An diesem Tag

Hans Wollschläger

Deutscher Schriftsteller und Übersetzer

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Hans Wollschläger (* 17. März 1935 in Minden; † 19. Mai 2007 in Bamberg) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Religions- und Literaturkritiker. Wollschläger wurde vor allem durch seine Übersetzung von James Joyce’ Roman Ulysses sowie seine Karl-May-Biografie bekannt. Auch der experimentelle Roman Herzgewächse oder Der Fall Adams sowie seine Arbeiten über Karl Kraus, Gustav Mahler und Arno Schmidt brachten ihm Ansehen und Anerkennung ein.

Hans Wollschläger war das erste von drei Kindern des evangelischen Pastors und späteren Militärdekans Hermann Wollschläger (1908–1987) und seiner Frau Gertrud, geborene Woydt (1903–1989). Er wuchs in Herford auf, wo sein Vater von 1937 bis 1956 eine Pfarrstelle an der Marienkirchengemeinde hatte. Hier besuchte er die Bürgerschule Stiftberg und das humanistische Friedrichs-Gymnasium, an dem er 1955 das Abitur ablegte. Anschließend begann Wollschläger, der seit 1948 Klavier- und seit 1949 Orgelunterricht bei Arno Schönstedt hatte, an der Nordwestdeutschen Musikakademie (heute Hochschule für Musik) in Detmold ein Studium der Kirchenmusik mit Ausbildung in Dirigieren und Komposition, das er 1957 abbrach. Er übersiedelte nach Bamberg und arbeitete als freier Lektor im Karl-May-Verlag. Er wohnte dort zunächst im Verlagsgebäude E.T.A.-Hoffmann-Straße 2, dann 1959 kurz am Heinrichsdamm 10, 1959–1965 Dr.-Haas-Straße 2b, 1965–1975 Hohe-Kreuz-Straße 43, 1975–1998 Jakobsplatz 1 und ab 1998 in Dörflis.

Eine erste Eheschließung um das Jahr 1957 wurde nach ganz kurzer Zeit aus formalen Gründen annulliert. Am 30. August 1962 heiratete Wollschläger Monika Ostrowsky (24. September 1940–11. Mai 2015), die er 1961 als Verlagsangestellte im Karl-May-Verlag kennengelernt hatte. Aus der Ehe, die bis zum Tod Wollschlägers dauerte, ging ein 1973 geborener Sohn hervor.

An der Musikakademie studierte Wollschläger Komposition bei Wolfgang Fortner und Johannes Driesler, Klavier bei Angela Janowski, Cembalo bei Irmgard Lechner und Orgel bei Michael Schneider. Zudem nahm er privat Dirigierunterricht bei Hermann Scherchen. Seit dieser Zeit beschäftigte sich Wollschläger mit Leben und Werk Gustav Mahlers, dessen Fragment gebliebene 10. Sinfonie Wollschläger Ende der 1950er Jahre vervollständigen wollte, was er später als „unstatthaft“ bezeichnete. Nach eigenen Angaben schrieb Wollschläger drei abendfüllende Sinfonien, die aber unveröffentlicht geblieben sind, da er sie rückblickend als „eklektizistisch“ und für „durchweg ohnmächtige Versuche eines Zuspät-Geborenen eingeschätzt hat. […] Technisch gingen diese Versuche darauf hinaus, eine komplexe tonale Struktur hinzukriegen, in der sich keine einzige Note ohne strikte Materialbindung befand“.

Die Begeisterung für Gustav Mahler verband Wollschläger mit Theodor W. Adorno, dem er sich am 21. Oktober 1959 brieflich als neuer Vorsitzender der Deutschen Sektion der „Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft“ (IGMG) vorstellte und dem er 1960 bei der Mahler-Zentenarfeier in Wien erstmals begegnete. Adorno sei, wie Wollschläger erklärte, einer der beiden Großen gewesen, die er als seine „geistigen Väter“ betrachte. In Moments musicaux (2005) schildert Wollschläger seine Wiener Tage mit TWA und legt dar, wie sehr ihn Adornos Sicht auf Mahlers Werke und deren Aufführungsstil beeinflusst habe. Aber auch Differenzen kommen zu Wort, zum Beispiel die unterschiedliche Bewertung und Einordnung von Mahlers 8. Sinfonie.

Seinen zweiten „geistigen Vater“, den Schriftsteller und Übersetzer Arno Schmidt, hatte Wollschläger schon im Herbst 1957 kennengelernt. Schmidt war begeisterter Karl-May-Leser und entschiedener Kritiker des Bamberger Karl-May-Verlages, dessen freier Mitarbeiter Wollschläger zwischen 1957 und 1970 war, weshalb er Zugang zu Karl Mays unveröffentlichten bzw. unbearbeiteten Schriften hatte. Die gemeinsame Vorliebe für Karl May führte Schmidt und Wollschläger zusammen, woraus ein Lehrer-Schüler-Verhältnis entstand, das durch gemeinsame Projekte, etwa die Übersetzung von Edgar Allan Poes Werken, ergänzt wurde. Von großer Bedeutung für Wollschläger war, dass Schmidt ihn in der Arbeit am Debütroman Der Fall Adams bestärkte und dessen singuläre Neuartigkeit lobte: „Darüber kann Niemand hinweg, daß hier gewichtiges, noch nie gesagtes Neues, en masse und with a lavish hand, deponiert wurde!“

Seit 1968 schränkte Schmidt, der sich der Niederschrift seines Magnum opus Zettel’s Traum widmete, den Kontakt zu Wollschläger, den er kontinuierlich zur schriftstellerischen Arbeit ermuntert hatte, deutlich ein. Ende 1968 bedauerte Schmidt in einem Brief, dass Wollschläger trotz eines Verlagsvorschusses nicht mit seinem neuen Romanprojekt vorankomme, und schloss resigniert, dass da niemand helfen könne. Schmidt ließ die Beziehung einschlafen und Wollschlägers Nachfragen, ob ein Besuch in Bargfeld möglich sei, unbeantwortet. Nach mehreren Jahren des Schweigens nahm Wollschläger 1975 brieflich Kontakt mit Schmidts Frau Alice auf. Dennoch blieben Wollschlägers Bitten um einen Besuchstermin in Bargfeld bis zu Arno Schmidts Tod erfolglos.

