Heinrich Bedford-Strohm, geborener Strohm (* 30. März 1960 in Memmingen) ist ein deutscher evangelisch-lutherischer systematischer Theologe mit dem Schwerpunkt Sozialethik. Vom 30. Oktober 2011 bis 30. Oktober 2023 war er Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Vom 11. November 2014 bis zum 10. November 2021 war er zusätzlich Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seit 2022 ist Bedford-Strohm Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Geboren im März 1960 in Memmingen, verbrachte Heinrich Strohm seine Kindheit in Pfarrhäusern in Buxach bei Memmingen und im oberfränkischen Coburg. Sein Vater Albert Strohm war evangelischer Pfarrer und später Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Passau. Sein Bruder Christoph Strohm ist Professor für Kirchengeschichte an der theologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Seine Familie stammt z. T. aus Bayreuth, wo sein Urgroßvater Albert Preu bis 1933 Oberbürgermeister war.
Nach dem Abitur im Jahr 1979 am Gymnasium Casimirianum Coburg und dem Grundwehrdienst als Sanitäter in Passau studierte Heinrich Strohm von 1980 bis 1981 Jura, Geschichte und Politologie in Freiburg. Von 1981 bis 1988 studierte er Evangelische Theologie in Erlangen, Heidelberg und Berkeley. In seiner Zeit als Student arbeitete er in Wärmestuben für Obdachlose und in Flüchtlingsheimen. Von 1989 bis 1992 war er Assistent am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Sozialethik bei Wolfgang Huber an der Universität Heidelberg. Er wurde 1992 mit der Arbeit Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit promoviert. Von 1992 bis 1994 war er Vikar in Heddesheim. Am 21. Dezember 1997 wurde er in Ahorn ordiniert.
Heinrich Strohm heiratete 1985 die Psychotherapeutin Deborah Bedford aus Boston (USA). Seither führt das Ehepaar den Namen Bedford-Strohm. Es hat drei Söhne. Bedford-Strohm ist Mitglied der SPD, lässt seit seiner Wahl zum Bischof aber diese Mitgliedschaft ruhen.
Pfarramt und wissenschaftliche Laufbahn
Nach dem Vikariat nahm Heinrich Bedford-Strohm eine Gastprofessur für Sozialethik am Union Theological Seminary in New York als Visiting Teaching Fellow in the Bonhoeffer Exchange Program an. Es folgte 1998 die Habilitation in Systematischer Theologie durch die Theologische Fakultät Heidelberg mit einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Habilitationsschrift Gemeinschaft aus kommunikativer Freiheit. Sozialer Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft. Ein theologischer Beitrag.
Von 1997 bis 1999 und von 2001 bis 2004 war Bedford-Strohm Pfarrer an der Coburger Morizkirche. Seine Erfahrung aus der Seelsorge in der Gemeinde St. Moriz war auch eine wichtige Basis für seine Arbeit als Sozialethiker. Von Oktober 1999 bis September 2001 hatte er eine Vertretungsprofessur für Systematische Theologie und Ethik an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Hierfür erhielt er im November 2001 den Wolfgang-Mittermeier-Preis der Universität Gießen für hervorragende Leistungen in der akademischen Lehre.
Am 1. April 2004 folgte er einem Ruf an die Otto-Friedrich-Universität Bamberg als Professor für Systematische Theologie und Theologische Gegenwartsfragen. Von April 2006 bis September 2009 bekleidete er das Amt des Dekans der Fakultät Humanwissenschaften an der Universität Bamberg. Im Februar 2006 war Bedford-Strohm als Theologischer Berater bei der 9. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Porto Alegre tätig. Internationale Gastvorträge führten ihn u. a. an die Universitäten von Pretoria, Stellenbosch und Port Elizabeth (Südafrika), Butare (Ruanda), Sydney und Canberra (Australien), Harvard und New York City (USA). Im Januar 2008 wurde er Gründungsdirektor der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie an der Universität Bamberg. Von 2009 bis 2011 war er geschäftsführender und verantwortlicher Herausgeber der Zeitschrift Evangelische Theologie (Gütersloher Verlagshaus). Er gehört dem Herausgeberkreis weiter an. Seit Januar 2009 hat er eine außerordentliche Professur als Extraordinary Professor for Systematic Theology and Ecclesiology an der Universität Stellenbosch (Südafrika) inne. Nach der Aufgabe des Bamberger Lehrstuhls aufgrund der Bischofswahl verlieh ihm die Universität Bamberg eine Honorarprofessur.
