Harry Kramer (* 25. Januar 1925 in Lingen (Ems); † 20. Februar 1997 in Kassel) war ein deutscher Tänzer, Künstler und Professor für Bildhauerei an der Kasseler Kunstakademie. Er wurde als Vertreter der Kinetischen Kunst und als Teilnehmer der documenta III 1964 international bekannt. Seine zwischen 1952 und 1987 entstandenen Werke, darunter vor allem die automobilen Skulpturen aus Draht, wurden in inner- und außereuropäischen Ausstellungen gezeigt und gehören zum Bestand privater und öffentlicher Sammlungen weltweit. Er verfasste Essays zur Kunst und autobiografische Schriften.
Als Hochschullehrer veranlasste Harry Kramer zwischen 1971 und 1984 unter dem Titel „Atelier Kramer“ gemeinsam mit seinen Studenten zahlreiche Kunstaktionen und Ausstellungen. Nach seiner Emeritierung 1992 widmete er sich der von ihm bereits in den 1980er Jahren initiierten Stiftung zur Realisierung einer Künstler-Nekropole in Kassel.
Harry Karl Kramer kam 1925 als Sohn von Johann Kramer, Klempner im Ausbesserungswerk Lingen, und der Schneiderin Elisabeth, geb. Keppler aus Nimwegen, in der Hinterstraße 2 in Lingen zur Welt. Die Mutter nannte den Sohn Harry nach dem Schauspieler Harry Piel; sie verstarb 1932 jung an Tuberkulose. Der Vater heiratete ein zweites Mal und ließ sich zum Ausbesserungswerk Neumünster versetzen, wo der Sohn nach dem Besuch der Volksschule 1939 eine Friseurlehre begann. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war der 14-Jährige mit einem unrechtmäßig besorgten Freifahrschein der Deutschen Reichsbahn unterwegs nach Amerika, kam jedoch nur bis ins Osnabrücker Polizeigefängnis, wo ihn der Vater auslöste. Harry Kramer arbeitete anschließend in Lingen bis 1942 als Friseur. In diesen Jahren versuchte er sich zudem erfolglos als Schauspielschüler in Osnabrück und in Münster.
Im Jahr 1943 wurde der unterdessen 18-jährige Harry Kramer zum Kriegsdienst eingezogen, zum Scharfschützen ausgebildet und in Frankreich als Panzergrenadier eingesetzt. 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im Anschluss an missglückte Fluchtversuche nach Farm Hall in England verbracht, wo er den dort im Rahmen der Operation Epsilon internierten zehn deutschen Physikern die Hosen bügelte und die Haare schnitt. Carl Friedrich von Weizsäcker erinnerte sich 1988 daran so: „Am Silvesterabend 1945, als wir wußten, daß wir bald nach Deutschland zurückkehren sollten, wurde eine heitere kleine Feier veranstaltet, mit selbstgedichteten Limericks und einer Theaterdarbietung des begabten deutschen Kriegsgefangenen Harry Cramer (heute Kunstprofessor in Kassel), der uns als Friseur zugeteilt war […].“ Harry Kramer lässt in seiner autobiografischen Erzählung Ein Frisör aus Lingen (1990) seinen Protagonisten bei den Physikern in Farm Hall darüber grübeln, „ob er nun den Beruf des Filmschauspielers oder den eines Professors anstreben sollte“.
Nach der Entlassung aus Farm Hall übte Harry Kramer zunächst Stepptanz nach einem Buch in der elterlichen Waschküche in Neumünster. Ab 1947 besuchte er die Tanzschule von Lola Rogge in Hamburg und trat nach der Währungsreform, die eine weitere Ausbildung für ihn unbezahlbar machte, Engagements an den Stadttheatern zunächst in Bielefeld, anschließend in Münster an. Dort lernte er seine spätere Frau Helga Brauckmeyer (1929–2017), eine Tänzerin, kennen. Sie war die Tochter eines Chemikers am Kaiser-Wilhelm-Institut und der Metallografin und Lyrikerin Anneliese Hager. Nach einem Aufenthalt in Starnberg in den Jahren 1951/52 zogen Harry Kramer und Helga Brauckmeyer nach Berlin, wo er ab 1952 seine ersten Figurinen für ein später so genanntes Mechanisches Theater entwickelte. Sie bestanden aus Draht, Papier und Holz und bewegten sich nach Musik; die erste Figur, eine Marionette, habe er, so Kramer in seiner Autobiografie, „gebastelt“, um „seine Freundin ein wenig aufzuheitern“, die als Fotomodell für Unterwäsche das Geld verdiente „in Triumph – krönt die Figur“.
Das erste Programm, 13 Szenen mit der Musik von Wilfried Schröpfer, führte Kramer 1955 in der Galerie Springer in Berlin auf, und zwar fünf Wochen lang en suite. Anlässlich einer Vorstellung in Baden-Baden schlug Joachim-Ernst Berendt eine Sendung im Südwestfunk vor.
Künstler in Paris und in Las Vegas
1956 zog Harry Kramer nach Paris, wo Helga Brauckmeyer ein Engagement als Tänzerin bei den Bluebell Girls im Lido erhalten hatte.
