Heinrich Rudolf Zille (* 10. Januar 1858 in Radeburg bei Dresden; † 9. August 1929 in Berlin) war ein deutscher Grafiker, Maler und Fotograf.
In seiner Kunst bevorzugte der Pinselheinrich genannte Zille Themen aus dem Berliner Volksleben, das er ebenso lokalpatriotisch wie sozialkritisch darstellte.
Heinrich Zille war Sohn des Uhrmachers Johann Traugott Zille (1824–1909) aus Colditz und dessen Ehefrau Ernestine Louise, geb. Heinitz (1832–1908), einer Bergmannstochter aus Erbisdorf im Erzgebirge. Dass der Vater zuvor als Grobschmied tätig gewesen sein soll, wurde erstmals 15 Jahre nach seinem Tod behauptet. Als Grund kann gelten, dass Heinrich Zille als Zeichner aus dem Volk etabliert werden sollte, wofür sich allerdings weder sein eigener Beruf als Lithograf noch der seines Vaters eignete, die beide eher mit dem Kleinbürgertum assoziiert werden. Dass die Behauptung falsch ist, wird durch Urkunden belegt. Heinrich Zille wurde in der sächsischen Kleinstadt Radeburg (bei Dresden) in einem Hintergebäude des heutigen Hauses Markt 11 geboren, an dem eine Gedenktafel an ihn erinnert. Nach seiner Geburt brannte im selben Jahr die nördliche Marktseite ab, und die Zilles zogen in das damalige Gasthaus „Stadt Leipzig“ um, heute Heinrich-Zille-Straße 1. Dort lebte Heinrich Zille bis zu seinem dritten Lebensjahr.
Der Vater erwarb im September 1861 für 5000 Taler ein Grundstück in Dresden und zog mit seiner Familie dorthin. Eineinhalb Jahre später wurde das Anwesen mit einem Gewinn von 600 Talern weiterverkauft. Für die Zeit danach lässt sich die Familie unter vier Adressen in der sächsischen Landeshauptstadt nachweisen. Als im Sommer 1868 die zweimal jährlich anfallenden Bürgersteuern ausblieben, wurden die Behörden auf den Wegzug der Familie aufmerksam. Sie wohnte inzwischen in Berlin und zwar bis zu Heinrichs 14. Lebensjahr unter ärmlichen Bedingungen in einer Kellerwohnung in der Kleinen Andreasstraße 17, nahe dem Schlesischen Bahnhof. Heinrich Zille verdiente durch Austragen von Milch, Brötchen und Zeitungen und andere Gepäckträger- und Botendienste Geld hinzu.
Zille war von den Stichen William Hogarths beeindruckt, die er in Pfennig-Magazinen entdeckt hatte. Auf der Schule begann er, Zeichenunterricht zu nehmen; für die Kosten musste er selbst aufkommen. Sein privater Zeichenlehrer Anton Spanner ermunterte ihn bei einem Gespräch über seinen Berufswunsch, er solle doch Lithograf werden: „Wenn du Lithograph wirst, sitzt du gut angezogen mit Kragen und Schlips in der Stube. Du schwitzt nicht und bekommst keine dreckigen Hände. Was willst du noch mehr?“ Nach dem Willen seines Vaters sollte Zille ursprünglich Metzger werden, er konnte jedoch kein Blut sehen, also ging er bei dem Steinzeichner Fritz Hecht an der Alten Jakobstraße in die Lehre.
Parallel nahm Heinrich Zille Studien bei dem Maler, Illustrator und Karikaturisten Professor Theodor Hosemann an der Königlichen Kunstschule auf. Hosemann war ein humorvoller und präziser künstlerischer Beobachter des Altberliner Kleinbürgers und Spießers. Ebenso besuchte er zweimal pro Woche den Abendunterricht von Professor Carl Domschke, der ihm die Grundlagen anatomischen Zeichnens vermittelte. Hosemann gab dem Schüler Zille den Rat mit auf den Weg: „Gehen Sie lieber auf die Straße raus, ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was Sie auch werden – im Leben können Sie es immer gebrauchen; ohne zeichnen zu können, sollte kein denkender Mensch sein.“
Nach Abschluss der Studien arbeitete Zille ab 1875 zunächst in verschiedenen Betrieben: er zeichnete Damenmoden, Muster für Beleuchtungskörper, Kitsch- und Werbemotive und porträtierte zu seinem Vergnügen oder gegen einen Obolus Arbeitskollegen. Weiteres berufliches Rüstzeug erhielt Zille in der Lithografieanstalt Winckelmann & Söhne, wo er als Geselle verschiedene grafischen Techniken kennenlernte: Buntdruck, Zinkografie, die Herstellung von Klischees, Retusche, Ätzradierung und schließlich Lichtdruck und Photogravur. Bei Winckelmann arbeitete Zille mit den späteren Tiermalern Oskar Frenzel und Richard Friese zusammen. Am 1. Oktober 1877 bekam er eine Anstellung als Geselle bei der Photographischen Gesellschaft Berlin am Dönhoffplatz, bei der er 30 Jahre lang, mit Unterbrechung durch den Militärdienst, beschäftigt bleiben sollte. Da die Drucktechnik um die Jahrhundertwende noch in den Anfängen steckte und es noch keinen vollkommenen Bilderdruck auf der Buchdruckpresse gab – die Autotypie war gerade 1880 entwickelt worden –, fertigten die Retuscheure von den Originalen fotografische Aufnahmen an, die in Kleinarbeit mit den Retuschierwerkzeugen korrigiert wurden.
