Hans-Jürg Fehr (* 7. August 1948 in Rheinklingen, Kanton Thurgau; heimatberechtigt in Wagenhausen) ist ein Schweizer Politiker (SP). Er war von 1999 bis 2013 Nationalrat, von 2004 bis 2008 war er Präsident der SP Schweiz.
Tätigkeiten als Parlamentarier
Als Fehr bei den Wahlen 1999 in den Nationalrat gewählt wurde, konnte er bereits auf eine lange politische Karriere zurückblicken. Von 1983 bis 1984 war Fehr Mitglied des Stadtparlamentes von Schaffhausen, ebenfalls 1983 wurde er in den Grossen Rat (heute Kantonsrat) des Kantons Schaffhausen gewählt. 2009 trat er als Kantonsrat zurück. Fehr war Mitglied der nationalrätlichen Kommissionen "für öffentliche Bauten" (KöB), für "Wirtschaft und Abgaben" (WAK) und der Aussenpolitischen Kommission (APK). Am 24. Mai 2013 gab Fehr seinen Rücktritt aus dem Nationalrat auf Ende der Sommersession 2014 bekannt. Er wolle damit die Chancen für den Erhalt des Schaffhauser SP-Sitzes im Nationalrat für die nächsten Wahlen von 2015 verbessern. Nachfolgerin wurde im September 2013 SP-Kantonsrätin und Präsidentin der Kantonalpartei Martina Munz.
Im Schaffhauser Kantonsrat setzte er vor allem drei Ausrufezeichen: Er leitete die Totalrevision der Kantonsverfassung ein, er initiierte die kantonale Wirtschaftsförderung und er sorgte dafür, dass die Schaffhauser Behörden verpflichtet sind, sich gegen ein Endlager für atomare Abfälle auf Kantonsgebiet und in den benachbarten Regionen zur Wehr zu setzen.
Im Nationalrat gehen zwei konkrete Beschlüsse auf sein Konto: 1. Der Bau einer Doppelspurinsel zwischen Neuhausen am Rheinfall (SH) und Rafz (ZH) als Voraussetzung für die Einführung des Halbstunden-Taktes der SBB zwischen Zürich und Schaffhausen. 2. Die Platzierung des Schwerverkehr-Kontrollzentrums des Bundes im Güterbahnhof Schaffhausen. Sein Einsatz für die Elektrifizierung der Hochrheinbahn zwischen Basel und Schaffhausen und deren Integration ins SBB-Netz und - Abosystem war während der Amtszeit nicht von Erfolg gekrönt. Das Projekt wird aber bis 2028 realisiert.
Fehr trat 1977 der SP bei. Vier Jahre später übernahm er für neun Jahre das Präsidium der SP-Sektion der Stadt Schaffhausen. Er führte sie von einem Tiefpunkt nach den Wahlen von 1980 zu neuen Erfolgen, und es gelang ihm, die drohende Spaltung zwischen der älteren "Bringolf"-Generation und der jungen Linken zu verhindern.
Ein Jahr nach seiner Wahl in den Nationalrat, im Oktober 2000, wurde er von den Delegierten der SP Schweiz zum Vizepräsidenten der SP gewählt. Am 6. März 2004 wurde er als Nachfolger von Christiane Brunner zum Präsidenten der SP Schweiz gewählt. Fehr schaffte es, innert kurzer Zeit, die letzten verblieben, parteiinternen Konflikte aus der Ära Ursula Koch weiter zu beruhigen, und die Partei in der Öffentlichkeit wieder geeint erscheinen zu lassen. Der parteiinterne Erfolg stand jedoch in einem starken Kontrast zur sinkenden Wählerstärke seiner Partei.
Am 26. Oktober 2007 hat Fehr seinen Rücktritt zum März 2008 angekündigt. Er zog damit die Konsequenzen aus der schweren Niederlage der SP bei den Schweizer Parlamentswahlen 2007. Am 1. März 2008 wurde an einem ausserordentlichen Parteitag in Basel Christian Levrat zu seinem Nachfolger gewählt.
