Harold Bloom (geboren 11. Juli 1930 in New York City; gestorben 14. Oktober 2019 in New Haven, Connecticut) war ein amerikanischer Literaturwissenschaftler und -kritiker. Er galt weithin als der berühmteste amerikanische Literaturkritiker seiner Generation, international fand er durch die in den 1980er Jahren ausgetragenen Kanon-Debatten Aufmerksamkeit.
Harold Bloom wurde 1930 als Sohn jiddisch sprechender orthodoxer Juden geboren, die aus Russland in die USA ausgewandert waren. Seine Eltern lernten laut New York Times nie, Englisch zu lesen. Bloom studierte zunächst an der Cornell-Universität, dann an der Yale-Universität, an der er seit 1955 auch lehrte. Seit 1988 hatte er zudem eine Professur an der NYU inne, ebenfalls eine Professur an der Harvard-Universität. Er war verheiratet und hat zwei Söhne, von denen einer schwerbehindert ist. Ab 1984 firmierte Bloom als Herausgeber literaturwissenschaftlicher Anthologien des Verlags Chelsea House, in dieser Funktion verfasste er mehr als 400 Einleitungen zum Werk der jeweils besprochenen Autoren.
Zu Beginn seiner Karriere wandte er sich gegen den an den amerikanischen Universitäten vorherrschenden literaturwissenschaftlichen Ansatz, den so genannten New Criticism. Insbesondere verteidigte er die Schriftsteller der englischen Romantik wie William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge gegen die seit T. S. Eliot verbreitete Geringschätzung ihrer Werke. In den 1970er Jahren liebäugelte er kurzzeitig mit dem Dekonstruktivismus, der zu dieser Zeit insbesondere an der Yale-Universität zum beherrschenden Diskurs wurde, verwarf ihn aber später. Dem in den 1980er Jahren erstarkenden New Historicism konnte er von Beginn an nichts abgewinnen.
In seinem Band The Anxiety of Influence (dt. Einflussangst) entwickelte er die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität ständig versucht, sich von seinen Vorbildern und Einflüssen zu lösen. Bloom verglich diese paradoxe Situation mit dem Ödipuskomplex der Psychoanalyse: Der Dichter versucht, seinen „geistigen Vater“ zu töten. Die Qualität bzw. Originalität eines Gedichts lässt sich nach Bloom an der Kraft messen, mit der es ein Vorgängergedicht zu verdrängen vermag; das gelinge vor allem dann, wenn das neue Gedicht als „ursprünglicher“ als das Vorgängergedicht erscheint.
Bloom arbeitete diese These in mehreren Büchern der 1970er Jahre weiter aus, indem er die von Anna Freud behandelten Abwehrmechanismen der Psychoanalyse im Einzelnen im Verhältnis zwischen Dichtern und zwischen Gedichten aufzeigte. In Gnostizismus und Kabbala fand er analoge Vorstellungen; diese Strömungen handeln seiner Ansicht nach wesentlich von der Auseinandersetzung mit dem Problem dichterischer Originalität und Kreativität.
Seither war in seinen Schriften ein idealistisch-religiöser Ton bestimmend. Gute Literatur setzt sich in Blooms Augen mit den Grundfragen der menschlichen Existenz auseinander und offenbart das Streben nach Perfektion und Unsterblichkeit.