Von 1880 bis 1882 absolvierte Zille seine Militärdienstzeit als Grenadier beim Leib-Grenadier-Regiment, erstes Brandenburgisches Nr. 8, in Frankfurt (Oder) und als Wachsoldat im Zuchthaus Sonnenburg (heute: Słońsk). Für Zille waren diese Jahre eine unliebsame Erfahrung, die er während seiner freien Zeit in zahlreichen Notizen und Skizzen festhielt. Einmal notierte er: „Wir wurden verteilt in die Kompanien, kam man in die Stuben, die Wanzen lauerten schon. In den Betten zerlegenes Müll, Häcksel als Stroh. Schlechtes Essen. Dafür täglich von den Offizieren mit einer Kloake von Kasernenhofblüten und Witzen besudelt. […] Es diente mit zur Mannschaftsausbildung, dass so ein Laffe von Leutnant sonntags vormittags, bei der Spindrevision, auf das Bild meiner Liebsten, das auf der inneren Seite der Tür befestigt war, zeigen durfte mit der höhnischen Frage: ‚Ihre Sau?‘“
In den zwei Jahren Dienstzeit entstanden episodische Soldatenbilder mit vorwiegend humorvollem Charakter, viele dieser Arbeiten sind jedoch verschollen. Zille verarbeitete die eigenen Militärerlebnisse später in seinen „anekdotischen Soldaten- und Kriegsbildern“, die während des Ersten Weltkriegs, in den Jahren 1915 und 1916, als Serien unter den Titeln Vadding in Frankreich I u. II und Vadding in Ost und West erschienen. Die satirischen, wenn auch überwiegend patriotischen Bildbändchen wurden vielfach als Kriegsverherrlichung angesehen, infolgedessen schuf Zille auf Anregung seines Freundes Otto Nagel die eindringlicheren Antikriegsbilder Kriegsmarmelade, die allerdings erst lange nach dem Krieg in geringer Auflage veröffentlicht wurden und mittlerweile an Aktualität eingebüßt hatten.
Nach der Entlassung vom Militär ging Zille zur Photographischen Gesellschaft zurück. Bald darauf lernte er Hulda Frieske kennen, Tochter eines Nadlermeisters und Lehrers. Beide heirateten am 15. Dezember 1883 in Fürstenwalde, nachdem Frieske am 22. September 18 Jahre alt geworden war. Zille war zu jenem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Das Paar bezog eine Kellerwohnung in Boxhagen-Rummelsburg im Grenzweg (heute: Fischerstraße, vgl.→ Berlin-Rummelsburg); 1884 kam die Tochter Margarete in der Wohnung Lichtenberger Kietz 13 zur Welt. 1886 musste die Familie den Tod einer Tochter verkraften, die die Geburt nicht überlebte, 1888 wurde Sohn Hans in der Türrschmidtstraße geboren, wohin die Zilles 1887 gezogen waren, darauf folgte 1891 der spätere Grafiker Walter († 1959) in der Mozartstraße (heute: Geusenstraße). Alle Quartiere der Zilles lagen im gleichen östlichen Vorort Berlins, in der Victoriastadt in Lichtenberg. Die letzte Etappe führte die Familie 1892 schließlich in eine Dreizimmerwohnung nach Berlin-Charlottenburg in der Sophie-Charlotten-Straße 88, IV. Stock. Hier wohnte Heinrich Zille fast 40 Jahre bis zu seinem Tode. Diese Wohnung lag näher an Zilles Arbeitsstätte, denn die Photographische Gesellschaft war inzwischen in das neue Villenviertel Westend umgezogen. Diese Zeit sollte eine der kreativsten Phasen in Zilles Werk werden. Auch wenn er selbst nicht an einen Erfolg als Künstler glaubte, widmete er sich in seiner Freizeit weiterhin seinen Zeichnungen und Studien. Vom Zeichenstil her war Zille noch von der Zeitschrift Die Gartenlaube geprägt.
Die südafrikanische Politikerin Helen Zille ist nicht seine Großnichte. Die von ihr selbst zuvor dahingehend geäußerten Hinweise hat sie 2016 in ihrer Autobiografie zurückgenommen. Die Berliner Familienforscherin Martina Rohde hatte zuvor dokumentiert, dass es in den handschriftlichen Aufzeichnungen ihres Onkels Heinrich eine Verwechslung zwischen Personen gleichen Namens, aber mit unterschiedlichen Geburtsorten und -daten gab.