Helmut Gröttrup (* 12. Februar 1916 in Köln; † 4. Juli 1981 in München) war ein deutscher Ingenieur sowie Raumfahrt- und Computerpionier. Er verantwortete die Bordsysteme und Steuerung im deutschen Aggregat 4 (V2)-Projekt und für die sowjetische Raketenentwicklung, war danach an der Entwicklung elektronischer Systeme für die Logistiksteuerung, Betriebsdatenerfassung und Identifikationssysteme beteiligt und erfand das maßgebliche Grundprinzip der Chipkarte mit kontaktloser Datenübertragung.
Helmut Gröttrups Vater Johann Gröttrup (1881–1940) war Ingenieur für Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Brückenbau. Später arbeitete er hauptberuflich beim Bund der technischen Angestellten und Beamten (Butab), einer sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaft in Berlin und veröffentlichte 1926 das Buch Mensch und Technik als „kulturgeschichtlichen Rückblick auf den Weg des Menschen mit einer Ausschau in die Zukunft“. Darin analysierte er die Bedeutung der Technik und der Automatisierung zur optimalen Steuerung betrieblicher Abläufe. Seine Mutter Thérèse Gröttrup (1894–1981), geb. Elsen, war in der Friedensbewegung aktiv und stand mit Ernst Toller im Briefverkehr. Johann Gröttrup wurde 1933 arbeitslos.
Helmut Gröttrup machte 1935 das Abitur und begann 1936 ein Physik-Studium an der Technischen Hochschule Berlin. Im gleichen Jahr wurde er vom Wehrbezirkskommando als „tauglich“ eingestuft und bis 1939 zurückgestellt. 1939 schloss er sein Studium in der Fachrichtung Physik mit sehr gut ab. Seine Diplomarbeit schrieb er bei Prof. Hans Geiger über Zählrohrphysik, die er ebenfalls mit sehr gut abschloss. Nach seinem Studium arbeitete er im „Forschungslaboratorium für Elektronenphysik“ in Berlin-Lichterfelde bei Manfred von Ardenne, das er Ende September 1939 verlassen musste, um einem Gestellungsbefehl nach Peenemünde zu folgen.
Ab Dezember 1939 war Helmut Gröttrup Entwicklungsingenieur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde für die Gebiete Messtechnik, Funkmesswertübertragung, Fernsteuerung und autonome Steuerungen. Als Assistent des Entwicklungschefs Wernher von Braun war Gröttrup am Bau der Kurzstreckenrakete Aggregat 4 (A4, bekannt auch als V2) beteiligt. Gröttrup entwickelte unter Ernst Steinhoff in der Abteilung Bord-, Steuer- und Meßgeräte (BSM) die Lenk- und Steuersysteme des A4 sowie das Telemetriesystem Messina Ib und konnte mit seinem umfassenden physikalischen Wissen viel zur Fehleranalyse bei Abstürzen beitragen. Die zentralen Steuerungs- und Regelungsfunktionen wurden hierbei vom sogenannten „Mischgerät“ ausgeführt, einem elektronischen Analogrechner auf Röhrenbasis, den Helmut Hölzer entwickelt hatte.
In der Nacht vom 21. auf dem 22. März 1944 wurde Gröttrup zusammen mit Wernher von Braun sowie Klaus Riedel von der Gestapo verhaftet und in das Gefängnis nach Stettin gebracht, ein paar Tage später auch seine Frau Irmgard Gröttrup. Ihnen wurde unter dem Vorwurf der Wehrkraftzersetzung und des Defätismus vorgehalten, sich mehr für die bemannte Raumfahrt einzusetzen als für kriegsdienliche Raketen. Walter Dornberger, Generalmajor der Wehrmacht und militärischer Leiter des deutschen Raketenprogramms, konnte innerhalb von zehn Tagen mit Unterstützung durch den HVP-Abwehrbeauftragten Major Hans Georg Klamroth ihre Freilassung durchsetzen, weil sie unverzichtbar für die Entwicklung des A4 seien. Gröttrups Gerichtsverfahren wurde bis Kriegsende ausgesetzt, er blieb aber in Gewahrsam des Sicherheitsdiensts der SS.
Er arbeitete dann unter haftähnlichen Bedingungen in Pudagla und Schwedt/Oder an der Weiterentwicklung des A4, bis der Arbeitsstab Dornberger mit 450 Mitarbeitern ab 17. Februar 1945 auf der Flucht vor der sowjetischen Armee in die Umgebung von Bad Sachsa und Bleicherode verlegt wurde und damit in die Nähe des seit September 1943 bestehenden Mittelwerk GmbH bei Nordhausen. Am 6. April 1945 wurden die Wissenschaftler unter Bewachung der SS mit einem Zug von Bleicherode nach Oberammergau gebracht, um sie dem Zugriff der US-Armee zu entziehen oder sie als Faustpfand zu benutzen. Auf diesem Transport setzte sich Gröttrup, der von einem erneuten Haftbefehl und Exekution durch die SS bedroht wurde, in Freising ab und floh zu seiner Familie nach Stöckey in der Nähe von Bad Sachsa, die bereits unter US-Kontrolle waren. Da Thüringen am 1. Juli 1945 an die Rote Armee übergeben werden sollte, brachte die US-Armee bis zum 22. Juni 1945 rund 1000 Mitarbeiter des deutschen Raketenprogramms, darunter die Familie Gröttrup, aus dem Südharz um Bleicherode und Nordhausen nach Witzenhausen in Nordhessen. Dort wurde Gröttrup zusammen mit Wernher von Braun, Walter Dornberger und weiteren wichtigen Wissensträgern zunächst unter strenger Bewachung interniert.
