Henry Moore (* 30. Juli 1898 in Castleford, Yorkshire; † 31. August 1986 in Much Hadham, Hertfordshire) war ein englischer Bildhauer und Zeichner.
Moore ist bekannt für seine großen, abstrakten Skulpturen, die weltweit ausgestellt sind. Die Arbeiten sind oft Abstraktionen des menschlichen Körpers, typischerweise als „Mutter und Kind“ oder als „ruhende Figur“.
Moore wurde 1898 in Castleford im britischen West Yorkshire als siebtes von insgesamt acht Kindern des Ehepaares Raymond Spencer Moore und Mary Baker geboren. Sein Vater war Angestellter in einem Bergwerk und legte Wert auf eine gute Ausbildung seiner Kinder, um zu verhindern, dass eines seiner Kinder gleichfalls im Bergwerk arbeiten müsse.
Moore beschloss schon mit elf Jahren, Bildhauer zu werden. Mit Unterstützung seines Kunstlehrers begann er frühzeitig in Ton zu modellieren und Holz zu behauen. Seine Eltern waren gegen eine Karriere als Bildhauer, da dies für sie körperliche Arbeit war.
Im Jahre 1917, kurz nach seinem 18. Geburtstag, wurde Moore zum Militärdienst eingezogen. Er war der jüngste in seinem Regiment, den „Civil Service Rifles“ und nahm teil an der Schlacht von Cambrai, wo er während eines Gasangriffs verletzt wurde. Er erholte sich rasch, war aber für den Rest des Ersten Weltkrieges nicht mehr an aktiven Kämpfen beteiligt. Im Gegensatz zu den Erfahrungen vieler seiner Zeitgenossen erlitt Moore kein Trauma; Moore selber sagte über diese Zeit: „für mich verging der Krieg in einem romantischen Dunst mit dem Versuch ein Held zu sein (for me the war passed in a romantic haze of trying to be a hero)“.
Nach dem Krieg erhielt Moore als Kriegsteilnehmer ein Stipendium, um sein Studium fortzusetzen. 1919 wurde Moore der erste Student der Leeds School of Art, der Bildhauerei studieren wollte – seine Kunsthochschule musste für ihn als erstes ein geeignetes Atelier einrichten.
Moore lernte während seiner Zeit an der Leeds School of Art Barbara Hepworth kennen und begann mit ihr eine Freundschaft, die viele Jahre überdauern sollte. Durch Michael Sadler, den Vizekanzler an der Leeds School of Art wurde er frühzeitig mit den Bildhauerarbeiten afrikanischer Volksstämme konfrontiert.
1921 erhielt Moore ein Stipendium, um seine Ausbildung am Royal College of Art in London fortzusetzen, wo Hepworth seit einem Jahr bereits studierte. London bot ihm die Gelegenheit, sich weiter mit afrikanischen Arbeiten zu beschäftigen. Er verbrachte viel Zeit im Victoria and Albert Museum und dem Britischen Museum, um sich mit den Sammlungen dort auseinanderzusetzen.
Sowohl Moores als auch Hepworth frühe Arbeiten entsprechen dem traditionellen Kunstunterricht, bei dem sich vor allem Moore zunehmend unwohl fühlte. Angeregt durch die afrikanischen Skulpturen und unter dem Einfluss von Bildhauern wie Constantin Brâncuși, Jacob Epstein und Frank Dobson begann er direkt sein Material zu bearbeiten, Unregelmäßigkeiten des Materials und die Bearbeitungsspuren in seiner Bildhauerei einzubeziehen. Bei seinen Kunstprofessoren traf diese Arbeitsweise auf wenig Unterstützung. Eine von Derwent Wood, dem Professor für Bildhauerei am Royal College of Art, gestellte Aufgabe sah vor, das Marmorrelief „die Jungfrau mit dem Kind“ von Domenico Rosselli erst in Ton nachzuarbeiten und es dann durch eine mechanische Übertragungsmethode in Marmor abzubilden. Moore arbeitete das Modell direkt in Marmor nach und ahmte dabei sogar auf der Oberfläche die Merkmale nach, die die mechanische Übertragungsform hinterlassen hätte.
