altsteinzeit) auseinandergesetzt. Kühn lieferte somit auch der Kunst- und Kulturgeschichte sowie Religionsgeschichte bahnbrechende Erkenntnisse und nahm bedeutenden Einfluss auf andere Forscher wie etwa den schweizerischen Ethnologen Eduard Renner. Und als Feldforscher war er stets den Objekten seiner Wissenschaft sehr nahe. Wie bereits erwähnt, bereiste der Prähistoriker von internationalem Rang auf zwei großen Weltreisen prähistorische Fundplätze und besuchte dabei u. a. Indien, China, Japan, Amerika und Afrika.

Kühns Verdienst ist, die Höhlenmalereien und Felsgravuren zum Reden gebracht zu haben. Dabei ging er unbeirrt seinen eigenen methodisch-wissenschaftlichen Weg. Moderne Datierungsmethoden, insbesondere der Radiokohlenstoffdatierung, führten dann später zu einer Präzisierung der Klassifizierung und Periodisierung der prähistorischen Kunst.

Systematisierung und Interpretation

Bei der Systematisierung (Ordnung) und Interpretation der frühesten Kunst wandte Kühn kunsthistorische Interpretationsansätze an. In den 50er Jahren entwickelte er sein Analyseverfahren, das auf spezifisch modernen Aspekten beruht. Seine Ergebnisse übertrug er dann auf die gesamte Menschheitsentwicklung. In allen Kulturepochen entwickelte sich für ihn die Malerei stets von ersten naturalistischen Äußerungen bis hin zu immer größeren Abstraktionen. Damit lieferte Kühn auch wertvolle Beiträge zur kunsthistorischen Forschung.

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