Gustav-Adolf Timotheus Hans Bernd Gisevius (* 14. Juli 1904 in Arnsberg; † 23. Februar 1974 in Müllheim) war ein deutscher Politiker, Gestapobeamter und Widerstandskämpfer.
Gisevius stellte sich als ehemaliger Deutschnationaler zunächst dem Nationalsozialismus zur Verfügung, bevor er sich dem Widerstand zuwandte. Bis zu seinem erzwungenen Ausscheiden im Januar 1934 und anschließenden Wechsel in die Polizeiabteilung des Reichsinnenministeriums war er als Gerichts-Assessor im Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapo) tätig. Er gehörte der Widerstandsgruppe um Ludwig Beck, Hans Oster und Helmuth Groscurth an und fungierte als Verbindungsmann zu dem amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) in Bern, der von Allen W. Dulles geleitet wurde. Beim Attentat am 20. Juli 1944 hielt er sich im Bendlerblock auf. Als einer der wenigen Überlebenden des Widerstands vom 20. Juli 1944 veröffentlichte er nach dem Krieg mehrere Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus, deren Quellenwert unterschiedlich eingeschätzt wird.
Hans Bernd Gisevius war der Sohn des Oberverwaltungsgerichtsrats Hans Gisevius (1861–1938) und seiner Frau Hedwig. Er stammte aus einer Beamten- und Bauernfamilie und besuchte humanistische Gymnasien in Arnsberg, Berlin-Lichterfelde und Luckau bis zum Abitur im März 1924. Zu seinen Mitschülern in Lichterfelde gehörte Walter Kempner, der später als Mediziner bekannt wurde.
Von 1924 bis 1928 studierte Gisevius Rechtswissenschaft in Marburg, Berlin und München. Zu seinen Kommilitonen in Berlin gehörten der spätere NS-Ärztefunktionär Leonardo Conti sowie Robert Kempner, der spätere Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, den Gisevius dort als Zeuge wieder treffen sollte. Im Juli 1928 bestand Gisevius beim Oberlandesgericht in Kassel die erste juristische Staatsprüfung und wurde im September 1928 Referendar im Kammergerichtsbezirk in Berlin. Während des Vorbereitungsdienstes wurde er erst im Bezirk des Landesgerichts Berlin II bei der Staatsanwaltschaft II, beim Amtsgericht Berlin-Lichterfelde und beim Landgericht II in Berlin verwendet. Nach einer Strafversetzung (siehe unten) verbrachte er den letzten Teil seines Vorbereitungsdienstes im Landgerichtsbezirk Düsseldorf, wo er bei dem Landgericht Düsseldorf, beim Amtsgericht Düsseldorf und beim Oberlandesgericht Düsseldorf beschäftigt wurde. 1929 wurde Gisevius mit einer von Franz Leonhard betreuten Arbeit über den Verwendungsanspruch des Besitzers in Marburg zum Dr. jur. promoviert (Prüfung vom 18. November 1929, Prädikat: cum laude). Die Große Juristische Staatsprüfung, den Abschluss des Vorbereitungsdienstes, bestand er am 26. Juni 1933.
Politisch stand Gisevius in den 1920er Jahren der jungkonservativen Bewegung nahe: So schloss er sich dem aggressiv antisemitischen Hochschulring Deutscher Art an und stand in Verbindung mit völkisch-nationalistischen Intellektuellen wie Martin Spahn und Edgar Julius Jung.
Ab 1929 gehörte Gisevius der antisemitischen DNVP an, für die er als politischer Redner auftrat. So agitierte er 1929 für das von der DNVP, der NSDAP, dem Stahlhelm sowie weiteren völkisch-revisionistischen Organisationen eingebrachte Volksbegehren gegen den Young-Plan. Wegen der Art seines politischen Auftretens wurden von den Aufsichtsbehörden, denen er als Referendar unterstand, wiederholt Disziplinarmaßnahmen gegen ihn ergriffen. Zudem wurden mehrere Strafprozesse gegen Gisevius wegen Beleidigung politischer Gegner eingeleitet. Für Aufsehen in der Presse sorgte u. a. ein Verfahren wegen Beleidigung des Landrates Wilhelm Hansmann. Eine Beleidigung des Reichskanzlers Heinrich Brüning führte zu einer gerichtlichen Verurteilung. Im Mai 1930 wurde er schließlich wegen seiner propagandistischen Aktivitäten für das Young-Plan-Volksbegehren von Berlin nach Düsseldorf strafversetzt.
1930 bewarb Gisevius sich um einen Sitz als Abgeordneter im Reichstag und 1932 um einen Sitz im Preußischen Landtag, wurde aber beide Male nicht gewählt.
