An diesem Tag

Henryk M. Broder

Deutscher Journalist und Schriftsteller

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Henryk Marcin Broder (Eigenbezeichnung Henryk Modest Broder; * 20. August 1946 in Katowice, Polen) ist ein deutscher Publizist und Buchautor.

Broder schrieb nach der Schulzeit für Konkret, die Frankfurter Rundschau und die St. Pauli-Nachrichten. Von 1995 bis 2010 verfasste er hauptsächlich Kolumnen und Polemiken für den Spiegel und den Berliner Tagesspiegel. Seit 2011 ist er für Die Welt, Welt am Sonntag und Welt Online tätig. Seine Werke Hurra, wir kapitulieren! und Das ist ja irre! Mein deutsches Tagebuch wurden Bestseller. Broder ist Gründer, Mitbetreiber und Autor des Blogs Die Achse des Guten.

Henryk Broder entstammt einer jüdischen Handwerkerfamilie aus dem oberschlesischen Industriegebiet; seine Eltern, Kalman (Kalma) Broder und Felicja Broder, geborene Frey, waren Überlebende von Konzentrationslagern. Die Mutter war laut Broder 1945 ins KZ Auschwitz deportiert worden, entkam jedoch mit drei anderen jüdischen Frauen auf einem Todesmarsch. Der aus Galizien stammende Vater, der Russisch, Jiddisch und Deutsch sprach, war ein Überlebender des KZ Buchenwald. In den Medien hieß es, Broders 1937 geborene ältere Schwester, Janina, sei dem Holocaust zum Opfer gefallen. Broder dementierte dies 2023 in einem Interview. Seine Schwester habe „bei einer katholischen Familie in Krakau unter der Bettdecke überlebt“.

Broder wurde 1946 in Katowice geboren. 1957 verließen seine Eltern mit ihm die Volksrepublik Polen und kamen über Wien 1958 in die Bundesrepublik Deutschland. Broder sprach anfangs kein Deutsch, er lebte in Köln, wo er im Herbst 1966 sein Abitur am mathematisch-naturwissenschaftlichen Hansagymnasium erwarb. Die Zeit an dieser Schule beschrieb er später mit den Worten:

Anschließend studierte Broder Rechtswissenschaft, Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Statistik an der Universität zu Köln, beendete das Studium jedoch ohne Abschluss.

Beginn der journalistischen Tätigkeit

Am Hansagymnasium Köln hatte Broder in der Oberstufe die Schülerzeitung Hansekogge redigiert und lernte bei einem Treffen von Schülerzeitungsredakteuren Stefan Aust kennen. Nach dem Abitur begann er neben dem Studium für den Westdeutschen Rundfunk zu arbeiten und war u. a. Pressesprecher der Internationalen Essener Songtage 1968. 1969 gründete er mit dem Pop-Impresario Rolf-Ulrich Kaiser, dem Grafiker Reinhard Hippen und dem Schriftsteller und Journalisten Fred Viebahn, den er seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Kölner „Politischen Arbeitskreis Oberschulen“ kannte, die antiautoritäre radikal-liberale Zeitschrift po-po-po (Pop-Politik-Pornographie), die nach wenigen Ausgaben eingestellt wurde, 1970 gefolgt von einem weiteren kurzlebigen Journal im Zeitungsformat, bubu / eiapopeyea, für das nur noch Broder und Viebahn verantwortlich zeichneten. Gleichzeitig begann Broder in Hamburg als Autor der St. Pauli-Nachrichten zu arbeiten. Das von dem Fotografen Günter Zint 1968 begründete, wöchentlich erscheinende Erotikblatt erzielte 1970 mit einer Kombination aus Kontaktanzeigen, Erotik und linker politischer Agitation Auflagen von ca. 800.000 Exemplaren pro Ausgabe. Dabei lernte Broder unter anderem den Journalisten Günter Wallraff kennen. Broders erstes Buch, Wer hat Angst vor Pornografie, erschien 1970 beim Melzer Verlag.

Auseinandersetzung mit der deutschen Linken und Umzug nach Israel

Broder war auch Mitarbeiter der Musikzeitschrift song und in den 1970er Jahren bei Pardon und Spontan, die oft explizit erotische Aufmacher mit einer linken Grundhaltung verknüpften. Im selben Zeitraum begann seine Auseinandersetzung mit antisemitischen Tendenzen in politisch links stehenden Kreisen. Von 1979 bis 1980 gab er mit dem Autor und Deutsche-Welle-Redakteur Peter Finkelgruen die Zeitschrift Freie Jüdische Stimme heraus.

