Hans-Werner Sinn (* 7. März 1948 in Brake bei Bielefeld) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er ist emeritierter Hochschullehrer an der Ludwig-Maximilians-Universität München und war von 1999 bis 2016 Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. In seinem wissenschaftlichen Werk widmet er sich u. a. der Theorie der Entscheidungen bei Ungewissheit, der Lehre der Neoklassik, der deutschen Wiedervereinigung, dem zwischenstaatlichen Systemwettbewerb, dem Euro, dem Klimawandel sowie den wirtschaftspolitischen Entscheidungen in einer Vielzahl von Beiträgen.
Hans-Werner Sinn wurde als Sohn des Taxiunternehmers Karl-Heinz Sinn und dessen Frau Käte, geb. Maske, in Brake bei Bielefeld geboren. Karl-Heinz Sinn stammte aus Brake, er war Mitglied der SPD. Sinns Mutter stammte aus Kolberg in Pommern. Ein Großvater Sinns war als Sozialdemokrat von den Nationalsozialisten verfolgt worden und starb in einem Konzentrationslager. Als Kind war Sinn Mitglied bei den Falken, außerdem einige Jahre bis ca. 1970 Mitglied der SPD.
Nach dem Abitur am Bielefelder Helmholtz-Gymnasium im Jahr 1967 studierte Sinn von 1967 bis 1972 Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und wechselte an die Universität Mannheim, an der er 1977 bei Hans Heinrich Nachtkamp mit einer Arbeit über Ökonomische Entscheidungen bei Ungewißheit promoviert wurde (Zweitgutachter war Heinz König). 1984 habilitierte sich Sinn ebenfalls in Mannheim mit der Studie Kapitaleinkommensbesteuerung. Eine Analyse der intertemporalen, internationalen und intersektoralen Allokationswirkungen.
Von Juli 1984 bis Februar 1994 war Sinn Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Versicherungswissenschaft, an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Danach wechselte er auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft, auf dem er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2016 das finanzwissenschaftliche Curriculum unterrichtete. Zu seinen ehemaligen Doktoranden gehören u. a. die Ökonomen Kai A. Konrad und Marcel Thum.
Er war zweimal je ein Jahr als Gastprofessor an der University of Western Ontario in Kanada, als Gastprofessor an der London School of Economics sowie an den Universitäten Bergen, Stanford, Princeton, Oslo und Jerusalem tätig. Er hielt als bislang einziger Deutscher die Yrjö Jahnsson Lectures in Helsinki und die Tinbergen Lectures in Amsterdam. Seit 1988 ist Sinn zudem Honorarprofessor an der Universität Wien.
Von 1997 bis 2000 war er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, des Fachverbandes der deutschsprachigen Ökonomen, den er grundlegend reformierte. Sinn setzte sich in besonderer Weise für die Internationalisierung der Volkswirtschaftslehre der deutschsprachigen Länder ein. Er gründete in seiner Amtszeit zwei Zeitschriften – die German Economic Review und die Perspektiven der Wirtschaftspolitik –, schuf den Gossen-Preis für international publizierende junge Ökonomen und richtete ein umfangreiches Prämienprogramm für Vorträge junger deutschsprachiger Wissenschaftler auf internationalen Fachkonferenzen ein. Zwischen 2006 und 2009 war Sinn Präsident des International Institute of Public Finance, des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler. Außerdem ist er seit 1998 Fellow des National Bureau of Economic Research in Cambridge (USA).
Sinn gründete im Jahr 1991 das Center for Economic Studies der Ludwig-Maximilians-Universität, dessen Aufgabe im Wesentlichen darin bestand, internationale Gastwissenschaftler an die volkswirtschaftliche Fakultät zu holen. Auf der Basis des CES gründete er das erste für alle Doktoranden der Fakultät verpflichtende Graduiertenprogramm für Volkswirte in Deutschland. Im Jahr 1999 schuf er zusammen mit dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung, dessen Präsidentschaft er im gleichen Jahr übernahm, im Rahmen der CESifo GmbH das internationale CESifo-Forschernetzwerk.
Ab Februar 1999 war Sinn Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Das Institut erhielt während seiner Amtszeit eine dezentrale Struktur mit acht Bereichsleitern, die bei reduziertem Deputat als Professoren zugleich der volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU zugeordnet sind. Unter seiner Leitung wurde das Institut im Januar 2010 von einer Serviceeinrichtung (Einrichtung, die überwiegend wissenschaftliche Infrastrukturaufgaben wahrnimmt) zu einer Forschungseinrichtung rückumgewandelt, deren Forschungsleistungen bei der im Jahr 2012 eingeleiteten Regelevaluierung des ifo Instituts durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft als „sehr gut, in Teilen sogar exzellent“ bezeichnet wurden. Die Leibniz-Gemeinschaft hob hervor, dass es Hans-Werner Sinn immer wieder gelungen sei, wichtige öffentliche Debatten zu den verschiedenartigsten Themen anzustoßen. Die Amtszeit von Hans-Werner Sinn als ifo-Präsident endete im März 2016, als er 68 Jahre alt wurde und in den Ruhestand trat. Seit 2017 ist er „ständiger Gastprofessor“ an der Universität Luzern.
