Hatun „Aynur“ Sürücü (* 17. Januar 1982 in West-Berlin; † 7. Februar 2005 in Berlin) war eine Deutsch-Kurdin, die einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer fiel.
Sie wurde an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof von einem ihrer Brüder durch drei Kopfschüsse getötet.
Ihr Tod sorgte bundesweit für Entsetzen und löste eine Debatte über Zwangsehen und Wertvorstellungen von in Deutschland lebenden muslimischen Familien aus.
Ihr Vater Kerem Sürücü (1940–2007) war Gärtnergehilfe und stammte aus dem Dorf Uzunark in Pasinler, Provinz Erzurum (Türkei). Ihre Mutter Hanım Sürücü stammt aus dem Nachbardorf Marifet. Sie siedelten Anfang der 1970er Jahre nach Berlin (West) um. Acht ihrer insgesamt neun Kinder wurden in Deutschland geboren, Hatun Sürücü wuchs mit fünf Brüdern und drei Schwestern in Kreuzberg auf. Sie war das fünfte Kind der Sürücüs und ihre erste Tochter. Nachdem sie sich in der Pubertät immer mehr gegen ihre Familie aufgelehnt hatte, meldete ihr Vater sie nach der 8. Klasse des Robert-Koch-Gymnasiums in Kreuzberg ab. Im Alter von 16 Jahren wurde sie mit ihrem Cousin Ismail in Istanbul zwangsverheiratet, von ihm wurde sie 1999 schwanger. Nach einem Streit mit ihm und seiner strenggläubigen Familie kehrte sie alleine nach Berlin zurück, wo sie ihren Sohn Can (türk. „Seele“, „Leben“) zur Welt brachte. Sie selbst gab sich den Rufnamen Aynur, was „Mondlicht“ bedeutet oder „jemand, der so hell leuchtet wie der Mond“.
Im Oktober 1999 zog Sürücü aus der Wohnung ihrer Eltern in Kreuzberg beim Kottbusser Tor aus, legte ihr Kopftuch ab und fand in einem Wohnheim für minderjährige Mütter Zuflucht. Dort holte sie ihren Hauptschulabschluss nach. Zugleich suchte sie psychotherapeutische Unterstützung. Später bezog sie eine eigene Wohnung in Berlin-Tempelhof und begann eine Lehre als Elektroinstallateurin. Sie beendete die Lehre erfolgreich und stand 2005 nur wenige Tage vor dem Abschluss ihrer Gesellenprüfung. Unmittelbar danach wollte sie auf Grund eines Jobangebots nach Freiburg ziehen und später ihr Fachabitur machen. Da sie nach wie vor von ihrer Familie akzeptiert werden wollte, hielt sie weiterhin Kontakt zu Eltern und Geschwistern.
Hatun Sürücü wurde als „immens freundlich“, „selbstbewusst“, „sehr eigenständig“, ebenso als eine liebende Mutter und gläubige Muslimin beschrieben. In ihrer Siedlung und an ihrer Arbeitsstelle wurde sie sehr geschätzt. Bei ihrer Betreuerin im Jugendamt drängte sie darauf, dass im Falle ihres Todes ihr Sohn Can nicht von der Familie Sürücü, sondern von Pflegeeltern aufgezogen werden sollte. „Sie hatte so unglaublich viel Kraft“, sagte eine Sozialarbeiterin.
Nach Angaben ihres Bruders Ayhan Sürücü besuchte dieser sie am Abend des 7. Februar 2005 in ihrer Wohnung. Es kam zum Streit, dennoch begleitete sie ihn nach draußen und auf den Weg zur Bushaltestelle an der Tempelhofer Oberlandstraße. Dort fragte er sie: „Bereust du deine Sünden?“ und tötete sie daraufhin mit drei Kopfschüssen. Am 14. Februar 2005 nahm die Polizei drei ihrer Brüder als Tatverdächtige fest. Die Ermittler vermuteten als Tatmotiv einen sogenannten „Ehrenmord“, nachdem sie erfahren hatten, dass Sürücü ihren Ehemann wie ihre Familie verlassen und sich entschlossen hatte, ein selbständiges Leben zu führen. Zuvor hatte Sürücü der Polizei mehrmals gegen sie gerichtete Morddrohungen gemeldet, erhielt aber keinen Schutz.
In der Öffentlichkeit wurde der Mordfall sofort mit sechs weiteren Tötungsdelikten in Berlin seit Oktober 2004 in Verbindung gebracht, bei denen man als Tatmotiv einen „Ehrenmord“ an einer Frau vermutete.
Weitere Aufmerksamkeit erregte der Fall durch die Diskussion in einer achten Klasse der Thomas-Morus-Oberschule in Berlin-Neukölln, in der drei Schüler den Mord billigten („Die hat doch selbst Schuld. Die Hure lief rum wie eine Deutsche“), woraufhin der Schuldirektor Volker Steffens einen offenen Brief schrieb, der in den meisten Klassen vorgelesen wurde („Diese Schüler zerstören den Frieden des Schullebens, wenn sie den Mord gutheißen. Wir dulden keine Hetze gegen die Freiheit.“). Damit löste er eine bundesweite Reaktion in den Medien und eine erneute Diskussion über ein Pflichtfach Wertekunde an Berliner Schulen aus. Bundespräsident Horst Köhler dankte Steffens in einem Brief vom Juli 2005 für sein Engagement und merkte an: „Ein falsches Verständnis von Toleranz, Harmoniestreben oder mangelnde Courage dürfen nicht dazu führen, dass grundlegende Regeln des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden“. Die Schüler erhielten eine Abmahnung.