Mit dieser Auffassung geriet Bloom in Konflikt mit neueren Strömungen, als die Lehrpläne amerikanischer Schulen und Universitäten seit den 1970er Jahren vielerorts umgestellt wurden und zunehmend die Literatur, die von Frauen, Schwarzen, Einwanderern oder Autoren der Dritten Welt verfasst wurde, zuungunsten der Werke „toter weißer europäischer Männer“ (dwems) bevorzugt wurde. Bloom kritisierte, dass der Literaturbetrieb und die Wissenschaft literarische Werke zusehends vor allem nach ihrer politischen Ausrichtung oder ihrem soziale Aktivismus beurteilen würden, weniger aber nach ihren ästhetischen Qualitäten. Er stemmte sich nun in zahlreichen Büchern, Vorträgen und Interviews gegen den angeblichen Niedergang der westlichen Kultur, den er unter anderem an der Verleihung wichtiger Literaturpreise an Stephen King festmachte. Blooms Selbstverständnis als Gralshüter der westlichen Kultur hat ihm wider seine Absicht die Bewunderung konservativer Kreise eingebracht, später aber auch viel Kritik und Spott. Im Jahr 2000 eskalierte ein Disput mit dem marxistischen Literaturprofessor Terry Eagleton, der Bloom pathetisches Moralisieren vorwarf.
1979 wurde Harold Bloom in die American Academy of Arts and Sciences und 1990 in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen, 1985 erhielt er ein Stipendium der MacArthur Foundation, auch bezeichnet als Genius Award. Ab 1995 war er Mitglied der American Philosophical Society. 2002 erhielt er den Premi Internacional Catalunya.
Einflussangst und die Revision des dichterischen Vorläufers
Die angstbesetzte, katastrophische Auseinandersetzung mit dem dichterischen Vorläufer vollzieht sich Bloom zufolge in mehreren Etappen, für die er in The Anxiety of Influence Namen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenstellt. Es handelt sich um die sechs folgenden revisionären Ratios oder Methoden der Revision:
Clinamen, die ursprüngliche Abweichung, nach dem Modell der Atombewegung in der Lehre Demokrits und Lukrez’.
Tessera, das ergänzende Bruchstück nach dem Erkennungszeichen in den antiken Mysterien, die sinnhafte „Ergänzung“ des Vorgängers.
Kenosis, die „Diskontinuität mit dem Vorgänger“ nach dem Modell des Paulus im Philipperbrief.
Dämonisierung, die Errichtung eines „Gegen-Sublimen“: Hier beruft sich Bloom auf den Neuplatonismus.
Askesis, eine gewollte Selbstbeschränkung in der Tradition alter Ekstasetechniken.
Apophrades nach den unheilvollen Tagen des athenischen Kalenders, an denen die Toten in ihre alten Wohnstätten zurückkehren: Das Werk wird nun offen gehalten für den Einfluss des Vorgängers, aber es scheint diesen selbst hervorzubringen.
In A Map of Misreading (dt. Eine Topographie des Fehllesens) ergänzt Bloom diese Kategorien durch die der klassischen Rhetorik, durch die Abwehrmechanismen der Psychoanalyse und durch Vorstellungen aus der Kabbala Isaak Lurias. Wie Luria den kosmischen Schöpfungsprozess, so stellt er sich den dichterischen vor: Der Rückzug des Dichters, seine Zusammenziehung (Tzimtzum) führt zur Entstehung, zur Wiederherstellung (Tiqūn) seines Werks; die genannten „revisionären Ratios“ zerfallen deutlich in solche der „Limitation“, der Begrenzung (die 1., 3. und 5.) und solche der „Repräsentation“ (die 2., 4. und 6.).
Auch in der rhetorischen Tradition findet er die Unterscheidung von Tropen der Limitation und solchen der Repräsentation. Den vier seit Giambattista Vico ausgezeichneten Haupttropen Metapher (zu 5.), Metonymie (zu 3.), Synekdoche (zu 2.) und Ironie (zu 1.) fügt er zwei weitere hinzu, Hyperbel (zu 4.) und Metalepsis (zu 6.), so dass jede Ratio durch den Vorrang einer Trope gekennzeichnet ist. Ebenso werden die von Sigmund Freud verschiedentlich genannten, von Anna Freud gewissermaßen kodifizierten Abwehrmechanismen der Psychoanalyse, zu sechs Gruppen zusammengefügt, in diesem Schema verankert.