Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning (* 26. November 1885 in Münster; † 30. März 1970 in Norwich, Vermont, USA) war ein deutscher Politiker der Zentrumspartei und vom 30. März 1930 bis zum 30. Mai 1932 Reichskanzler.
Jugend, Studium und Kriegserlebnis
Brüning wurde als jüngstes von sechs Kindern des Essigfabrikanten und Weinhändlers Friedrich Wilhelm Brüning (1827–1887) und dessen Frau Bernardine geb. Beringhoff (1846–1924) geboren. Er war von Haus aus katholisch-konservativ geprägt. Der Vater starb, als Brüning ein Jahr alt war. Großen Einfluss auf seine spätere Erziehung hatte sein älterer Bruder Hermann Joseph. Wegen seiner Kurzsichtigkeit musste er schon als Kind eine Brille tragen.
Brüning besuchte das Gymnasium Paulinum in Münster, das er im März 1904 mit dem Abitur abschloss. Er studierte zunächst Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Am 8. Mai 1904 trat er der CV-Verbindung KDStV Langobardia bei. 1906 wechselte er dann aber nach Straßburg, wo er Philosophie, Geschichtswissenschaften, Germanistik und Staatswissenschaften belegte. Dort wurde er Mitglied der KDStV Badenia im CV. 1911 legte er die Staatsprüfung für das höhere Lehramt ab, das er jedoch nicht antrat. Stattdessen wandte er sich dem Studium der Nationalökonomie zu. Hierzu schrieb er sich im Mai 1911 an der Universität Rostock ein. Anschließend ging er nach England, um an der London School of Economics and Political Science Nationalökonomie zu studieren. 1913 wechselte er an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er 1915 sein ungewöhnlich langes Studium abschloss. Er promovierte mit einer Dissertation über Die finanzielle, wirtschaftliche und gesetzliche Lage der englischen Eisenbahn unter Berücksichtigung der Frage ihrer Verstaatlichung. Das gesamte Material zu seiner Arbeit hatte er in England gesammelt. Als er sich im Ersten Weltkrieg 1915 freiwillig zur Infanterie meldete, gab er als Berufsziel eine Universitätslaufbahn an.
Brüning, dessen schwache körperliche Konstitution und Kurzsichtigkeit bei der Musterung Anlass zu Bedenken gegeben hatten, stieg zum Leutnant der Reserve im Infanterieregiment Graf Werder Nr. 30 auf. Wegen seiner Tapferkeit wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichnet. Nach der zweiten Verwundung meldete sich Brüning zur 1917 neu aufgestellten MG-Scharfschützen-Abt. 12. Er avancierte schließlich zum Kompanieführer und erwarb sich die Anerkennung der ihm unterstellten Soldaten. Dies zeigte sich daran, dass Brüning nach dem Waffenstillstand in einen Soldatenrat gewählt wurde. Diese Räte nach sowjetrussischem Vorbild sollten die Interessen der einfachen Soldaten gegenüber ihren Vorgesetzten vertreten. Trotz seines Engagements im Soldatenrat war Brüning aber ein Gegner der Novemberrevolution, was er auch später als Reichskanzler bekundete.
Brüning hat über sein persönliches Leben nie viel gesprochen. Dennoch vermutet Hans Luther, der eng mit ihm zusammenarbeitete, als er selbst die Position des Reichsbankpräsidenten bekleidete, die Fronterlebnisse hätten ihn seine beruflichen Ziele ändern lassen. Anstatt der akademischen Karriere strebte er nun nach Kriegsende eine politische an. 1919 wurde er Mitarbeiter des katholischen Sozialpolitikers Carl Sonnenschein und half entlassenen Soldaten in Studium und Beruf. Ein halbes Jahr später machte ihn der preußische Wohlfahrtsminister Adam Stegerwald zu seinem Referenten. Stegerwald leitete auch den christlichen Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), dessen Geschäftsführer Brüning 1920 bis 1930 war. Seit 1924 war er Mitglied des Reichstags und stieg rasch zum finanzpolitischen Sprecher der Zentrums-Fraktion auf. 1925 erreichte er mit der sog. lex Brüning, dass die Lohnsteuer auf 1,2 Milliarden Reichsmark begrenzt wurde. Seine Fachkenntnisse verschafften ihm Ansehen, obwohl seine persönliche Zurückhaltung und Schweigsamkeit den Umgang mit dem asketisch wirkenden Junggesellen erschwerten. Von der Landtagswahl im Mai 1928 bis zu seiner Mandatsniederlegung am 12. Juli 1929 war er auch Mitglied des Preußischen Landtages.