Hans-Werner Sinn war von 2000 bis 2010 Aufsichtsratsmitglied der HypoVereinsbank.
2016 war er Teilnehmer an der Bilderberg-Konferenz in Dresden.
Er lebt in Gauting bei München und hat drei erwachsene Kinder. Sinn war von 1971 bis zu ihrem Tod im Jahr 2023 mit der Ökonomin und Dozentin Gerlinde Sinn verheiratet, die er während seines Studiums kennengelernt hatte.
Sinn beschäftigte sich in seinen ersten wissenschaftlichen Jahren vor allem mit der ökonomischen Risikotheorie. Schwerpunkte dieser Arbeiten lagen bei der Symbiose von Erwartungsnutzentheorie und der axiomatischen Fundierung der Mittelwert-Varianz-Analyse, besonders der Fundierung des Prinzips des unzureichenden Grundes, bei der psychologischen Fundierung von Risikopräferenzfunktionen und vor allem der Analyse von Risikoentscheidungen mit Haftungsbeschränkungen. Nach dem Urteil von Martin Hellwig nahm Sinn damit die bislang als Basiswerk geltende Arbeit von Stiglitz und Weiss aus dem Jahr 1981 vorweg.
Einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit bildeten Probleme des längerfristigen wirtschaftlichen Wachstums. Vor Abel, Blanchard und Chamley formulierte Sinn das ökonomische Zentralplanungsmodell des wirtschaftlichen Wachstums in der Tradition von Robert Solow als intertemporales allgemeines Gleichgewichtsmodell mit dezentral optimierenden Akteuren und Markträumungsbedingungen.
1987 erschien Sinns Habilitationsschrift zu den Anreizwirkungen beschleunigter Abschreibungen und der verschiedenen Komponenten der Kapitaleinkommensbesteuerung auf die intertemporale, internationale und intersektorale Ressourcenallokation.
1991 veröffentlichte Hans-Werner Sinn zusammen mit seiner Frau Gerlinde Sinn das Buch Kaltstart, das eine Analyse der Fehler der Vereinigungspolitik bietet. Die Autoren kritisieren die „Verschleuderungspolitik“ der Treuhandanstalt zu Lasten der ostdeutschen Bevölkerung und die unter dem Einfluss westlicher Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften betriebene, der Marktentwicklung vorgreifende Politik der schnellen Lohnangleichung, die zum eigenen Schutz als Investitionsbremse zur Abwehr ausländischer Direktinvestitionen geplant gewesen sei. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Sinn sieht die grundsätzliche Begründung des Sozialstaats in seiner Funktion als Versicherungsinstitution. Die staatliche Umverteilung versichere die Staatsbürger vor Gefahren des Lebens, die von privaten Versicherungen nicht versichert werden, und indem sie das tut, erhöht sie die Wagnisbereitschaft der Menschen, was produktive wirtschaftliche Wirkungen entfaltet.
Sinns 2003 erschienenes Buch Ist Deutschland noch zu retten? löste eine Debatte zum Reformstau in Deutschland aus und kann nach Auffassung des damaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrates als Ideengeber für die Agenda 2010 betrachtet werden. Im Zentrum des Buches steht der Vorschlag, die sogenannte aktivierende Sozialhilfe einzurichten. Diese bedient sich persönlicher Lohnzuschüsse für Geringqualifizierte, um sicherzustellen, dass niemand mehr von dem allein leben muss, was er sich selbst erarbeiten kann, und dass in der Summe aus diesen Zuschüssen und dem markträumenden Lohn ein aus sozialer Sicht akzeptables Gesamteinkommen oberhalb des soziokulturellen Existenzminimums entsteht. Mit über 100 000 gedruckten Exemplaren gehört das Buch zu den erfolgreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Monographien der Gegenwart. Die englische Übersetzung wurde im Journal of Economic Literature durch einen Übersichtsartikel gewürdigt, da es ein „wichtiger Beitrag zur Frage (sei), wie der Sozialstaat reformiert werden sollte, um die Vorteile der Globalisierung nutzbar zu machen und den Armen zu helfen.“