Heinrich Albert Schnee (* 4. Februar 1871 in Neuhaldensleben; † 23. Juni 1949 in Berlin) war ein deutscher Jurist, Kolonialbeamter, Politiker, Schriftsteller und Verbandsfunktionär. Er war von 1912 bis 1918/19 der letzte Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika.
In der Weimarer Republik war er von 1924 bis 1932 Mitglied des Reichstages für die DVP. Von 1930 bis 1933 war er Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, anschließend bis 1936 Vorsitzender des Reichskolonialbundes. In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte Schnee von 1933 bis 1945, nun als NSDAP-Mitglied, erneut dem Reichstag an.
Herkunft, Ausbildung und Laufbahn bis 1912
Schnee wurde in Neuhaldensleben in der preußischen Provinz Sachsen (heute Sachsen-Anhalt) als Sohn des Landgerichtsrats Hermann Schnee (1829–1901) und seiner Frau Emilie, geb. Scheibe (* 1840), geboren. Er besuchte das Gymnasium in Nordhausen am Harz und studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Heidelberg (Mitglied des Corps Rhenania Heidelberg), Kiel und Berlin, wo er 1893 zum Dr. jur. promoviert wurde. Am Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin studierte er anschließend noch Suaheli und Kolonialwissenschaft.
Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen wurde er 1897 zum Regierungsassessor in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts ernannt. 1898 wurde er Richter und stellvertretender Gouverneur in Deutsch-Neuguinea. 1900 wurde er als Bezirksamtmann und stellvertretender Gouverneur nach Deutsch-Samoa versetzt.
Ab 1904 war er als Legationsrat in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes wieder in Deutschland. 1905 wurde er Kolonialbeirat der Botschaft in London, 1906 Vortragender Rat, 1907 Dirigent und ab 1911 Ministerialdirektor sowie Leiter der politischen und Verwaltungsabteilung im Reichskolonialamt Berlin. 1912 wurde ihm der Titel Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat „Exzellenz“ verliehen.
Schnee als Gouverneur von Deutsch-Ostafrika
Von 1912 bis 1919 war er letzter Gouverneur von Deutsch-Ostafrika. Geprägt war seine Amtszeit durch den Ersten Weltkrieg. Nach anfänglicher Respektierung der Kongo-Akte begann Großbritannien mit einer Invasion Deutsch-Ostafrikas. Die Besetzung scheiterte 1914 an der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika unter Oberstleutnant Paul von Lettow-Vorbeck, der sich von nun an in Ostafrika bis zum Kriegsende in einer Art Guerillakrieg, der auch Nachbarkolonien verwüstete, gegen eine große Übermacht britischer, südafrikanischer, indischer, portugiesischer und belgischer Truppen trotz großer Verluste behaupten konnte.
Gemäß dem Waffenstillstand von Compiègne legte die Schutztruppe am 25. November 1918 ihre Waffen nieder, wurde interniert und ab Januar 1919 nach Deutschland abtransportiert. Die Überführung der militärisch ungeschlagenen Schutztruppe in die Heimat war eines der wenigen Zugeständnisse der Sieger im Waffenstillstandsabkommen. Als Helden gefeiert zogen Lettow-Vorbeck und Schnee am 2. März 1919 an der Spitze ihrer Truppe durch das Brandenburger Tor in Berlin ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schnee Reichstagsabgeordneter für die Deutsche Volkspartei, aus der er allerdings 1932 austrat. Ende 1932 wurde er in der deutschen Presse zeitweilig als möglicher Reichskanzler gehandelt. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.018.264) und wurde von Hitler erneut als Abgeordneter für den Reichstag bestimmt.
Schnee galt auch international als führender Repräsentant der deutschen Kolonialinteressen und wurde wiederholt zu Vortragsveranstaltungen in die Vereinigten Staaten und ins europäische Ausland eingeladen. Seine Reputation führte 1932 zur Berufung in die Mandschurei-Kommission des Völkerbundes (sog. Lytton-Kommission), die angesichts des militärischen Konflikts zwischen China und Japan um den Einfluss in der Mandschurei Verhandlungen mit den beiden Mächten führte und dem Völkerbund Bericht erstattete.
Tätigkeit als Verbandsfunktionär und Lebensende
Im Jahr 1926 wurde Schnee Präsident des Bundes der Auslandsdeutschen (BdA), der Interessenvertretung der aktuell oder früher im Ausland lebenden Deutschen; sein Stellvertreter war Theodor Heuss. Der BdA verlor nach Schnees Absetzung im Mai 1933 und dem Übergang großer Teile zur Auslandsorganisation der NSDAP im Zuge der „Machtergreifung“ jede Bedeutung. Schnee übernahm im Mai 1933 den Vorsitz der eilig gebildeten Nachfolgeorganisation der Deutschen Liga für Völkerbund, der Deutschen Gesellschaft für Völkerbundfragen, deren Tätigkeit für die Hitler-Regierung nach der Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund im November 1933 zum Erliegen kam. Sie existierte jedoch, mit völkerrechtlichen Studien beschäftigt, als Deutsche Gesellschaft für Völkerrecht und Weltpolitik bis 1945 fort.
Von 1930 bis 1936 war Schnee letzter Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), die dann im Reichskolonialbund (RKB) aufging. Von 1933 bis 1945 war Schnee Präsident der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft, einer Unterorganisation des BdA. Von den Alliierten wegen seines NSDAP-Mandats im Reichstag zunächst als belastet eingestuft, konnte Schnee nach dem Zweiten Weltkrieg seine Arbeit nicht mehr aufnehmen.
Heinrich Schnee starb am 23. Juni 1949 im Alter von 78 Jahren bei einem Autounfall in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem landeseigenen Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend (Grablage: I-Wald-14).
Heinrich Schnee gilt als eine der prominenten Persönlichkeiten des deutschen Geschichtsrevisionismus, der die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs nicht wahrhaben wollte. Schnees besonderes Interesse galt der Wiedergewinnung der verlorenen Kolonien. Durch Veröffentlichungen von Büchern und Aufsätzen als Politiker, Verbandsfunktionär und Vortragender versuchte er, der „kolonialen Frage“ eine nationale Bedeutung zu verleihen und für die Rückgewinnung der ehemaligen Kolonialgebiete zu werben. Mit der Gleichschaltung der Kolonialverbände 1936 zeichnete sich ab, dass sein Einfluss erloschen war. Schnee wurde bei der Führung des RKB nicht mehr berücksichtigt und trat dem neuen Verband nicht mehr bei.
Heinrich Schnee war seit seiner Eheschließung am 7. November 1901 mit der ehemaligen Schauspielerin und späteren Autorin Ada Schnee verheiratet. Aufgrund ihrer Abstammung als Tochter eines englischen Vaters besaß sie auch die britische Staatsangehörigkeit.
Geboren als Ada Adeline Woodhill war sie in Australien aufgewachsen, wo sie in jungen Jahren eine Karriere als Theaterschauspielerin begann. Im Oktober 1900 verließ sie Sydney per Schiff, um neue Engagements in den USA zu erlangen. Auf demselben Dampfer lernte sie den 29-jährigen deutschen Diplomaten Heinrich Schnee kennen. Nach ihrer Heirat begleitete sie ihren Mann auf seinen weiteren Dienstorten, bevor Heinrich Schnee mit seiner Ehefrau 1912 sein Amt als Gouverneur von Deutsch-Ostafrika antrat.