Wollschlägers literarisches Verhältnis zu Arno Schmidt fasst der Schmidt- und Joyce-Spezialist Friedhelm Rathjen wie folgt zusammen:

Wollschlägers erste eigene Buchveröffentlichung war 1965 eine Rowohlt-Bildmonographie über Karl May, die seither in diversen Verlagen Neuauflagen erlebt hat. Arno Schmidt bezeichnete diese „erste solide Biographie“ Karl Mays als „Vorfrühling der May=Forschung“ und als „Pseudo=Erstling“ wegen der „ununterdrückbaren Fähigkeit des Verfassers zu eleganten Formulierungen“ und der „unverkennbar bereits trainierte[n] Kunst der Materialkomprimierung“. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre wurde als Band 18 von Wagenbachs Taschenbücherei ein „anderes Geschichtsbild“ über die „Kreuzzüge nach arabischen Quellen“ angekündigt. Tatsächlich erschienen dann im Diogenes Verlag Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, die sich mit den Kreuzzügen auseinandersetzen, und Die Gegenwart einer Illusion, die sich unter Berufung auf Sigmund Freuds Die Zukunft einer Illusion kritisch mit den christlichen Kirchen beschäftigt.

Herzgewächse oder Der Fall Adams

1982 erschien das Erste Buch von Wollschlägers experimentellem Roman Herzgewächse oder Der Fall Adams. Die Veröffentlichung des abschließenden Zweiten Buches wurde für 1984 angekündigt, aber 2004 abgesagt.

Die äußere Handlung der Herzgewächse lässt sich knapp referieren: Der Schriftsteller Michael Adams, Jahrgang 1900, geboren in dem Karl May’schen Schicksalsort Aden, kehrt 1950 in seine Heimatstadt Bamberg zurück (nachdem er schon 1948 aus der Emigration nach Frankfurt übersiedelt ist). Er begleitet seine Bamberger Erlebnisse mit Tagebuchnotizen, die sich mit Erinnerungen vermischen, die in frühere Zeiten und seelische Tiefen reichen. In Bamberg wird er von seinem Schüler W besucht. W ist unter anderem eine Fiktion des jungen Hans Wollschläger, der 1982 als fiktiver Herausgeber H.W. die Notizen Adams’ als Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern veröffentlicht. Im Vorwort des Herausgebers H.W. aus dem Jahr 1982 werden Lesehinweise erteilt: unter anderem derjenige, dass die hier erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen Adams’ sich zu dessen bereits publizierten Schriften wie ein „unsichtbare[r] Grundtext“ verhielten. Schließlich wird der Leser auf den zunehmenden Zerfall des „Ichs“ der Aufzeichnungen vorbereitet, indem von den „Selbstzeugnissen eines Lebens, das zuletzt der Obsorge der Psychiatrie überlassen werden mußte“, die Rede ist.

Wollschlägers Interpretationen der Werke seiner Lieblingsautoren erweisen sich als hilfreiche Schlüssel bei dem Versuch, die Inhalte der äußerst facettenreichen Herzgewächse mit ihrer Auffächerung des Ichs in verschiedene Personen, den unterschiedlichen zeitlichen Ebenen und den ins Auge fallenden Unterschieden der Schriftgrößen und -stile zu analysieren.

Im Oktober 2025 wurde posthum die Urfassung von Wollschlägers Roman „Der Fall Adams“ veröffentlicht, die im Unterschied zu der 1982 nur zur Hälfte erschienenen Neubearbeitung ein vom Autor vollständig beendetes, selbstständiges Werk ist. Den Unterschied zwischen der Urfassung „Der Fall Adams“ (1961) und „Herzgewächse“ (1982) hat die Wollschläger-Vertraute Gabriele Gordon, die Wollschlägers Urheberrechte geerbt hat und verwahrt, so zusammengefasst: „Die Erstveröffentlichung der ›Herzgewächse‹ von 1982 beruhte auf einer Fassung, die von der Urversion keinen Stein mehr auf dem anderen ließ.“ „Das 1981/82 komplett überarbeitete Manuskript hat mit dem alten nur noch wenig zu tun, weil die damalige Mahler-Beschäftigung durch die May-Beschäftigung überlagert wurde, die erst nach 1962 intensiver gewordenen Psychoanalyse-Kenntnisse in die Neubearbeitung einflossen und die Galland-Figur, damals als Porträt des Karl-May-Verlag-Verlegers Roland Schmid angelegt, überzeitlich wurde und das leitmotivische Herzgewächse-Gedicht an Bedeutung etwas verlor. Man muss den veröffentlichten Text (nebst der Überarbeitung ›Enuma Elisch‹) als neues, Fragment gebliebenes, Werk betrachten und das vorhandene komplette von 1961 als eigenständige Vorstufe“.

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