An diesem Tag

Harald Naegeli

Schweizer Künstler, Sprayer von Zürich

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Harald Oskar Naegeli (* 4. Dezember 1939 in Zürich) ist ein Schweizer Künstler, Zeichner und Grafiker. Ende der 1970er-Jahre begann er, Wände des öffentlichen Raums der Stadt Zürich mit seinen schwarzen, filigranen Strichfiguren illegal zu besprayen. 1984 wurde er wegen Sachbeschädigung verurteilt und musste zur Strafe sechs Monate ins Gefängnis. Naegeli gilt als einer der Wegbereiter europäischer Graffiti- und Streetart-Kultur. Zu seinen wichtigsten Werkgruppen zählen diejenige, die er in der Parkgarage der ETH Zürich realisierte, sowie die Totentanz-Zyklen, die in Köln, Venedig und Zürich entstanden. Als Sprayer von Zürich ist er weltweit bekannt. 2020 zeichnete ihn die Stadt Zürich mit dem Kunstpreis aus.

Harald Naegeli wurde in Zürich geboren. Seine Mutter, Ragnhild Osjord Naegeli, war eine norwegische Malerin und sein Vater, Hans Naegeli-Osjord (1909–1997), ein Arzt und Parapsychologe aus Zürich. Zu seinen Vorfahren gehört der Mediziner, Heimatforscher und Mundartautor Otto Nägeli.

Im Alter von siebzehn Jahren begann Naegeli seine Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule als wissenschaftlicher Zeichner. Sein Lehrer Karl Schmid (1914–1998) führte den jungen Kunststudenten in die Welt der Dadaisten ein. 1964 verbrachte Naegeli ein Jahr in Paris an der École des Beaux-Arts. Statt dem Unterricht zu folgen, studierte er im Cabinet des Dessins du Louvre Originalzeichnungen von Malern wie Antonio Pisanello und Rembrandt.

Angeregt von der Dada-Bewegung in Zürich setzte sich Harald Naegeli in der Zeit an der Kunstgewerbeschule bis in die 1970er-Jahre mit dem Medium der Collagen auseinander. In seinen frühen Werken sind Einflüsse seiner Vorbilder Hans Arp und Kurt Schwitters zu erkennen. Naegeli besuchte damals regelmässig die Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker und studierte deren Kunstsammlung, worunter sich Werke von Hans Arp, Kurt Schwitters, Piet Mondrian und Wassili Kandinsky befanden. Carola Giedion-Welcker war eine wichtige Mentorin für Naegeli.

1970 erwarb das Kunsthaus Zürich eine Collage mit dem Titel Die Wespe. Ab 1969/1970 schuf Naegeli minimalistische Schwarz-weiss-Collagen, deren Zeichenhaftigkeit und reduzierte Formensprache bereits die späteren Sprayfiguren ankündigen. Mitte der 1970er-Jahre wandte sich Naegeli wieder dem Medium der Zeichnung zu. Er kaufte 500 Skizzenbücher aus China, die damals neu auf den Markt kamen und sehr preiswert waren. Auf Reisen durch die Schweiz füllte Naegeli die Bücher mit Sinneseindrücken aus Natur- und Tierwelt.

Fotogalerie «Zürcher Sprayfiguren»

Aus «Protest gegen die Unwirtlichkeit der Städte, der Architektur» sprayte Naegeli sowohl auf öffentliche als auch private Wände schwarze Strichfiguren. Er begann, nachts auf Gebäude und Plätze zu zeichnen, und verbreitete seine Figuren vorerst anonym in ganz Zürich. Trotz eines ausgesetzten Kopfgeldes von 3.000 CHF blieb Naegelis Identität lange unentdeckt, aber letztlich wurde er im Juni 1979 eines Nachts von einem Zivilpolizisten ertappt, denn Naegeli hatte beim Sprayen seine Brille verloren und war zurückgegangen, um sie zu suchen.

Naegeli stand 1981 vor einem Zürcher Gericht und wurde wegen wiederholter Sachbeschädigung mit einer hohen Geldstrafe und neun Monaten Haft bestraft – von einem Richter, der ein Exempel statuieren wollte, wie der WDR-Journalist Hubert Maessen im deutschen Radio vom Prozess berichtete. Der Vollstreckung des Urteils entzog Naegeli sich durch eine Flucht aus der Schweiz nach Deutschland. Es erging ein internationaler Haftbefehl und er wurde am 28. August 1983 verhaftet.

