Hans-Ulrich Wehler (* 11. September 1931 in Freudenberg; † 5. Juli 2014 in Bielefeld) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer, 1970 bis 1971 als ordentlicher Professor an der TU Berlin, ab 1971 als Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Er war maßgeblich daran beteiligt, die deutsche Geschichtswissenschaft an der Sozialgeschichte und Modernisierungstheorie auszurichten. Seine fünfbändige Deutsche Gesellschaftsgeschichte zählt zu den Standardwerken der deutschen Geschichtsschreibung für die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1990 und er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Historiker seiner Zeit.
Hans-Ulrich Wehler wurde als ältestes von vier Kindern des Kaufmanns Theodor Wehler und dessen Ehefrau Elisabeth Wehler, geborene Siebel, in Freudenberg (Kreis Siegen) geboren. Beide Eltern entstammten calvinistischen Hugenottenfamilien mit holländischen Wurzeln. 1933 zogen die Eltern nach Gummersbach, wo Wehler seit 1938 die Städtische Volksschule und ab 1942 das Gymnasium Moltkestraße besuchte, an dem er – verzögert durch die Kriegseinwirkungen – im März 1952 das Abitur ablegte. Zeitlebens war er mit dem zwei Jahre älteren Jürgen Habermas bekannt, mit dem er in der Hitlerjugend zusammentraf und dasselbe Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur studierte Wehler ab dem Sommersemester 1952 Geschichte, Soziologie, Ökonomie und Amerikanistik an der Universität zu Köln. Von 1952 bis 1953 studierte er als Austauschstudent mit einem Fulbright-Stipendium an der Ohio University in Athens/Ohio (USA) und im Wintersemester 1953/54 an der Universität Bonn, ehe er im Sommer 1954 nach Köln zurückkehrte und bis 1958 weiterstudierte. Dort wurde er im Juli 1960 bei Theodor Schieder mit der Arbeit Sozialdemokratie und Nationalstaat (1840–1914) promoviert und war anschließend Schieders Assistent am Historischen Seminar in Köln, wo er später von Erich Angermann (1927–1992) in die anglo-amerikanische Abteilung des Historischen Seminars übernommen wurde.
Im Jahr 1958 heirateten der evangelische Hans-Ulrich Wehler und Renate Pflitsch. Der Ehe entstammen drei Söhne. Der Unternehmensberater Gerhard Kienbaum war ein Vetter Wehlers. (Markus, Fabian und Dominik).
Seine erste Habilitationsschrift Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865–1900 aus dem Jahr 1964 wurde von der Fakultät der Universität Köln als „nicht hinreichende historische Leistung“ abgelehnt. Auch seine zweite Arbeit Bismarck und der Imperialismus (1967) stieß in der Habilitationskommission auf starken Widerstand. Nach einem Kolloquium über Clausewitz und die Entwicklung vom absoluten zum totalen Krieg wurde die Habilitation schließlich 1968 in einer knappen Abstimmung der Fakultät angenommen. Der ganze Fall ist anhand der Quellen und Gutachten detailliert rekonstruiert worden. Bis 1970 blieb Wehler als Privatdozent in Köln, bevor er 1970 Professor für amerikanische Geschichte an der Freien Universität Berlin wurde. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Er lehrte außerdem als Gastprofessor in Harvard, Princeton, Stanford, Yale und Bern. Zu Wehlers akademischen Schülern gehören u. a. Hanna Schissler, Rudolf Boch, Hans-Walter Schmuhl, Manfred Hettling, Frank-Michael Kuhlemann, Paul Nolte, Christina von Hodenberg, Olaf Blaschke, Svenja Goltermann, Till van Rahden, Stefan-Ludwig Hoffmann, Sven Oliver Müller, Christian Geulen und Cornelius Torp.
Werk und wissenschaftliches Wirken
An der Reformuniversität Bielefeld gehörte Wehler zu den Begründern der so genannten Bielefelder Schule, die sich als Vertreterin der Historischen Sozialwissenschaft mit ihrem universellen methodischen Anspruch für die Geschichtswissenschaft verstand. Ziel war es, die bislang hauptsächlich ereignisgeschichtliche Historiographie gegenüber den Sozialwissenschaften (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften), aber auch der Psychoanalyse zu öffnen. Als Publikations- und Diskussionsorgan wurde 1975 die Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft von Wehler wesentlich mitgegründet. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seiner Emeritierung blieb er die prägende Kraft der Zeitschrift.