Ende 1931 wurde Gisevius jüngstes Mitglied im Reichsvorstand der DNVP. Im Zuge des Umbaus der DNVP in eine politische Bewegung mit Führerprinzip unter dem seit 1928 amtierenden Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg wurde der Aufbau sogenannter Kampfstaffeln der Partei betrieben. Gisevius übernahm in diesem Zusammenhang im Herbst 1931 die Organisation einer Arbeitsgemeinschaft junger Deutschnationaler in Düsseldorf, aus der sich der paramilitärische Deutschnationale Kampfring Westen – einer von mehreren sogenannten Kampfringen, die der DNVP in der zu dieser Zeit in immer stärkeren Maße gewaltsamen ausgetragenen politischen Auseinandersetzung physischen Rückhalt geben sollte – entwickelte, dessen Führer er wurde. Auch an den parteiinternen Flügelkämpfen der DNVP war er beteiligt, wobei er zusammen mit Spahn und Eduard Stadtler die Linie einer Annäherung an die NSDAP vertrat, die dann in das kurzlebige Bündnis der Harzburger Front mündete. Im Oktober 1931 nahm Gisevius an einer von Herbert von Bose organisierten Zusammenkunft von jungkonservativen Intellektuellen, die am Rand der Tagung stattfand, teil, die der Erörterung der zukünftigen politischen Ausrichtung der rechtsintellektuellen Kreise diente. Mit den Worten Ulrich Herberts „sympathisierten“ Gisevius und sein Parteifreund Spahn zu diesem Zeitpunkt bereits stark mit der NSDAP.
Nachdem er schon seit 1931 mit der NSDAP sympathisiert hatte, arbeitete Gisevius nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933 direkt mit dieser Partei zusammen. Ob er auch ihr Mitglied wurde, ist bislang insofern ungeklärt, als eine Karteikarte zu ihm in den – unvollständigen – Mitgliederkarteien der Partei (Zentralkartei und Gaukarteien) im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde nicht auffindbar war. Belegt ist allerdings seine Beitrittsentscheidung, denn im Bestand „Parteikorrespondenz der NSDAP“ hat sich sein Aufnahmeantrag erhalten. Er ist vom 11. November 1933, wobei der Vollzug der Aufnahme unsicher ist, da seit Mai 1933 eine Aufnahmesperre verhängt war. Allerdings wurden Ausnahmen von der Sperre gemacht, so auch bei dem von ihm verehrten Martin Spahn, der seinen Aufnahmeantrag im Juni 1933 stellte und wenig später aufgenommen wurde. Die Öffentlichkeit wurde am 11. Juni 1933 durch eine mit der Überschrift Zerfall der Deutschnationalen Front betitelten Meldung des Völkischen Beobachters darüber informiert, Gisevius sowie der DNVP-Reichstagsabgeordnete Martin Spahn seien zur NSDAP übergetreten. Zur Erklärung gab er an, es sei „kein Platz mehr für jene parlamentarische, taktische Betrachtungsweise“, der „Parteienstaat“ sei „tot“.
Nach seinem Jurastudium ging Gisevius im August 1933 zur Politischen Polizei beim Berliner Polizeipräsidium. Nach Versetzung ins Reichsinnenministerium wurde er im Januar 1934 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der von Kurt Daluege geleiteten Polizeiabteilung beschäftigt. In dieser Stellung war er 1933/34 unter Rudolf Diels am Ausbau der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) beteiligt. Am 16. Mai 1934 wurde er offiziell als Gerichtsassessor aus dem Justizdienst in die allgemeine Verwaltung übernommen und zum Regierungsassessor ernannt. Durch Bestallung vom 31. Oktober 1934 wurde er zum Regierungsrat ernannt.
Diels erklärte nach 1945, dass Gisevius 1933 den Ehrgeiz gehabt habe, selbst zum Leiter der politischen Polizei aufzusteigen, was aber Diels selbst verhindert habe. Gisevius’ Versetzung in das Innenministerium im Januar 1934 – nach fünf Monaten bei der Polizei – erfolgte auf Betreiben Diels’. Robert Kempner, der beide vor 1933 als junge Männer im Verwaltungsdienst gekannt hatte und sie bei den Nürnberger Prozessen wiedertraf, beschrieb sie als „intime Feinde“ von Anfang ihrer Beziehung an und erklärte, sie hätten sich „abgöttisch“ gehasst. Manifesten Niederschlag fand dies in ihren nach dem Krieg veröffentlichten Memoiren.
Weil er einen weiteren Ausbau der Gestapo ablehnte – und wegen seiner Aktivitäten hiergegen – schied Gisevius im Juni 1935 aus dem Innenministerium aus. Als Regierungs- und Kriminalrat wurde er in das preußische Landeskriminalamt versetzt, zu dessen Leiter Arthur Nebe (mit dem er bereits seit 1933 in Beziehung stand) er eine enge Freundschaft entwickelte.