Henry David Thoreau [ˈθɔɹoʊ] oder [θəˈɹoʊ] (* 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts; † 6. Mai 1862 ebenda) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph.
Nach seinem Harvard-Studium war er zunächst, wie seine Eltern, unternehmerisch in der Bleistiftproduktion tätig. Später arbeitete er in vielen anderen Berufen, unter anderem als Lehrer, Schulbetreiber, Landvermesser und Vortragsreisender. 1845 stieg er im Alter von 27 Jahren für zwei Jahre aus der Gesellschaft aus und lebte ohne viel Besitz in einer kleinen selbstgebauten Hütte in der Natur ein einfaches Leben. Thoreau war Zeit seines Lebens politisch aktiv, unter anderem gegen Krieg und Sklaverei. 1862 starb er aufgrund mehrerer Krankheiten im Alter von 44 Jahren.
Erst nach seinem Tod erlangte Thoreau dank zwei seiner Essays weltweite Bekanntheit, die heute als Klassiker gelten und viele Menschen inspirierten: Walden (1854) zum einfachen Leben sowie Naturschutz, und Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (1849) zu zivilem Ungehorsam und gewaltfreien Widerstand (u. a. Mahatma Gandhi und Martin Luther King Jr.). Thoreau war auch Vordenker des Anarchismus, wird aber bis heute von einem breiten Publikum unterschiedlichster politischer Strömungen gewertschätzt.
Thoreau wurde am 12. Juli 1817 als Sohn des Bleistiftfabrikanten John Thoreau und Cynthia Dunbars geboren. Der Vater war ein Einwanderer mit französischsprachigen Vorfahren von der Insel Guernsey. Sein Geburtshaus, nach früheren Eigentümern als Wheeler-Minot Farmhouse bezeichnet, existiert immer noch und ist im National Register of Historic Places in Concord verzeichnet. Thoreau studierte von 1833 bis 1837 an der Harvard University und lebte die meiste Zeit seines Lebens in der Region Boston. Nach der Hochschule stieg er mit seinem Bruder in das Familiengeschäft Bleistifte ein und gründete eine eigene Fabrik.
Er war für kurze Zeit als Lehrer tätig, da er jedoch „keinen Gebrauch von der unerlässlichen körperlichen Züchtigung“ machte, überwarf er sich mit der Leitung seiner Schule und quittierte seinen Dienst. 1838 gründete er mit seinem Bruder John eine eigene Privatschule. Als der Bruder 1842 an Tetanus starb, musste die Schule geschlossen werden.
Thoreau lernte 1841 Ralph Waldo Emerson kennen, der als Dichter, Unitarier und Philosoph die unitarische Bewegung des amerikanischen Transzendentalismus begründet hatte, der ein großer Kreis amerikanischer Dichter und Denker angehörte. Nach dem Tod seines Bruders lebte Thoreau zeitweilig in Emersons Haus in Concord bei Boston.
Unter Emersons Einfluss entwickelte Thoreau reformerische Ideen. Am 4. Juli 1845, dem Unabhängigkeitstag, bezog Thoreau eine selbsterbaute Blockhütte (Walden Hut) bei Concord am Walden-See auf einem Grundstück Emersons. Hier lebte er etwa zwei Jahre allein und selbständig, aber nicht abgeschieden. In seinem Werk Walden. Or Life in the Woods (deutsch: Walden. Oder das Leben in den Wäldern) beschrieb er sein einfaches Leben am See und dessen Natur und integrierte auch Themen wie Wirtschaft und Gesellschaft. Das Experiment „Walden“ machte Thoreau klar, dass sechs Wochen Lohnarbeit im Jahr ausreichend sind, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Die verbleibende Zeit konnte er nutzen, um zu lesen, schreiben, nachzudenken und die Natur zu erkunden. Ein Autor, den er besonders schätzte und oft las, war Alexander von Humboldt. Dessen Naturbeschreibungen hatten großen Einfluss auf Thoreau.
Thoreau als Prophet des zivilen Ungehorsams
Den 23. Juli 1846 verbrachte Thoreau im Gefängnis, weil er sich weigerte, seine Steuerschuld gegenüber Massachusetts, die Poll tax oder Kopfsteuer, zu begleichen und mit diesen Steuergeldern die amerikanische Regierung (und damit die Sklaverei und den expansiven Mexiko-Krieg) zu unterstützen. Der Krieg begann allerdings erst kurze Zeit vor Thoreaus Inhaftierung, die Steuerschulden waren deutlich älter. Die Schulden wurden beglichen – von wem, lässt sich nicht endgültig klären – und Thoreau wurde schließlich aus dem Gefängnis entlassen.
