Henry Alfred Kissinger (geboren am 27. Mai 1923 in Fürth, Bayern, Deutsches Reich als Heinz Alfred Kissinger; gestorben am 29. November 2023 in Kent, Connecticut, USA) war ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Politiker der Republikanischen Partei. Als Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister unter den Präsidenten Nixon und Ford hat er die Außenpolitik der Vereinigten Staaten zwischen 1969 und 1977 maßgeblich mitbestimmt.
Der Deutschamerikaner Kissinger, als Jude 1938 aus Nazi-Deutschland geflohen, war einerseits Vertreter einer harten, auch gewaltbereiten Realpolitik, andererseits einer der Architekten der Entspannung im Kalten Krieg. Er betrieb die Öffnung der US-Außenpolitik gegenüber China und war während des Jom-Kippur-Kriegs wesentlich am Zustandekommen eines Waffenstillstands zwischen Israel und Ägypten beteiligt.
Nachdem er zunächst die Intensivierung des Vietnamkriegs befürwortet hatte, handelte er ein Waffenstillstands- und Abzugsabkommen mit Nordvietnam aus. Dafür wurde ihm 1973 gemeinsam mit seinem Verhandlungspartner Lê Đức Thọ der Friedensnobelpreis verliehen. Nach seinem Ausscheiden aus der US-Regierung war Kissinger von 1977 bis 1981 als Direktor der Denkfabrik Council on Foreign Relations und als Unternehmensberater tätig.
Henry Kissinger wurde als Heinz Alfred Kissinger im mittelfränkischen Fürth in der Mathildenstraße 23 in eine jüdische Familie geboren. Sein Vater Louis Kissinger (1887–1982) unterrichtete am Fürther Lyzeum Geschichte und Geografie, seine Mutter Paula Kissinger (geb. Stern) (1901–1998) war die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers. Kissingers Eltern waren orthodoxe Juden und gehörten dem patriotisch und konservativ gesinnten Bürgertum an. Der Nachname Kissinger stammt von Henrys Ur-Ur-Großvater Meyer Löb. Dieser war 1795 in seine Wahlheimat nach (Bad) Kissingen umgezogen. 1817 nahm er den Namen der Stadt als Familiennamen an.
Seine Kindheit verbrachte Henry Kissinger mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Walter Bernhard, der von 1924 bis 2021 lebte, in Fürth, wo die Familie von 1925 bis 1938 in der Marienstraße 5 wohnte. Kissinger war seit seiner Kindheit ein großer Fußballfan. Als Mitglied im Vorstand der North American Soccer League versuchte er später die Fußball-Weltmeisterschaft in die Vereinigten Staaten zu bekommen. Er spielte in der Jugend der SpVgg Fürth, deren Fan er bis zu seinem Tod war, wobei seine Begeisterung für den Sport allerdings größer als sein Talent gewesen sein soll. Später erinnerte er sich lebhaft daran, wie ihm 1933 als Neunjährigem mitgeteilt wurde, Adolf Hitler sei zum deutschen Reichskanzler ernannt worden, was sich als grundlegender Wendepunkt für die Familie Kissinger herausstellen sollte, wie Kissinger in einem Interview mit der BBC 2022 bekanntgab. Bereits vor der Machtergreifung durch die Nazis hatte Julius Streicher im Stürmer das Überleben der jüdischen Gemeinden von Nürnberg und Fürth in Frage gestellt. Die Gefahr, in der sie sich in Hitlerdeutschland befanden, wurde den jüdischen Gemeinden Mittelfrankens am 25. März 1934 durch das Palmsonntag-Pogrom von Gunzenhausen deutlich. Es stellte den größten antisemitischen Gewaltausbruch in Bayern bis zu den Novemberpogromen 1938, auch „Reichskristallnacht“, dar.
In einem Interview mit der New York Post im März 1974 erklärte Kissinger, dass er als Junge während der NS-Herrschaft häufig durch die Straßen gejagt und zusammengeschlagen worden sei. Kissinger widersetzte sich manchmal der durch die NS-Rassengesetze auferlegten sozialen Segregation, indem er sich in Fußballstadien schlich, um die Spiele seines Vereins zu sehen, was öfters zu Prügeleien führte. Aufgrund der Judenverfolgung musste Kissingers Vater im Mai 1933 die Entlassung als Lehrer hinnehmen und Henry bald darauf das Gymnasium verlassen. Er besuchte danach eine Israelitische Realschule und anschließend ein jüdisches Weiterbildungsseminar in Würzburg. 106,9 Radio Gong berichtete am 30. November 2023 vom Fund einer Straßenkarteikarte mit der Adresse Sandbergerstraße 1 (wo sich die Israelitische Lehrerbildungsanstalt befand), die Kissinger als Schüler aufführt. Wann er nach Würzburg zog und wie lange er in Würzburg lernte, lässt sich laut 106,9 Radio Gong aus der Karte nicht schließen, nur, dass er am 14. Juli 1938 wieder auszog und in seine Heimatstadt Fürth zurückkehrte.
