Hedy Lamarr (eigentlich Hedwig Eva Maria Kiesler; * 9. November 1914 in Wien, Österreich-Ungarn; † 19. Jänner 2000 in Casselberry, Florida, USA) war eine österreichisch-amerikanische Filmschauspielerin und Erfinderin.
Nach Beginn ihrer Filmkarriere in Österreich wurde sie ab Ende der 1930er Jahre zum Hollywood-Star. Für ihre Erfindung, eine Funkfernsteuerung für Torpedos, die sie im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten zu entwickeln begann, wurde sie 2014 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.
Hedwig „Hedy“ Lamarr stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Familie und kam im Sanatorium Hera zur Welt. Ihr aus Lemberg gebürtiger Vater Emil Kiesler war Direktor des Wiener Bankvereins, die Mutter Gertrud (geb. Lichtwitz, 1891–1977) kam aus Budapest und war ausgebildete Konzertpianistin. Lamarr wuchs als Einzelkind in behüteten Verhältnissen in Wien-Döbling auf, besuchte eine Privatschule, erhielt Klavier-, Ballett- und Sprachunterricht. Bereits als Kind soll sie Interesse für Technik gezeigt haben. Schon früh zog es sie zum Film, sodass sie im Alter von 16 Jahren die Schule abbrach und Scriptgirl bei der Wiener Sascha wurde.
Angeblich wurde sie als Zuseherin bei Proben am Theater in der Josefstadt von Max Reinhardt entdeckt. Schon in ihrem vierten Film Man braucht kein Geld (1931) mit Heinz Rühmann und Hans Moser hatte Lamarr eine Hauptrolle. Sie wurde vom Interessanten Blatt (Ausgabe vom 31. Dezember 1931) in einer Besprechung des Films als „vorläufig hübsch und wahrscheinlich auch begabt“ beschrieben. Bereits im August desselben Jahres hatte Der Abend angekündigt, dass sie nach Hollywood gehen werde.
Der tschechoslowakisch-österreichische Film Symphonie der Liebe (besser bekannt unter dem Titel Ekstase) von 1933 war wegen seiner Nacktszenen ein Skandal. Kiesler war zum Zeitpunkt des Drehs noch minderjährig. Aber nicht nur die zehnminütige Nacktszene – ein Bad in einem See und der anschließende Gang nackt durch einen Wald – sorgte für Aufsehen, sondern vor allem eine Liebesszene, in der lediglich ihr erregtes Gesicht zu sehen war – sie spielte einen Orgasmus. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde der Film deshalb verboten. Erst 1935, nach Kürzungen, wurde er unter Tumulten in einigen wenigen deutschen Kinos gezeigt, versehen mit der Warnung: „Dieser Film ist jugendverderbend.“
Zur Zeit dieses Skandals trat sie in Wien mit großem Erfolg im Singspiel Sissy von Fritz Kreisler als die spätere Kaiserin Elisabeth auf, eine Rolle, die vor ihr auch Paula Wessely gespielt hatte. Als besonderer Clou ritt sie bei ihrem Auftritt mit einem Pferd auf die Bühne, unterlegt von ein paar Takten der Kaiserhymne, die jedoch stets im aufbrausenden Applaus untergingen.
Am 17. Juni 1933 ließ sie sich katholisch taufen. Am 10. August 1933 heiratete sie in der Wiener Karlskirche in kleinem Kreise den vierzehn Jahre älteren Wiener Industriellen Fritz Mandl, der Heimwehrführer Ernst Rüdiger Starhemberg und Graf Andor Semsey waren die Trauzeugen. Mandl galt nicht nur als damals reichster Mann Österreichs, sondern auch als herrschsüchtiger und eifersüchtiger Mann, der ihr das Auftreten in Filmen verbot. Er war Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter und verlangte anlässlich der Hochzeit von ihr, dass sie zum katholischen Glauben übertrete. An den gemeinsamen Wohnsitzen, dem Haus am Wiener Schwarzenbergplatz Nr. 15 und dem Gut Fegenberg in Schwarzau im Gebirge in Niederösterreich, verkehrte künstlerische Prominenz wie Ödön von Horváth oder das Ehepaar Franz und Alma Werfel sowie die politische Prominenz des späteren Austrofaschismus Ernst Rüdiger Starhemberg und Kurt Schuschnigg. Sie selbst gehörte nun zur High Society des Ständestaates und besuchte im Rahmen dessen Veranstaltungen wie u. a. den Wiener Opernball. Politisch trennten die Eheleute jedoch Welten, da Kiesler in liberalem Milieu aufgewachsen und ihr Ehemann sehr konservativ war. Fritz Mandl war Waffenfabrikant und Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik. Er machte unter anderem mit dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland Geschäfte. Bei Empfängen ihres Ehemanns war sie die Gastgeberin und kam so auch in Kontakt mit Erfindern und Entwicklern von Waffensystemen, wie u. a. Hellmuth Walter.
Sie verließ ihren Mann 1937 und ging nach Paris, später nach London.
In London wurde Lamarr von Louis B. Mayer für MGM unter Vertrag genommen. Gleichzeitig gab er ihr den Künstlernamen Hedy Lamarr, wobei er sich direkt auf den berühmten Stummfilmstar Barbara La Marr bezog, die seinerzeit unter dem Titel The Girl Who Was Too Beautiful bekannt war. MGM vermarktete sie als „schönste Frau der Welt“.