1924 wurde Moore mit einem sechsmonatigen Reisestipendium ausgezeichnet, das es ihm ermöglichte, in Norditalien die Arbeiten von Michelangelo, Giotto und anderen Meistern zu studieren. In den späteren Jahren erklärte Moore oft, vor allem die Begegnung mit Michelangelos Arbeiten habe ihn maßgeblich beeinflusst.
Nach der Rückkehr nach London begann Moore selbst, am Royal College of Art zu unterrichten. Seine Unterrichtspflichten verlangten von ihm nur, zwei Tage pro Woche im College anwesend zu sein, so dass ihm ausreichend Zeit für seine eigenen Arbeiten zur Verfügung stand.
Im Juli 1929 heiratete er Irina Radetsky, eine Kunststudentin des Royal College of Art, die sich auf Malerei spezialisierte. Sie war am 26. März 1907 in Kiew als Tochter russisch-polnischer Eltern auf die Welt gekommen. Ihr Vater verschwand in den Wirren der Russischen Revolution, ihre Mutter floh nach Paris, wo sie wenig später einen britischen Offizier heiratete. Irina folgte ihr ein Jahr später und besuchte in Paris die Schule bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Danach lebte sie bei Verwandten ihres Stiefvaters in Buckinghamshire. Irina, die von einer ruhigen und zurückhaltenden Wesensart war, war das von Moore bevorzugte Modell.
Kurz nach der Hochzeit bezogen Henry und Irina Moore ein Studio im Londoner Stadtteil Hampstead, wo sich bereits eine ganze Reihe von Künstlern angesiedelt hatten, die zur damaligen Avantgarde zählten. Kurz nach ihnen zog auch Barbara Hepworth mit ihrem Lebensgefährten und späterem Ehemann Ben Nicholson in ihre Nähe. Auch Naum Gabo und der Kunstkritiker Herbert Read lebten in der unmittelbaren Umgebung. Die Nähe zu Kollegen war für Henry Moore künstlerisch fruchtbar, und Read publizierte regelmäßig darüber, so dass Moore immer stärker von der britischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
In den frühen 1930er Jahren wurde Moore zum Leiter des Bildhauerei-Bereichs an der Chelsea School of Art berufen. Parallel zu den Arbeiten von Barbara Hepworth wurden auch Moores Arbeiten zunehmend abstrakter. Dazu trugen regelmäßige Reisen nach Paris bei, wo sie mit verschiedenen Künstlern wie beispielsweise Pablo Picasso, Georges Braque, Hans Arp und Alberto Giacometti zusammentrafen. Moore setzte sich auch mit dem Surrealismus auseinander und schloss sich 1933 Paul Nashs „Unit One Group“ an. Parallel dazu verzichtete Moore zunehmend darauf, direkt die Skulpturen zu bearbeiten und schuf die Vorlagen für seine Bronzeskulpturen in Ton oder Gips. 1936 war er an der Organisation der International Surrealist Exhibition in den New Burlington Galleries in London und mit Werken beteiligt.
Die Arbeiten Moores galten den deutschen Nazis als „entartet“, und 1937 wurden in der Aktion „Entartete Kunst“ nachweislich einige davon aus dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg beschlagnahmt.
Die Zeit des Zweiten Weltkriegs
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete diese innovative und produktive Phase in Moores Schaffen. Die Chelsea School of Art wurde nach Northampton verlegt und Moore gab seinen Lehrauftrag auf. Während der Kriegsjahre erhielt Moore Aufträge als War Artist – „Kriegskünstler“ und schuf vor allem kraftvolle Zeichnungen der Menschen, die während der Bombardements von London in der U-Bahn Schutz suchten. Diese Zeichnungen machten Moore international bekannt, vor allem in den USA.
Nachdem die Wohnung in Hampstead von einer Bombe getroffen worden war, zogen Moore und seine Frau Irina aus London in ein Bauernhaus namens „Hoglands“ im kleinen Dorf Perry Green in der Nähe von Much Hadham, Hertfordshire, wo sich heute der Skulpturenpark Henry Moore Sculpture Perry Green befindet. Dieses Haus blieb bis an sein Lebensende Moores Heimat. Obwohl er später zu beträchtlichem Wohlstand gelangte, hielt Moore es niemals für notwendig, in ein größeres Haus umzuziehen, und abgesehen davon, dass er eine Reihe von Werkstattgebäuden auf dem Grundstück rund um sein Haus errichtete, blieb das Haus unverändert.