«Die Entrüstung über die Kriminalisierung des Schweizer Künstlers war international.» Ungeachtet der Intervention und zum Entsetzen zahlreicher Künstler, Schriftsteller und Politiker, unter ihnen Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Joseph Beuys, sowie einer von Naegeli selbst eingereichten Beschwerde bei der Europäischen Menschenrechtskommission

wurde Naegeli nach einer Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts am 24. April 1984 an sein Heimatland ausgeliefert und verurteilt. Im Gefängnis entstanden einige Keramiken mit den bekannten Naegeli-Figuren; Naegeli hielt sich nicht an die Gestaltungsvorgaben der Haftanstalt. Nach sechs Monaten Gefängnisstrafe, davon einige Wochen in Einzelhaft, wurde Naegeli aus der Strafanstalt Wauwilermoos entlassen.

Fotogalerie «Graffiti an den Säulen unter der Rheinkniebrücke Düsseldorf»

Nach seiner Entlassung zog Naegeli aus politischen Gründen wieder nach Düsseldorf, unter anderem wohl wegen der damit verbundenen Nähe zu Joseph Beuys. Naegeli sprayte weiter. Darüber hinaus erarbeitete er ein zeichnerisches Werk auf Papier, die sogenannten «Partikelzeichnungen». Dabei stehen die Bewegung und die Reduktion des Konkreten im Vordergrund. Neben klassischeren Arbeiten, bei denen die Natur oft eine Rolle spielt, entstanden grosse, gegenstandslose «Urwolken» als Tuschezeichnungen, an denen der Künstler oft monatelang arbeitet.

In Zusammenarbeit mit dem Wiener Komponisten Karlheinz Essl entwickelte Harald Naegeli zwischen 1991 und 1993 das Performance-Projekt «Partikel-Bewegungen», bei dem er in Galerien und Museen sehr reduzierte Sprayaktionen auf Acrylglasplatten durchführte, die von Musik begleitet wurden.

Im Wintersemester 1998/99 präsentierte die Graphische Sammlung am Kunsthistorischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen erstmals die bis dahin fast unbekannten Radierungen des Künstlers aus den Jahren 1989 bis 1998. Alle seine Radierungen gingen daraufhin als Schenkung Harald Naegelis in den Besitz dieser Graphischen Sammlung über und werden vom Museum der Universität Tübingen MUT verwaltet.

Ein zentraler Teil von Harald Naegelis Spätwerk sind die sogenannten Urwolken, an denen er seit Beginn der 1990er-Jahre arbeitet und die er als sein Lebenswerk bezeichnet. Die filigranen Federzeichnungen im Kontext der Urwolke spielen eine herausragende Rolle im Werk des Künstlers. Diese aus mehreren hundert grossformatigen Blättern bestehenden Zeichnungen entstehen über Jahre und Jahrzehnte hinweg aus Millionen von Punkten, feinen Linien und winzigen Kreisformen. Naegeli versteht sie als «endlose Zeichnung», in der sich Verdichtung und Auflösung, Leichtigkeit und Komplexität begegnen. Jedes Blatt ist zugleich Fragment einer grösseren, nur gedanklich vorstellbaren Urwolke und dokumentiert auf seiner Rückseite akribisch die Arbeitszeit des Künstlers. Inhaltlich ging es Naegeli dabei um seine zeichnerische Utopie des kosmischen Raumes. Die Urwolken verkörpern für ihn ein meditatives Prinzip sowie den Versuch, ein neues Raumbewusstsein jenseits traditioneller Figur und Perspektive zu schaffen.

Vom 6. Juni bis 19. Juli 2002 zeigte die Graphische Sammlung der Universität Tübingen als Beitrag zum Universitäts-Jubiläumsjahr eine Ausstellung mit Zeichnungen.

Harald Naegeli ist Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Er gehörte 2003 zu den 40 Teilnehmern der DKB-Projektausstellung Herbarium der Blicke, die in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt wurde.

Ab Dezember 2018 schuf Naegeli in den beiden Türmen des Zürcher Grossmünsters einen auf vier Jahre geplanten, sichtbaren Totentanz. Er erstellte das entfernbare Werk ohne Honorar. Das Werk konnte allerdings nicht vollendet werden, da die in einem Vertrag vorgesehene Fläche für die Intentionen des Künstlers zu klein war.

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