Da Helmut Gröttrup sich nicht von seiner Familie trennen wollte, lehnte er es im Rahmen der Operation Paperclip ab, für die Amerikaner in den USA zu arbeiten im Gegensatz zu vielen namhaften Wissenschaftlern der A4-Entwicklung aus Peenemünde, u. a. Wernher von Braun, Eberhard Rees und Ernst Steinhoff, die durch die US-Armee interniert wurden. Daher blieben Gröttrup und seine Familie zunächst unter Beobachtung der US-Armee in Witzenhausen, um ihre Abwerbung durch die Sowjetunion zu verhindern.
Ab 1. Juli 1945 übergab die amerikanische Besatzungsmacht Thüringen an die Rote Armee, wie in der Konferenz von Jalta vereinbart, nachdem sie 110 für den Kriegseinsatz fertiggestellte A4 mit 341 Güterwagen in den Westen und später in die USA gebracht hatte. Auch den alleinigen Zugriff auf die A4-Entwicklungsunterlagen, die Wernher von Braun im April 1945 in einem Bergwerk in der Nähe von Goslar hatte verstecken lassen, sicherten sich die Amerikaner in einer vor den Briten geheimgehaltenen Operation. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) gründete im Juli 1945 in Bleicherode das Institut Rabe (Raketenbau und -entwicklung), um die Konstruktions- und Fertigungsunterlagen des A4 zu rekonstruieren. Vorgefertigte Komponenten und insbesondere Raketentriebwerke waren in den von den Amerikanern zurückgelassenen Fertigungsstätten des Mittelwerks reichlich vorhanden für umfangreiche Analysen und den vollständigen Aufbau von weiteren ca. 20 A4, es fehlte jedoch an hochrangigen Wissensträgern aus Peenemünde.
Eine sowjetische Trophäenkommission unter Leitung von Boris Tschertok, einem sowjetischen Raketenspezialisten, machte Gröttrup ausfindig und warb ihn unter großzügigen Bedingungen für die Rekonstruktion des A4 an. Ihm wurde vertraglich zugesichert, seine Arbeit in Deutschland fortzusetzen und mit seiner Familie zusammenzubleiben. Er war der bedeutendste deutsche Raketenspezialist, den sich die Sowjetunion für ihr Raketenprogramm sichern konnte. Im September 1945 nahm das Büro Gröttrup in Bleicherode unter sowjetischer Aufsicht seine Arbeit auf. Ab Oktober 1945 wurden sowjetische Spezialisten zur Knowhow-Übernahme beigeordnet, darunter der spätere Chefkonstrukteur und Raumfahrtpionier Sergei Koroljow und der Triebwerkskonstrukteur Walentin Gluschko. In den folgenden Monaten warb Gröttrup einige herausragende Wissenschaftler für die Mitarbeit an, darunter Kurt Magnus und Johannes Hoch für die Kreiselsteuerung, Werner Albring für die Aerodynamik, Waldemar Wolff für die Ballistik und Erich Apel für Versuchsaufbau und Tests.
Im Februar 1946 übernahm Gröttrup die Leitung des Institut Nordhausen, in dem das Institut Rabe und das Büro Gröttrup zusammengeführt wurden. Die sowjetische Aufsicht lag bei Generalmajor Lew Gajdukow und Chefingenieur Sergei Koroljow. Im Mai 1946 wurde es zusammen mit dem Institut Berlin, das mit der Rekonstruktion der Flugabwehrrakete Wasserfall beauftragt war, sowie den Fertigungsstätten und Teststandorten des Mittelwerks als Zentralwerke mit Helmut Gröttrup als Generaldirektor verbunden. Mehr als 5.000 Mitarbeiter arbeiteten daran, die Konstruktionsunterlagen des A4 zu komplettieren, die Entwicklung zu vereinfachen und die Produktion des A4 und der Wasserfall-Rakete und ihrer Bestandteile wieder aufzunehmen. Im Juli 1946 versuchten der amerikanische und der britische Geheimdienst, Gröttrup in den Westen abzuwerben, ihre Absichten wurden jedoch durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD aufgedeckt. Gröttrup wurde durch Iwan Serow, den Leiter der SMAD und späteren Chef des KGB, verhört und unter Beobachtung gestellt.