Am 22. Februar 2005 fand am Tatort eine Mahnwache statt, an der etwa 100 Menschen mit und ohne Migrationshintergrund teilnahmen. Zu ihr hatte der Berliner Lesben- und Schwulenverband aufgerufen. Eine weitere, von Politikern und Künstlern initiierte Mahnwache fand am 24. Februar statt. Politiker und Frauenrechtlerinnen forderten von türkischen und islamischen Verbänden in Deutschland eine klare Stellungnahme zum Thema „Ehrenmord“. Am 5. März demonstrierten mehr als tausend Menschen, aufgerufen von Terre des Femmes und fast allen Berliner Frauenverbänden innerhalb und außerhalb der Parteien, beim Rathaus Neukölln gegen den „Ehrenmord“. Beim Internationalen Frauentag am 8. März 2005 wurde in vielen deutschen Städten gegen die Ermordung Sürücüs und gegen das Verbrechen sogenannter Ehrenmorde protestiert. Der kurdischstämmige Politiker Giyasettin Sayan warf den Veranstaltern vor, dass keine Kurden-Vertreter eingeladen worden seien. Sayan äußerte: „Wir sind alle aus der Türkei, aber wir sind nicht alle Türken.“ – selbst wenn eine Differenzierung die tatsächlichen Türken entlasten würde.
Das Motto „Vergesst niemals Hatun!“ Kampagne gegen Ehrenmorde wurde am Internationalen Frauentag 2006 in Köln zum Leitmotiv einer Konferenz von muslimischen Frauenrechtlerinnen, die von Terre des Femmes, Women’s Liberation – Iran, No Shari’a – International Campaign Against Shari’a Court in Canada und dem Internationalen Komitee gegen Steinigung unterstützt wurde. Am zweiten Todestag 2007 organisierte die Berliner Landtags-Fraktion der Grünen eine Mahnwache am Tatort. Bei dieser Gedenkfeier war kein Vertreter der türkischen Vereine anwesend, was von deren Seite nachträglich bedauert wurde.
Trotz eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung Mitte 2006 war 2007 noch keine Gedenktafel an ihrer Wohnung angebracht worden. Blumen und andere Andenken am Tatort entfernten Unbekannte regelmäßig noch in derselben Nacht. Auch am dritten Jahrestag ist auf einer Mahnwache das Fehlen einer Gedenktafel kritisiert worden. Die Hausverwaltung hatte sich zwar grundsätzlich mit einer Gedenktafel einverstanden erklärt, wollte diese aber nur in etwa 100 Meter Entfernung vom Tatort dulden.
Nach einer Initiative des damaligen Bezirksbürgermeisters Ekkehard Band (SPD) wurde im Juni 2008 ein Felsstein mit einer Gedenktafel vor dem Haus an der Hausecke Oberlandstraße / Oberlandgarten () aufgestellt. Darauf steht in Deutsch und Türkisch folgender Text: „Hier wurde Hatun Sürücü (geb. 1982) am 7. Februar 2005 ermordet, weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf, sondern ein selbstbestimmtes Leben führte. Zum Gedenken an sie und die weiteren Opfer von Gewalt gegen Frauen in dieser Stadt.“ Die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg beschloss nach langer Debatte einstimmig den Text. Allerdings wies die Gedenktafel zunächst ein falsches Geburtsjahr aus (1983 statt 1982), das Datum wurde 2013 berichtigt.
Nach dem Mord zogen bald alle Mieter aus dem Wohnhaus aus, das später renoviert wurde.
Im Sommer 2006 wurde die damals 16-jährige Schwester Songül Sürücü von der Eberhard-Klein-Schule abgemeldet, da sie freiwillig in die Türkei ziehe. Nach Aussage von Pädagogen wirke die Angabe der Freiwilligkeit unglaubhaft, da sie sich während des Gerichtsprozesses „bei einer Pädagogin erkundigt hatte, wie sie von zu Hause ausbrechen könne“. Hatun Sürücüs Sohn Can lebte bis zur Volljährigkeit bei einer Pflegefamilie. Hatun Sürücüs Schwester Arzu Sürücü gab bekannt, dass sie das Sorgerecht für Can beantragen werde. Falls das Familiengericht den Antrag ablehne, solle der leibliche Vater, der in Istanbul lebt, das Sorgerecht erhalten. Politiker aller Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses wie Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen), Giyasettin Sayan (Linkspartei.PDS), Berlins Jugendsenator Klaus Böger (SPD) und Friedbert Pflüger (CDU) kritisierten die Absicht von Familie Sürücü, das Sorgerecht zu beantragen. Am 20. Dezember 2006 lehnte das Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg den Antrag der Schwester der Ermordeten auf das Sorgerecht für den Sohn ab. Die dagegen eingelegte Beschwerde wurde am 24. Juli 2007 vom Landgericht Berlin zurückgewiesen.