Am 20. August 1938 verließ Kissinger mit seinen Eltern und seinem Bruder Deutschland, um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entfliehen. Für das Exil benötigten sie die Unterstützung eines in den Vereinigten Staaten lebenden Cousins. Von den in Deutschland gebliebenen Verwandten Kissingers kamen laut dem Historiker Bernd Greiner um die 30 Personen in den Vernichtungslagern ums Leben. Die Familie hielt sich nach der Emigration kurze Zeit in London auf, bevor sie am 5. September 1938 in New York City ankam. Kissinger ging mit seinem Bruder Walter in New York City, im damals deutsch-jüdisch geprägten Ortsteil Washington Heights von Manhattan, auf die George Washington High School. Seinen ausgeprägten deutschen Akzent im Englischen und seinen fränkischen im Deutschen hatte er nie verloren – nach Aussagen seines Jugendfreundes Wilhelm Furtwangler in der Jerusalem Post aufgrund seiner jugendlichen Schüchternheit. In den Vereinigten Staaten änderte er seinen Vornamen von Heinz Alfred in Henry.
Militärdienst im Zweiten Weltkrieg
Am 19. Juni 1943 erhielt Kissinger die Staatsbürgerschaft der USA, nachdem er im selben Jahr zum Militärdienst bei der U.S. Army eingezogen worden war. Im Jahre 1944 lernte Kissinger im Ausbildungslager Camp Claiborne (Louisiana) den damals 36-jährigen Juristen und Politologen Fritz G. A. Kraemer kennen, der wie er in der 84. US-Infanteriedivision diente und ebenfalls ein deutscher Emigrant war. Diese Begegnung wurde für Kissingers weiteren Weg prägend. „Während der folgenden Jahrzehnte beeinflusste Kraemer meine Lektüre und mein Denken, beeinflusste die Wahl meiner Universität, weckte mein Interesse für politische Philosophie und Geschichte, inspirierte meine akademischen Abschlussarbeiten (both my undergraduate and my graduate theses) und wurde überhaupt zu einem integralen und unverzichtbaren Teil meines Lebens. […] Seine Inspiration blieb mir sogar in den zurückliegenden 30 Jahren erhalten, als er nicht mehr mit mir reden wollte“, erklärte Kissinger nach Kraemers Tod im Jahre 2003.
Laut dem Ritchie Boy Vernon A. Walters erhielt Kissinger vor seinem Einsatz in Europa eine Ausbildung in militärischer Kriegsführung in Camp Ritchie in Maryland.
Der Zweite Weltkrieg brachte beide zurück nach Deutschland. Kissinger wurde zunächst Private (Soldat) in der G-Kompanie des 2. Bataillons der 84. US-Infanteriedivision. Da Kissinger Deutsch sprach, vermittelte ihn Kraemer zur militärischen Aufklärung innerhalb der Division. Von September bis November 1944 war er in Grotenrath bei Geilenkirchen stationiert, wo er den Jesuiten Erich Lennartz als Bürgermeister einsetzte und als Verbindungsoffizier zwischen der amerikanischen Militärverwaltung und der Bevölkerung fungierte. Ende 1944 wurde er der G-2 Section im Führungsstab der Division zugeteilt, kämpfte freiwillig gegen die Wehrmacht in der Ardennenoffensive, wurde als Special Agent beim 970. Counter Intelligence Corps (CIC) eingesetzt und zum Sergeant befördert.
Im März 1945 war er mit der 84. US-Infanteriedivision drei Wochen in Krefeld, ab dem 9. April in Hannover, wo er mehrere Gestapo-Beamte aufspürte und verhaftete, wobei er mit einem anderen Aufklärungsoffizier die Ermittlungen und Hausdurchsuchungen leitete. Hierfür erhielt er am 27. April den Bronze Star. Er war auch unter den Soldaten, die am 10. April das KZ-Außenlager Hannover-Ahlem befreiten. Vier Monate später erhielt er die Beförderung zum Staff Sergeant. Am 2. Mai war Kissinger Zeuge, als bei Bälow an der Elbe Einheiten der Roten Armee und der Amerikaner aufeinander trafen.
Nach dem Kriegsende war er in Bensheim in der amerikanischen Besatzungszone stationiert und quartierte sich in unterschiedlichen Wohnungen und Häusern ein, unter anderem in der Residenz des Unternehmers Arthur Sauer. Laut dem Bergsträßer Anzeiger lebte er in dieser Villa eine Zeit lang zusammen mit einer deutschen Offizierswitwe. Der Biograph Niall Ferguson berichtet in diesem Zusammenhang von einer lokalen Überlieferung, laut der Kissinger mit der Tochter eines Bankiers mit jüdischen Wurzeln zusammen war, deren Mann in einem Konzentrationslager verschollen war. Von Bensheim aus arbeitete Kissinger bis April 1946 für das Counter Intelligence Corps (CIC). Das CIC hatte die Aufgabe, Kriegsverbrechen aufzuklären und die Entnazifizierung in Deutschland voranzutreiben.