Sir Henry Tate, 1. Baronet (* 11. März 1819 in Chorley, Lancashire; † 5. Dezember 1899 in Streatham, London) war ein englischer Industrieller in der Zucker-Raffination und wurde bekannt durch die Gründung der nach ihm benannten Tate Gallery in London.
Tate wurde in Chorley, Lancashire, als elftes Kind des Pfarrers William Tate und Agnes Boothals geboren. Sein Vater unterhielt eine Schule für arme Kinder und hier erhielt auch Henry seine einzige Schulbildung. Bei seinem älteren Bruder, Caleb Ashworth Tate († 1846), begann er mit 13 eine Ausbildung zum Lebensmittelhändler in Liverpool. Nach sieben Jahren kaufte er das Geschäft von Aaron Wedgwood in Old Haymarket, Liverpool, und war nun selbständiger Lebensmittelhändler. Sein Geschäft war ein Erfolg und bis er 35 war, betrieb er bereits sechs Läden – vier in Liverpool, einen in Birkenhead und einen in Ormskirk. Er baute auch sein Großhandelsgeschäft aus.
1859 ging Tate eine Partnerschaft mit „John Wright & Co“, einer Zuckerraffinerie, ein und verkaufte seine Lebensmittelgeschäfte. Die beiden Partner betrieben ihr gemeinsames Zuckergeschäft erfolgreich und kontrollierten schließlich nicht weniger als vier Raffinerien:
Die Majesty Lane Raffinerie (mit 100 tons von „Bastard“ pro Woche) Bastard Sugar ist ein hellbrauner Zucker. Er wurde so genannt, weil er weder reinweißer noch reinbrauner Zucker ist.
Zwei Zuckerrübenmelasse-Raffinerien, eine in der James Street (ehemals James Crone, gekauft 1862)
und die zweite in der Edmond Street,
und schließlich die Raffinerie in der Earle Street, die Tate alleine gehörte.
1869 löste Tate seine Partnerschaft mit John Wright auf, der sich aus Altersgründen zurückzog, und nahm seine beiden Söhne, Alfred, 25 Jahre, und Edwin, 22 Jahre, als Mitarbeiter in die Firma auf. Sie fällten die Entscheidung, die Produktion in den vier Fabriken zu rationalisieren und in Liverpool nach der „Greenock Methode“ zu raffinieren. Der Konzern „Henry Tate & Sons“ startete mit dem Bau der Love Lane Raffinerie.
Mit dem Bau der Love Lane Raffinerie traf Henry Tate die zweite große Entscheidung in seinem Leben – nach der Aufgabe der Lebensmittelgeschäfte. Er war einer der ersten, der begriffen hatte, dass der Kampf um den Zuckermarkt von Großbritannien zum einen nur durch die Produktion von Zucker in Premiumqualität und zum anderen einzig in großem Stil gewonnen werden konnte. Für Henry Tate bedeutete das, nach dem „Greenock-Verfahren“ zu raffinieren. Sein Sohn Edwin besuchte die Raffinerie von John Walker im schottischen Greenock und kam beeindruckt und mit neuen Erkenntnissen zurück.
Die neue Raffinerie lag an den Ufern des Leeds-Liverpool-Kanals. Auf dem Land waren vorher große Gießereibetriebe und Wassermühlen gestanden. In der Nähe befanden sich die Raffinerien von „Fairrie & Co“ in der Vauxhall Street und „George Jager & Co“ in der Burlington Street. Tates Zuckerfabrik nahm im August 1872 den Betrieb auf. Sie produzierte anfangs 400 Tonnen Zucker pro Woche und erhöhte den Ausstoß in kurzer Zeit auf 1.000 Tonnen wöchentlich. Es gibt keinerlei Unterlagen, wie Tate den Bau der Raffinerie finanzierte.
Henry Tate kaufte von der französischen Firma „La Compagnie de cinque Lys“ und der schottischen Firma „Blake Barcley“ in Greenock die beste technische Ausrüstung, die es seinerzeit auf dem Markt gab. Er arbeitete nach den neuesten Methoden: das Kochen bei niedriger Temperatur (60 Grad Celsius), das in Greenock für die mindere Qualität des Zuckers angewendet wurde, und das französische Verfahren des Pariser Unternehmens von E. Boivin und D. Loiseau zur Qualitätsverbesserung des Zuckersirups. Die beiden Franzosen hatten ihr Patent mehreren Raffinerien angeboten, und obwohl sie ihre Methode in den Werken von „Sommier“ in La Villette (Paris) in großem Stil erprobt hatten, fanden sie erst in Henry Tate einen Käufer.
Tate achtete darauf, dass seine Söhne durch „training on the job“ eine fundierte, praxisnahe Ausbildung erhielten. Er besaß zudem die Weitsicht, kompetente Mitarbeiter einzustellen, die meist aus Greenock kamen, so z. B. den ersten Managing Director der Love Lane Raffinerie, J. P. Muir. Als ersten Chemiker stellte er 1876 J. W. MacDonald ein, den Sohn eines Zuckerrohrproduzenten von der Karibikinsel St. Vincent, sowie von der Firma „Blake Barcley“ in Greenock den Ingenieur James Blake.
1874–75 kaufte Tate das Gelände einer ehemaligen Werft an der Themse in Silvertown. Hier baute er seine größte Raffinerie, die 1878 unter seinem Sohn Edwin ihren Betrieb aufnahm. Der Bau dieser neuen Raffinerie bedeutete ein nicht unerhebliches Risiko für die Firma, und die Kosten wurden so hoch, dass er gezwungen war, seine Tochter Isolina aus dem Internat zu nehmen.
Tate kaufte 1875 zusammen mit dem ebenfalls aus Liverpool stammenden Raffineriebesitzer David Martineau das Nutzungsrecht eines neuen Verfahrens zur Herstellung von Zuckerwürfeln von Eugen Langen aus Köln – mit der Vereinbarung, Lizenzgebühren zu zahlen, sobald er Gewinn erwirtschaftete. Bis dahin gab es Zucker nur in sog. Broten, die zum Verbrauch in Stücke gebrochen oder gehackt werden mussten. Der Würfelzucker war die eigentliche Quelle seines Vermögens und machte ihn zum Millionär.
1892 kaufte Tate für £ 12.000 die Exklusiv-Patentrechte für Großbritannien von Gustav Adant aus Brüssel, der einen besseren Herstellungsprozess für Würfelzucker erfunden hatte. Tates Raffinerie begann mit dieser Nutzung 1894.
Henry Tate heiratete Jane Wignall, Tochter von John Wignall, am 1. März 1841. Sie hatten acht Kinder:
Agnes Esther Tate († 26. August 1929)
William Henry Tate (* 23. Januar 1842)