Bischofsamt, Ratsvorsitz der EKD und ÖKR
Am 4. April 2011 wurde Heinrich Bedford-Strohm als Nachfolger von Johannes Friedrich zum neuen Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gewählt. Dieses Amt übte er bis 2023 aus.
Von 2010 bis 2013 war Bedford-Strohm Stellvertretender Vorsitzender der Sozialkammer der EKD. Von 2013 bis 2021 war er Mitglied im Rat der EKD. Am 11. November 2014 wurde er von der Synode der EKD (7. Tagung der 11. Synode) mit 106 von 125 Stimmen als Ratsvorsitzender gewählt, zunächst für ein Jahr, nachdem sein Vorgänger Nikolaus Schneider sein Amt ein Jahr vor Ende der Wahlperiode aufgegeben hatte. Im November 2015 wurde er mit 124 von 125 Stimmen im Amt bestätigt und hatte es weitere sechs Jahre inne.
Im Oktober 2020 gab Bedford-Strohm bekannt, nicht mehr für eine weitere Amtszeit als Ratsvorsitzender der EKD anzutreten. Der Ökumenische Rat der Kirchen, der weltweit 580 Millionen Christen aus 352 Kirchen vertritt, wählte auf seiner 11. Vollversammlung in Karlsruhe am 8. September 2022 Bedford-Strohm für acht Jahre zum Vorsitzenden des Zentralausschusses, des höchsten Leitungsgremiums des Kirchenbundes.
Wissenschaftliche Schwerpunkte
Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit Bedford-Strohms sind Ökumenische Theologie, Ekklesiologie, Bio-, Friedens- und Wirtschaftsethik, Sozialstaat und Gerechtigkeitstheorien, Schöpfungsethik, christlicher Glaube und moderne Gesellschaft. An seinem Bamberger Lehrstuhl entstand die Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie, die sich mit der Reflexion von Fragen öffentlicher Relevanz im Lichte theologischer Traditionen befasst.
Sozialethische und theologische Schwerpunkte
Politische Flüchtlinge und Menschenwürde
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verbrachte den Heiligabend 2011 mit Flüchtlingen, wobei er die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in München besuchte. Dabei bemerkte der Bischof: „Ich bin den Flüchtlingen sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft. Die Begegnung mit ihnen hat für mich einen starken menschlichen Eindruck hinterlassen. Das Etikett ‚Asylanten‘ verdeckt, welche interessanten und eindrucksvollen Persönlichkeiten hier leben. Ich wünsche mir in unserem Land viel mehr Aufmerksamkeit für diese Menschen.“ Bei einem Besuch des Erstaufnahmelagers im fränkischen Zirndorf kritisierte er die Unterbringung. Die Einrichtung sei überbelegt; es fehle an Asylsozialberatung.
Bedford-Strohm forderte 2012 einen humanen Umgang und mehr Respekt vor Flüchtlingen. Wichtig sei, dass die Asylsuchenden spürten, dass sie in einem Rechtsstaat angekommen seien; sie hätten oft Schweres erlebt. Bedford-Strohm plädierte für die dezentrale Unterbringung, da die zentrale Unterbringung in der Bevölkerung oft wenig Akzeptanz finde und eher Aggressionspotential fördere. In diesem Zusammenhang kritisierte Bedford-Strohm 2018 auch die Flüchtlingspolitik der CSU, besonders die aus seiner Sicht veränderte Tonlage in der öffentlichen Debatte. Dadurch drohe die Empathie verlorenzugehen. Ebenso übte er Ende 2018 Kritik an AfD-Mitgliedern, die „nur protestieren wollen“. Diese würden denen, die „ihr rechtsradikales Gedankengut unter dem Logo der AfD verbreiten“, Legitimation und Deckung verschaffen. Aus den Reihen der AfD-Spitze kämen „Aussagen, die im tiefen Widerspruch zum christlichen Glauben stehen“. Bedford-Strohm forderte eine „klare Kante gegen die Abwertung von Menschengruppen aufgrund ihrer Religion“, aber auch mehr Gesprächsbereitschaft „über unterschiedliche Auffassungen hinweg“. Nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke forderte Bedford-Strohm die AfD auf, spätestens jetzt ihr Verhältnis zum Rechtsextremismus zu klären. Sympathisanten der AfD sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie „Rechtsextremen Deckung geben“.