Nach dem Rücktritt bekam Fehr von der Parteileitung den Auftrag, ein neues Parteiprogramm zu erarbeiten. Es wurde nach intensiven Diskussionen in der Mitgliedschaft und in den Gremien am Parteitag vom Oktober 2010 in teilweise abgeänderter Fassung verabschiedet.
In der 46. Legislaturperiode (1999–2003) lag Fehr praktisch auf der Linie seiner Partei. Er positionierte sich klar für eine aussenpolitische Öffnung der Schweiz, für den Ausbau der sozialen Wohlfahrt, für eine gesellschaftliche Liberalisierung sowie für den Schutz der Umwelt. Befürwortend, aber doch kritischer als die mittlere Position seiner Fraktion positioniert sich Fehr in Bezug auf wirtschaftliche Liberalisierungen. Klar ablehnend steht Fehr einer restriktiven Ausländerpolitik und Steuersenkungen gegenüber.
Hans-Jürg Fehr ist Historiker und hat als Mittelschullehrer, Redaktor und Verlagsleiter gearbeitet. Er ist verheiratet mit der Historikerin und Berufsschullehrerin Susi Fehr-Baerlocher (* 1949). Sie wohnen in Schaffhausen. Fehr präsidierte von 2008 bis 2018 die NGO Schweizerisches Arbeiterhilfswerk bzw. Solidar Suisse, von 2013 bis 2024 die Stiftung Lindli-Huus, Wohnheim für Menschen mit Körperbehinderung, in Schaffhausen. Er war zwischen 1996 und 2026 Verwaltungsratspräsident der AZ Verlags AG, welche die Wochenzeitung Schaffhauser AZ und lokalgeschichtliche Bücher herausgibt. Fehr lancierte 2006 die Partnerschaft des Kantons Schaffhausen mit der brasilianischen Stadt Joinville, in Erinnerung an die massgebende Rolle der Schaffhauser Armutsflüchtlinge bei der Gründung dieser brasilianischen Stadt Mitte des 19. Jahrhunderts. Seit 2014 ist Fehr Mitglied des Vorstandes der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik (SGA). Seit der Pensionierung widmet er sich der Erforschung der Geschichte seines Geburts- und Heimatortes Rheinklingen (TG), die er regelmässig in seinen "Beiträgen zur Geschichte von Rheinklingen" im Verlag am Platz publiziert.
Der lange Streit um die Fischer-Freiheit. Der Konflikt von Rheinklingen und Wagenhausen mit dem Kanton Schaffhausen 1880 bis 1940. Beiträge zur Geschichte von Rheinklingen, Band 1, Verlag am Platz, Schaffhausen 2020. ISBN 978-3-908609-12-4
Bauern gegen Schiffschlepper. Die Güterschifffahrt zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein in motorlosen Zeiten. Beiträge zur Geschichte von Rheinklingen, Band 2, Verlag am Platz, Schaffhausen 2021. ISBN 978-3-908609-13-1
Der tiefe Fall der Dorfkönige. Rheinklingens verschwiegener Finanzskandal. Beiträge zur Geschichte von Rheinklingen, Band 3, Verlag am Platz, Schaffhausen 2022. ISBN 978-3-908609-15-5
Das Dorf unter der Erde. Archäologische Forschungen und Erkenntnisse zu Rheinklingens Vorgeschichte. Beiträge zur Geschichte von Rheinklingen, Band 4, Verlag am Platz, Schaffhausen 2024. ISBN 978-3-908609-18-6
Website von Hans-Jürg Fehr (Archiv)
Hans-Jürg Fehr auf der Website der Bundesversammlung
Politprofil von Hans-Jürg Fehr (Abstimmungsverhalten im Nationalrat, 46. Legislatur, 1999–2003) (Memento vom 21. Juli 2012 im Webarchiv archive.today)