Inspiriert durch die Nacht im Gefängnis hielt Thoreau später Vorträge zu dem Grund seiner Zahlungsverweigerung. Diese Vorträge fasste er zu dem Essay Resistance to Civil Government (1849) zusammen, der unter dem späteren Titel Civil Disobedience bekannt wurde (deutsch Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat). Die Schrift avancierte zur „Bibel“ der „Helden der Widersetzlichkeit“. Sie diente unter anderem Mahatma Gandhi und Martin Luther King als Inspirationsquelle für den gewissensgeleiteten, gewaltfreien Widerstand gegen die Obrigkeit und wirkt bis in die Gegenwart als Standardwerk und Namensgeber des zivilen Ungehorsams weiter.
Ab 1849 verdiente Thoreau seinen Lebensunterhalt als Landvermesser, Gelegenheitsarbeiter und Vortragsreisender. Dabei wetterte er immer wieder gegen soziale Ungerechtigkeit und Sklaverei. 1857 lernte er den militanten Sklaverei-Gegner und Guerilla-Kämpfer John Brown kennen, der mit seinen Anhängern einen „Privatkrieg“ gegen die Sklaverei führte und zwei Jahre später gehängt wurde. Obwohl Henry David Thoreau weiter den gewaltlosen Widerstand favorisierte, zeigte er in Essays und einem Gedicht großen Respekt vor John Brown, den er gar mit Christus verglich. Wie ernst es ihm mit der Ablehnung der Sklaverei war, bewies er, als er 1851 einem entflohenen Sklaven dazu verhalf, nach Kanada zu flüchten.
Thoreau hatte sich 1835 mit Tuberkulose infiziert, die Krankheit trat aber nur sporadisch in Erscheinung. 1859 kam eine Bronchitis hinzu, nachdem Thoreau nachts bei stürmischem Regen unterwegs gewesen war. Danach verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends. In den letzten Jahren arbeitete er an noch unveröffentlichten Werken (vor allem The Maine Woods and Excursions). Er schrieb Briefe und Tagebucheinträge, bis er zu schwach dazu wurde. Seine Freunde staunten über die Gelassenheit, mit der Thoreau seinem Ende entgegensah. Er starb 1862 im Alter von 44 Jahren.
Ralph Waldo Emerson schildert 1862 seinen Freund Thoreau:
Sein Verhältnis zu Frauen gilt als distanziert, von intimen Beziehungen ist nichts bekannt. Obwohl die Debatte über Frauenrechte auch in seinem Umfeld geführt wurde, z. B. durch Margaret Fuller, spiegelt sich dieser Aspekt gesellschaftlicher Ungleichheit in seinem Werk in keiner Weise wider.
Zu seinen Lebzeiten hatten Thoreaus Schriften relativ wenig Einfluss auf das politische Geschehen in den USA. Ralph Waldo Emerson schrieb über Thoreau bei dessen Tod: „Noch nie hat ein so wahrer Amerikaner gelebt wie Thoreau.“ Der Brite Robert Louis Stevenson hingegen nannte 1880 „den eigenwilligen Mann aus Concord einen Drückeberger“. Er räumte aber auch ein, „Es gab weniges, das Thoreau nicht beherrschte. Er konnte ein Haus bauen, ein Boot … oder ein Buch. Er war Landvermesser, Gelehrter, und er konnte fast alles mit ungewöhnlicher Genauigkeit tun.“
Spätere Generationen taten sich leichter als die Zeitgenossen, in dem „Gesellschaftsrebellen“ Positives zu entdecken. So fanden libertär eingestellte Bürger bei Thoreau eine Bestätigung für ihre Aufrufe gegen staatliche Gängelung. Naturschützer und Ökologen waren begeistert von seinen Tiraden gegen materialistisches Profitdenken. Verfechter politischer Emanzipation wie Mahatma Gandhi bis zu den linken Studenten von 1968 erklärten ihn zum Vorbild.
Heute ist Thoreau zu einer Art US-amerikanischer Konsensfigur geworden, die zwar meist in linken Kreisen, aber durchaus auch von als eher konservativ geltenden Denkern gern zitiert wird. Er gilt heute als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als „sorgfältig feilender Stilist, als hervorragender Sprachkünstler“ hat er durch die für ihn charakteristische Essayform „auf Generationen amerikanischer Schriftsteller anregend gewirkt“.
Thoreau fand durch seine Beiträge Beachtung im amerikanischen Anarchismus, etwa bei Emma Goldman.