1981 verlegte Broder seinen Wohnsitz nach Israel und arbeitete unter anderem als Autor der Jerusalem Post. Als Grund für seinen Weggang aus Deutschland nannte er im Jahr 1993 unter anderem einen Artikel der Journalistin Ingrid Strobl in Emma, in dem das Existenzrecht Israels bestritten wurde. Er habe sich mit „linken Antisemiten à la Schwarzer und Paczensky“ nicht mehr auseinandersetzen wollen. Daraufhin klagte der Journalist Gert von Paczensky vor Gericht, und Broder verpflichtete sich, die Formulierung „linker Antisemit à la Paczensky“ nicht mehr zu verwenden. Broder zufolge soll Alice Schwarzer eine Mitarbeiterin für untragbar erklärt haben, weil sie „die Geliebte eines militanten Juden“ gewesen sei. Eine 1984 von Wolfgang Pohrt vorgeschlagene, in Zusammenarbeit mit Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein zu erstellende Anthologie über das Verhältnis der deutschen Linken zum Antisemitismus kam nicht zustande. Broder nahm auch Anstoß an der von Alice Schwarzer initiierten PorNO-Kampagne, die der Presse vorwarf, Frauen sexistisch und als Objekte darzustellen. Dabei unterstellte er Schwarzer unter anderem einen autoritären Charakter.

Die Auslieferung von Broders Buch Der ewige Antisemit wurde im Zusammenhang mit Aussagen zum Skandal um das Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod von Rainer Werner Fassbinder zeitweise gestoppt, nachdem der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Günther Rühle, gegen Antisemitismusvorwürfe Broders eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte.

Angelehnt an den Buchtitel und die Thematik entstand im Jahr 2017 die Filmdokumentation Der ewige Antisemit, die Broder mit dem Regisseur und Filmproduzenten Joachim Schroeder realisierte.

1993 engagierte Manfred Bissinger Broder bei der Hamburger Zeitung Die Woche. Anschließend begann Broder 1995 für das Magazin Der Spiegel und Spiegel Online zu schreiben.

Er publizierte auch in den Wochenzeitungen Die Zeit, Profil und Weltwoche sowie in der Süddeutschen Zeitung. In den 1980er Jahren moderierte er mit Elke Heidenreich und anderen die SFB-Talkshow Leute im Café Kranzler in Berlin. Er ist Mitherausgeber des Jüdischen Kalenders, einer jährlich im Taschenbuchformat erscheinenden Text- und Zitatensammlung zur neueren und neuesten jüdischen Geschichte und Kultur. Seine Tätigkeit für Die Weltwoche stellte er aufgrund der prorussischen Haltung ihres Verlegers, Roger Köppel, zum russischen Überfall auf die Ukraine 2022 ein.

Broder lebt in Berlin-Charlottenburg und ist mit Hilde Recher-Broder verheiratet, einer Augsburger Verlegerin. Gemeinsam haben sie eine erwachsene Tochter.

Broder schrieb mehrere Bücher über jüdische Kultur, das deutsch-jüdische Verhältnis und Judenfeindlichkeit und Antiamerikanismus in der deutschen Gesellschaft. Er stellte die sehr gegensätzliche, oft drastisch geführte öffentliche Debatte und Auseinandersetzung in Israel der – seiner Ansicht nach – polemische Töne kaum gewohnten deutschen Öffentlichkeit gegenüber.

Broder trug zusammen mit Dan Diner, Wolfgang Pohrt und Eike Geisel in den 1970er Jahren die Kritik am Antizionismus in die politische Linke, was zum Entstehen der sogenannten Antideutschen beitrug. Bekannt wurde 1991 ein Interview Broders mit Hans-Christian Ströbele in Jerusalem, der im selben Jahr eine Israel-Delegation der Grünen leitete. Thesen Ströbeles zur militärischen Unterstützung Israels bzw. zu einer israelischen Verantwortung für die Angriffe Saddam Husseins riefen nach Veröffentlichung in der Jerusalem Post (in Deutschland in der Süddeutschen Zeitung und der taz) erhebliche Proteste in Israel hervor, worauf Ströbele seinen Israel-Besuch vorzeitig abbrach und sein Vorstandssprecheramt bei den Grünen verlor.

Broders Bruch mit der deutschen Linken, der öffentliche Umgang mit dem Islamismus und die deutsche Vergangenheitsbewältigung sind neben dem Nahostkonflikt und Israel Broders zentrale Themen. In Bezug auf die Bundesrepublik nannte er die Übernahme ehemaliger Nazis und NS-Mitläufer in Ämter den „schwersten Geburtsfehler der Bundesrepublik“, eine bis heute nicht abgearbeitete Hypothek. Von Anfang an unterstützte er den Irakkrieg und den Sturz Saddam Husseins. Er wirft den Europäern vor, gegenüber Diktatur, Islamismus und Terrorismus Appeasement-Politik zu betreiben. Vorübergehend beschäftigte er sich mit der deutschen Wiedervereinigung und publizierte einige kulturpolitische Arbeiten, so beim Jüdischen Kalender oder über das Berliner Scheunenviertel. Zusammen mit Eike Geisel hatte er 1992 mit Veröffentlichungen und einem Dokumentarfilm über den Jüdischen Kulturbund auf ein bislang unbeachtetes Kapitel der Kulturpolitik in der NS-Zeit aufmerksam gemacht.

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