Durch die Mitwirkung in dem Film Algiers im Jahr 1938 an der Seite von Charles Boyer schaffte sie eine Sensation. Viele Schauspielerinnen kopierten ihre Mittelscheitel-Frisur, und die brünette Haarfarbe wurde zur Modefarbe der späten 1930er Jahre. Joan Bennett trieb die Mimikry so weit, dass sie für den Film Trade Winds ihre bis dahin blonden Haare à la Lamarr färbte und für den Rest ihrer Karriere nicht änderte. Gleichzeitig war Lamarr für eine Renaissance des Hutes als Accessoire für Schauspielerinnen Vorbild. Als Kopfbedeckung trug sie Turbane, Schals, Schleier und sogar an Pagoden erinnernde mehrstöckige Kreationen. Louis B. Mayer wollte aus Hedy Lamarr den größten Star des Studios machen und betraute damit zunächst Josef von Sternberg, der bei ihrem MGM-Debüt, dem Film I Take This Woman, Regie führen sollte. Zahlreiche Pannen begleiteten von Beginn an diese Produktion, die über 18 Monate dauerte, bei der sich drei Regisseure abwechselten und während der fast die komplette Besetzung ausgewechselt wurde. Am Ende bezeichneten manche den Film scherzhaft als I Retake This Woman, und das Ergebnis war ein Flop. Lamarr selbst wirkte nebenbei noch neben Robert Taylor in dem Film Lady of the Tropics mit, der schließlich sogar noch früher in den Verleih kam.
Ihr größter kommerzieller Erfolg war der Film Samson und Delilah, bei dem Cecil B. DeMille Regie führte. Als ihre wichtigste Rolle bezeichnete Lamarr 1947 ihren Auftritt als moderne und unabhängige Frau in der Geschäftswelt in H.M. Pulham, Esq. von King Vidor, für diesen Auftritt wurde sie auch von vielen Kritikern gelobt. Lamarr behauptete in späteren Jahren oft, sie habe viele gute Rollen aus Faulheit abgelehnt, so in Casablanca und Das Haus der Lady Alquist. Im Jahr 1958 drehte sie ihren letzten Film.
Hedy Lamarr, die sich als Gegnerin des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Alliierten stellte, war entsetzt über die Nachricht von der Versenkung der City of Benares und begann an Konzepten zur Torpedotechnik zu arbeiten. Sie entwickelte 1940 eine Funkfernsteuerung für Torpedos, die sie zum Patent anmeldete. Diese sollte durch selbsttätig wechselnde Frequenzen schwer anzupeilen und weitgehend störungssicher sein. Zu der Erfindung kam es, als sie und der Komponist George Antheil für sein Ballet Mécanique 16 Pianolas untereinander und mit einem Film zu synchronisieren hatten, was über gleichzeitig ablaufende Klavierrollen (Lochstreifen) gelang. Das Problem bei der Funkfernsteuerung lösten sie mit identischen Lochstreifen in Sender und Empfänger. Dadurch waren die gleichzeitigen Frequenzwechsel möglich. Lamarr soll als Frau des Waffenherstellers Fritz Mandl Zugang zu geheimen Informationen auch im Bereich der Funktechnik gehabt haben.
Lamarr und Antheil arbeiteten einige Monate lang an ihrer Idee, bevor sie diese im Dezember 1940 dem nationalen Erfinderrat (National Inventors Council) präsentierten. Vorsitzender des Rates war Charles Kettering, Forschungsdirektor von General Motors. Kettering schlug Lamarr und Antheil vor, die Idee patentieren zu lassen. Mit Unterstützung eines Professors für Elektrotechnik am California Institute of Technology bereiteten sie das Patent zur Anmeldung vor. Am 11. August 1942 wurde es vom Patentamt erteilt.
Das Patent von Lamarr und Antheil wurde aus unterschiedlichen Gründen nicht für die vor feindlichen Störsignalen geschützte Fernsteuerung von Torpedos genutzt. Zunächst war der Einsatz von Papierrollen, also praktisch der Lochkartentechnik aus dem 19. Jahrhundert, 1941 veraltet und die Papierrollen-Steuerung für die automatische Synchronisation von Klavieren hatte nichts mit geheimer Kommunikation oder der Steuerung von Lenkwaffen zu tun. Das Patent blieb außerdem eher vage bei der Frage, wie die Verbindung zwischen den synchron laufenden Lochkarten und der Fernsteuerung tatsächlich realisiert werden sollte. Es gab bereits seit den 1920er Jahren mehrere geheim gehaltene US-Patente, die der Idee von Lamarr und Antheil ähnelten. Zudem war in den USA auch schon 1930 klar, dass eine Steuerung von Torpedos per Funk nicht möglich ist. Dass Hedy Lamarr trotzdem als Erfinderin störungssicherer Steuerung von Torpedos gelte und das Patent als „red hot“ eingestuft wurde, liege daran, dass sie als damals berühmte Schauspielerin als Teil der US-Kriegspropaganda instrumentalisiert worden sei, so ihre Biografin Michaela Lindinger.