Helmut Friedrich Lachenmann (* 27. November 1935 in Stuttgart) ist ein deutscher Komponist und Kompositionslehrer. Nach Studien unter anderem an der Musikhochschule Stuttgart und bei Luigi Nono in Venedig unterrichtete er vor allem als Professor für Komposition in Stuttgart, wo er 1998 emeritiert wurde. Er erhielt Kompositionsaufträge von fast allen deutschen Rundfunkanstalten, und sein Musiktheaterwerk Das Mädchen mit den Schwefelhölzern wurde auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Seine neuartige Klangsprache hat zahlreiche Komponisten beeinflusst.
Lachenmann ging aus von der seriellen Musik, die in den 1950er-Jahren in den Darmstädter Ferienkursen Schule machte. Im Zentrum seines Schaffens steht das Konzept einer „musique concrète instrumentale“, bei der den herkömmlichen Orchesterinstrumenten diverse Klänge und Geräusche entlockt werden, die dann auf die Entwicklung der musikalischen Form einwirken. Der Hörer soll durch die Brechung der Hörgewohnheiten provoziert werden, wobei Lachenmann mit rein musikalischen Mitteln gesellschaftspolitisch wirken will. Die Stoßrichtung seines politischen Engagements wird durch die Auswahl von Texten etwa vom Marxisten Christopher Caudwell oder der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin deutlich. Dabei werden die Texte jedoch zerlegt und sind dem Hörer in der Regel nicht verständlich.
Helmut Lachenmann wurde als sechstes von acht Kindern von Gertrud Lachenmann, geborene Zeller, und Ernst Lachenmann, einem evangelischen Pfarrer, geboren. Bereits 1943 unternahm er erste Kompositionsversuche. 1947 wurde er Mitglied des Knabenchors „Hymnus“ in Stuttgart. 1951 bis 1953 erhielt er in Tuttlingen Kompositionsunterricht bei Helmut Degen, wobei nun Igor Strawinsky, Béla Bartók und Paul Hindemith als Vorbilder an die Stelle der Musik des 19. Jahrhunderts traten. Lachenmanns Musik wurde in der 1953 ins Leben gerufenen Reihe „Klang-Aktionen“ in München aufgeführt. 1954 besuchte Lachenmann als Student die Donaueschinger Musiktage, wo er Werke von Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen kennenlernte und Zeuge des ersten Aufenthalts von John Cage und David Tudor in Europa war. 1955 begann sein Kompositionsstudium an der Musikhochschule Stuttgart mit Klavier bei Jürgen Uhde und Theorie, Kontrapunkt und Komposition bei Johann Nepomuk David, bei dem er Werke von Anton Webern und Johann Sebastian Bach analysierte. 1957 nahm er erstmals als Student an den Darmstädter Ferienkursen teil, wo er an Seminaren von Nono, Stockhausen, Henri Pousseur, Theodor W. Adorno und Hermann Scherchen teilnahm. 1958 bis 1960 studierte Lachenmann in Venedig bei Nono. In einem Restaurant spielte er in einer Band Arrangements von Unterhaltungsmusik. 1959 beteiligte er sich an einem Vortrag Nonos für die Darmstädter Ferienkurse.
Mit Nono verband Lachenmann eine über dreißigjährige Freundschaft, die jedoch Spannungen ausgesetzt war. Die Frage, wie mit politischen Elementen in Kompositionen umgegangen werden sollte, führte zu Konflikten. 1971 begann eine zwölfjährige „Funkstille“.
Nach dem Studium in Venedig zog er nach München, wo er Unterstützung älterer Komponisten fand, etwa von Günter Bialas und Fritz Büchtger. 1962 gab er sein Debüt als Komponist bei den Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt mit der Klavierkomposition Echo Andante. Die Komposition Fünf Strophen wurde im selben Jahr bei der Biennale in Venedig aufgeführt. Es folgten Aufführungen in Paris und Darmstadt. 1965 arbeitete Lachenmann drei Monate im elektronischen Studio IPEM in Gent, wo seine einzige elektronische Komposition, Scenario, entstand. Im selben Jahr erhielt er den Kulturpreis für Musik der Stadt München.
1966 bis 1970 hatte Lachenmann einen Lehrauftrag für Musiktheorie an der Musikhochschule Stuttgart inne. Sein Text Klangtypen der Neuen Musik fand internationale Beachtung. 1970 bis 1976 war er Dozent für Musik, später Professor, an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. 1972 war er erstmals als Lehrer bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik tätig, zudem in Basel als Dozent bei einer Meisterklasse für Komposition. 1976 erhielt er eine Professur für Theorie und Gehörbildung an der Musikhochschule Hannover, 1981 eine Professur für Komposition an der Musikhochschule Stuttgart, die er bis zur Emeritierung 1998 innehatte. Als Dozent wirkte er unter anderem mehrmals bei den Cursos Latinoamericanos de musica contemporana, 1982 in der Dominikanischen Republik. Seit den 1980er-Jahren war er in ganz Europa regelmäßig Lehrer bei unterschiedlichsten Kursen und Veranstaltungen, ab 1993 auch in Akiyoshidai in Japan. In Stuttgart studierten unter anderem Mark Andre, Pierluigi Billone, Jörg Birkenkötter, Clemens Gadenstätter, Manuel Hidalgo, Juliane Klein, Wolfram Schurig und Cornelius Schwehr bei Lachenmann.