In Paris entwickelte Kramer von Hand in Gang zu setzende Figuren und Objekte auf einer kleinen Bühne zunächst für ein zweites Programm, Signale im Schatten, weiter. 1957 wurde das nunmehr so genannte Mechanische Theater beim zweiten Festival d’art d’avantgarde in Nantes aufgeführt.
Die Figuren des Programms führten zu einem ersten Experimentalfilm, Die Stadt (16 mm, 17 Minuten), den Harry Kramer 1956 gemeinsam mit Wolfgang Ramsbott, einem Juristen, drehte. Bis 1965 folgten vier weitere Experimentalfilme, von denen Die Schleuse, 1963 gedreht, internationale Preise errang. 1960 choreografierte Kramer in Paris das Ballett Nachtpuls für das Ranelagh, ein „Kunstkino“ in Paris, im Auftrag von Jacques Polieri.
Ab 1957/58 produzierte Kramer in Paris neben den Figuren fürs Mechanische Theater und neben den Filmen auch Drahtplastiken, die sich vermittels einer Kurbel in Bewegung setzen ließen oder mit kleinen Motoren angetrieben waren. Den bis Ende der 1950er Jahre ebenfalls in Paris ansässigen Günter Grass inspirierten die fragilen Maschinen und „die praktische Freundschaft zu Harry Kramer“ zu Motiven in seinem eigenen Werk, wobei die „mobile[n] Figuren“, so Grass, „meinen Vogelscheuchen zur Mechanik verhalfen“. 1962 nahm Kramers Gefährtin Helga Brauckmeyer das Angebot einer festen Show mit den Bluebell Girls im Stardust in Las Vegas an.
1964 war Harry Kramer mit automobilen Skulpturen Teilnehmer an der documenta III in Kassel. Arnold Bode, Gründer der documenta, hatte ihn zusammen mit Jean Tinguely und Jesús Rafael Soto sowie Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker der Gruppe ZERO ausgewählt. In der Ausstellungsabteilung Licht und Bewegung erregten Kramers Arbeiten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Seine documenta-Werke wurden verkauft, und er erhielt 25 Einladungen zu Einzelausstellungen in Europa und in den USA. Kramer ließ sich an der Loire nieder und restaurierte ein Renaissance-Anwesen, das er mit den Einnahmen aus seinen documenta-Verkäufen erworben hatte.
1965 nahm Kramer eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste Hamburg an und realisierte dort das Ballett Inventur. Anschließend folgte er Helga Brauckmeyer nach Las Vegas, heiratete sie und begann, mit kleinen Motoren versehene Möbel aus Draht und Holz sowie farbige Schiebeplastiken aus Holz zu gestalten, die mit Lackfarben bemalt waren. 1967 kamen Bauelemente zur industriellen Fertigung hinzu. Zu Beginn des Jahres 1968 kehrten die Kramers nach Frankreich zurück und lebten fortan an der Loire.
1970 erhielt Harry Kramer den Ruf auf eine Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie in Kassel, dem er 1971 folgte. Kramer wohnte zunächst in seinem Atelier in der Akademie, bis er ein altes Haus am Brasselsberg in Kassel erwerben und restaurieren konnte, während seine Frau Helga, die nach Las Vegas die Karriere als Tänzerin beendet hatte, in Paris in den Modeshows der Haute Couture auftrat. Das Anwesen an der Loire wurde verkauft und ein neues restaurierbedürftiges in den Cevennen in der Nähe von Le Vigan in Südfrankreich erworben.
Seinen Arbeitsschwerpunkt sah Kramer in Kassel nunmehr in der Lehre und Ausbildung der Studierenden. Mit seinen Studenten realisierte er in den 1970er und 1980er Jahren gemeinsame Projekte, zum Beispiel Ausstellungen, Performances und andere Aktionen, die er weiterhin nach seiner Emeritierung als Hochschullehrer im Jahre 1992 gelegentlich fortsetzte. Kramer lebte und arbeitete nach seiner Emeritierung zusammen mit seiner Frau in Kassel und in Südfrankreich.
Bereits seit den 1980er Jahren betrieb Kramer die Idee der Künstler-Nekropole, eines Künstlerfriedhofs in Kassel, mit der Intention, einen öffentlichen Ort zu schaffen, an dem der Künstler sein eigener, unabhängiger Auftraggeber ist. 1993 wurde die Stiftung Nekropole der Stadt Kassel gegründet, in die Kramer das Kapital einbrachte, das er unter anderem aus dem Verkauf seines Mechanischen Theaters an das Stadtmuseum München und von Kunstwerken aus seinem Privatbesitz, wie zum Beispiel der in Paris aus dem Atelier erworbenen ersten kinetischen Skulptur Tinguelys, erwirtschaftete. Harry Kramer starb 1997 in seinem Haus am Brasselsberg in Kassel. Seine Urne wurde nach dem Wunsch seiner Witwe auf dem Gelände der Künstler-Nekropole im Habichtswald an einem Ort bestattet, der durch die in einen Baum geritzten Initialen seines Namens gekennzeichnet ist.