In den ersten Bielefelder Jahren war Wehler stark theorie- und strukturgeschichtlich orientiert. Damit einher ging sein Postulat, die Politikgeschichte müsse sich als Teildisziplin der neuen Historischen Sozialwissenschaft verstehen und in Richtung der von ihr aufgeworfenen Fragestellungen öffnen; diese Ablehnung der klassischen Politikgeschichte führte zu Kontroversen mit Historikern wie Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand. Auch Thomas Nipperdey gehörte zu Wehlers schärfsten Kritikern. Strukturen und Prozesse erschienen bei Wehler wichtiger als die Entscheidungen von Personen. Dieser Ansatz war in weiten Teilen der Geschichtswissenschaft stark umstritten. In den 1980er Jahren setzte sich diese Perspektive auf die Historie als Paradigma durch, woraufhin jüngere Historiker, etwa aus dem Umfeld der Alltagsgeschichte und neuen Kulturgeschichte, Wehler und seine Schule als „Bielefelder Orthodoxie“ anzugreifen begannen. In theoretischer Hinsicht stützte sich Wehler in erster Linie auf die Arbeiten von Max Weber. Dabei übernahm er nicht dessen Ergebnisse, sondern in erster Linie die Art der Fragestellung und Grundkonzepte. So ging auch Wehler davon aus, dass sich die Moderne auf einen Prozess der Rationalisierung, Bürokratisierung und Individualisierung gründe, den es in der Geschichte zu lokalisieren gelte.
Das Konzept fand Niederschlag in zahlreichen kleineren und größeren Arbeiten. In der Fachwelt hat das Buch Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von 1973 für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt. In diesem setzte Wehler seinen strukturgeschichtlichen Ansatz erstmals konsequent um. Neben der Hervorhebung sozioökonomischer Prozesse spielte dabei die Sonderwegsthese eine erhebliche Rolle. Obwohl sie mittlerweile in wichtigen Details als widerlegt gilt, hat sie einen internationalen Forschungsboom zum Deutschen Kaiserreich ausgelöst und das Geschichtsbewusstsein in Deutschland nachhaltig geprägt.
Nach zahlreichen Arbeiten etwa zum amerikanischen Imperialismus, aber auch zu theoretischen Fragen erschien 1987 der erste Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte. Dieses Projekt, wiederum anknüpfend an Max Weber, untersucht die deutsche Geschichte seit etwa 1700. Mit Erscheinen des fünften Bandes im Jahr 2008, der den Zeitraum von 1949 bis 1990 behandelt, hat Wehler die Reihe zum Abschluss bringen können. Die Bände versuchen, eine Art histoire totale zu liefern und folgen dabei einem einheitlichen Schema. Nach einem Überblick über Demographie und Bevölkerungsentwicklung folgt die Analyse von Wirtschaft, den Strukturen der sozialen Ungleichheit, den Strukturen und Entwicklungen der politischen Herrschaft und der Kultur. Dieses opus magnum gilt mittlerweile als Standardwerk; einige Aspekte stießen aber auch auf heftige Kritik. Dies gilt etwa für Wehlers Versuch, den Erfolg des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers mit Hilfe des an Max Weber angelehnten Charismakonzepts zu erklären. Konrad Jarausch kritisierte die fehlende Durchdringung der Geschichte der DDR, die Wehler mit Max Webers Herrschaftstypus des „Sultanismus“ zu fassen versuchte; für Jarausch „ein begrifflicher Ausdruck von Hilflosigkeit gegenüber dem Phänomen DDR“. Auch Michael Stolleis kritisierte anhand dieses Begriffs „die geradezu schreiende Beschimpfung der DDR“ bei Wehler.
Beiträge zu öffentlichen Debatten
Neben seinen fachwissenschaftlichen Arbeiten beteiligte sich Wehler auch immer wieder an historisch-politischen Debatten in der breiten Öffentlichkeit. Dazu zählte im Jahr 1986 sein Eingreifen in den Historikerstreit, der sich an den Thesen Ernst Noltes entzündet hatte. Wehler war neben Jürgen Habermas einer der führenden Kritiker der von Nolte und seinen Unterstützern vertretenen Thesen. Im Jahr 1989 heizte Wehler den Streit noch einmal an. Auch 1996 bezog er in der Debatte über die Thesen von Daniel Goldhagen Position und kritisierte dessen Haltung zum deutschen Antisemitismus.