Ab den 1970er-Jahren erhielt Lachenmann von fast allen deutschen Rundfunkanstalten Kompositionsaufträge. 1980 unterzeichnete er einen Generalvertrag mit dem Verlag Breitkopf & Härtel. Im selben Jahr erschien die erste von zahlreichen Schallplatten seiner Musik bei der Firma Wergo. Ebenfalls 1980 wurden die Tage neuer Musik Stuttgart gegründet, bei denen es häufig Lachenmann-Schwerpunkte gab. 1997 fand die Uraufführung von Das Mädchen mit den Schwefelhölzern an der Hamburgischen Staatsoper statt, Folgeaufführungen erlebte das Werk in den nächsten Jahren unter anderem in Stuttgart, Paris, Wien, Berlin, Salzburg, Tokio, Buenos Aires, New York und Zürich und bei der Ruhr-Triennale Bochum. 2000 gab es einen Lachenmann-Schwerpunkt bei den Salzburger Festspielen.
Aus erster Ehe mit der Schriftkünstlerin und Malerin Annette Lachenmann, geborene Büttner, stammen drei Kinder: Philipp Lachenmann (* 1963), Julia Lachenmann (* 1966) und David Lachenmann (* 1969). Von seiner späteren zweiten Ehefrau, der Pianistin Yukiko Sugawara, die er in Darmstadt kennengelernt hatte, hat Lachenmann zwei Töchter, Akiko Lachenmann (* 1973) und Kyoko Lachenmann (* 1979). Er lebt in Höfingen.
In den 1950er-Jahren war der Betrieb an deutschen Musikhochschulen konservativ ausgerichtet. Die modernste Musik lernte man bei den Darmstädter Ferienkursen kennen, wo auch die Reflexion darüber eine große Rolle spielte. Über die damals aktuelle Kompositionsmethode des Serialismus, dem Arbeiten mit Reihen für die Gestaltung mehrerer musikalischer Parameter im Gegensatz zur Zwölftontechnik mit Reihen nur für die Tonhöhen, wurde gerne gesagt, dass sie zu einer Homogenität der Ansätze geführt hätte. Lachenmann orientierte sich jedoch an einzelnen, exemplarischen Kunstwerken. Dazu gehörte das „energische, emphatische und klangsinnliche“ Orchesterwerk Gruppen (1955–57) von Karlheinz Stockhausen, dessen theoretischer Text … wie die Zeit vergeht … zudem eine große Rolle für Lachenmann spielen sollte. Ein weiteres wichtiges Werk für Lachenmann war das auf eine neue Art expressive bekenntnishafte Werk Il canto sospeso (1956) für Chor und Orchester von Luigi Nono. Von Nono übernahm Lachenmann „ein klares Bewusstsein für die geschichtliche Relevanz sowie sie Bedeutung des musikalischen Materials“ und „eine kritische Reflexion der politischen Geschichte und Gegenwart“. Zu den seriellen Komponisten Europas trat als wichtige Anregung der Amerikaner John Cage mit seiner ungewohnten Klanglichkeit, mit Strategien der Unbestimmtheit, Momenten der Stille oder Leere und einer Abwendung von herkömmlicher Expressivität.
„Musique concrète instrumentale“
Den Begriff „musique concrète“ übernahm Lachenmann von Pierre Schaeffer, der damit eine Musik bezeichnete, die auf aufgenommenen „präexistenten“ Klängen basiert, die elektroakustisch bearbeitet und kombiniert und über Lautsprecher präsentiert werden. Im Gegensatz dazu war für Schaeffer eine zuerst entworfene und notierte und dann erst interpretierte Musik „abstrakt“, da sie nicht von „konkreten“ Klängen ausgeht. Die sich hier ergebende „Erweiterung des musikalischen Wahrnehmungshorizonts“ findet sich auch bei Lachenmann wieder. Seine „musique concrète instrumentale“ soll nun die Klangerzeugung des herkömmlichen Instrumentariums in den Vordergrund holen und den übliche Wohlklang „profanisieren“ und „entmusikalisieren“, wozu vor allem die Geräuschanteile, die durch die Instrumente hervorgebracht werden können, genutzt werden. Mitunter werden Alltagsgegenstände in das Instrumentarium integriert. Es entsteht ein Gegenbild zum „perfekten Resultat und glatten Klang“ eines „gesellschaftlichen Apparats Tonalität“. Lachenmanns „musique concrète instrumentale“ beschäftigt sich also mit der Art der Entstehung des Klanges, mit seinen akustischen Eigenschaften, mit Kompositionstechnik, aber auch mit Hörgewohnheit und ästhetischer Provokation.