1929 wurde er Fraktionsvorsitzender der Zentrumspartei im Reichstag und setzte das sogenannte „Junktim“ durch: Seine Partei würde nur dann dem Young-Plan zustimmen, wenn zugleich durch Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen der Haushalt ausgeglichen würde. Durch diese konsequent vertretene Politik wurde auch der Reichspräsident auf ihn aufmerksam. Entgegen dessen Plänen arbeitete Brüning aber in der Großen Koalition (Kabinett Müller II) auf einen Kompromiss zwischen SPD und Deutscher Volkspartei (DVP) hin. Da die Sozialdemokraten aber wussten, dass der Reichspräsident sie aus der Regierung drängen wollte und dass nach ihrer Einwilligung in Brünings letzten Kompromissvorschlag DVP und Industrie nur weitere Zugeständnisse von ihnen verlangen würden, lehnten sie ab. Daran zerbrach die Große Koalition. Am 27. März 1930 trat das Kabinett Müller zurück.
Schon zuvor hatten die Reichswehrführung mit Kurt von Schleicher und Paul von Hindenburg einen konservativen Nachfolger für den sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller gesucht. Ihre Wahl fiel schnell auf Brüning. Seine Berufung „kam für politische Beobachter nicht unerwartet. Seit Ostern 1929, verstärkt aber seit der Jahreswende 1929/30 war Brüning der Kanzlerkandidat des Reichswehrministeriums und konservativer Politiker für eine bürgerliche Regierung. […] Nicht nur die Zusammensetzung des Brüning-Kabinetts, sondern auch der Auftrag Hindenburgs an den designierten Reichskanzler, die Regierung nicht ‚auf der Basis koalitionsmäßiger Bindungen aufzubauen‘ zeigten deutlich, dass die politischen Gewichte nach rechts verlagert werden sollten.“
Am Tag nach Müllers Rücktritt wurde Heinrich Brüning durch Reichspräsident Hindenburg mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Zwei Tage später trat er sein Amt als zwölfter Reichskanzler der Weimarer Republik an. Die Kabinettsbildung gelang in Rekordzeit: Schon am 1. April konnte Brüning seine Regierung, das Kabinett Brüning I, im Reichstag vorstellen, die neben Politikern des Zentrums, der DDP, der DVP und der Wirtschaftspartei mit Martin Schiele auch einen Vertreter der verfassungsfeindlichen DNVP umfasste, der die Partei im Zuge der zweiten Sezessionswelle aber im Juli 1930 verließ. Hindenburg hoffte, nun endlich das „antiparlamentarische“ und „antimarxistische“ Kabinett zu haben, an dem er in den Hintergrundgesprächen der Monate zuvor gemeinsam mit Kuno Graf Westarp, Gottfried Treviranus und Kurt von Schleicher gearbeitet hatte. Gleich in seiner Regierungserklärung machte Brüning dem Parlament deutlich, dass er willens sei, notfalls auch gegen das Parlament zu arbeiten: Die Ära der nicht parlamentarischen, aber verfassungskonformen „Präsidialkabinette“ begann.
Die erste Aufgabe des neuen Kabinetts war der Ausgleich des defizitären Haushalts. Zwar waren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland noch nicht auf ihren Höhepunkt gelangt, doch der Young-Plan verlangte neben weiteren hohen Reparationsforderungen die Stabilität der deutschen Währung. Die Reichsmark durfte daher weder abgewertet noch die Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen angekurbelt werden.
Das erste Sanierungsprogramm Brünings, der vom 20. bis 26. Juni 1930 kommissarisch auch das Reichsministerium der Finanzen leitete, wurde vom Reichstag abgelehnt: Anders als Hindenburg es gehofft hatte, war es Brüning nicht gelungen, eine ausreichend große Zahl von DNVP-Abgeordneten dem radikalen Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg abspenstig zu machen und ins Regierungslager zu ziehen. Wie der Kanzler angedroht hatte, setzte er die Deckungsvorlagen nun mit einer Notverordnung gemäß Artikel 48 der Verfassung durch, doch eine parlamentarische Mehrheit aus SPD, KPD, dem radikalen Flügel der DNVP um Hugenberg, und der NSDAP hob die Notverordnung am 18. Juli wieder auf. Daraufhin verlas Brüning die gemäß Artikel 25 erfolgende Auflösungsorder des Reichspräsidenten. Gegen die Aufhebung der Notverordnung hatten – um eine Auflösung des Reichstags und die daraus resultierenden Neuwahlen zu diesem höchst ungünstigen Zeitpunkt zu vermeiden – das Zentrum, die liberalen Parteien und der gemäßigte Flügel der DNVP um den Grafen Westarp gestimmt, der die Partei im Juli verließ. Die Reichstagswahl wurde für den 14. September 1930 anberaumt.