Halide Edib Adıvar (osmanisch خالده ادیب İA Ḫālide Edīb, auch türkisch Halide Onbaşı; * 1884 in Istanbul; † 9. Januar 1964 ebenda) war eine türkische Dichterin, Revolutionärin, Offizierin, Professorin, Parlamentarierin und eine der bedeutendsten türkischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Als Halide Onbaşı (Korporal Halide) ist sie zudem die Symbolfigur für alle Frauen, die am Türkischen Befreiungskrieg beteiligt waren.
Halide Edib stammte aus einer angesehenen Istanbuler Familie aus Beşiktaş, die zum Umfeld des Hofes des Sultans gehörte. Ihr Vater Edib Bey war Erster Sekretär der kaiserlichen Privatschatulle. Edibs früh gestorbene Mutter war Tochter des Ali Ağa, der seinerzeit Chef der Kaffeemacher (Ḳahveci Başı / قهوه جی باشی) im Palast von Prinz Reşad war. Erzogen wurde sie vorwiegend von ihrer Großmutter und ihrer Halbschwester Mahmure. Die Dienstmädchen führten sie in die traditionelle Lebensweise einer muslimischen und türkischen Frau ein und vermittelten ihr Heldengeschichten der Volksliteratur. Von einem Imam lernte sie Lesen und Schreiben und das Rezitieren des Koran. Ihr Vater schickte sie mit 11 Jahren für ein Jahr an das American College for Girls, wo sie Englisch lernte und sich zum Entsetzen der Familie in die Bibel einarbeitete. Danach bekam sie Privatunterricht bei einer englischen Hauslehrerin und mehreren bedeutenden türkischen Gelehrten, u. a. dem Philosophen Rıza Tevfik Bölükbaşı. 1899 ging sie erneut auf das American College for Girls und war die einzige türkische Schülerin in der Klasse. Ab 1900 bekam sie nebenher Unterricht bei dem bekannten türkischen Mathematiker Salih Zeki. Sie schloss ihr Studium 1901 ab und heiratete im selben Jahr Salih Zeki. Aus dieser Ehe gingen ihre zwei Söhne hervor. In den Jahren 1901 bis 1908 setzte sie sich intensiv mit den Schriften William Shakespeares, Émile Zolas und osmanischer Chronisten auseinander. Gleichzeitig begann sie als eine der ersten türkischen Frauen eine berufliche Karriere; sie wurde Lehrerin. Zunächst war sie in der Lehrerausbildung tätig. Während der Revolution von 1908 redete sie als eine der ersten türkischen Muslimas auf öffentlichen Kundgebungen, damals eine Provokation für konservative Muslime.
Nach der Konstitutionellen Revolution
Nach der Konstitutionellen Revolution 1908 wurde sie „über Nacht“ zur Schriftstellerin, die sofortige Bildungs- und Sozialreformen anmahnte. Ihre Artikel erschienen in der Ṭanın / طانين, dem Medium der İttihat ve Terakki. Nach der erfolglosen Gegenrevolution 1909 (Vorfall vom 31. März) verließ sie aus Angst um ihr Leben die Hauptstadt, ging erst nach Ägypten, dann nach Großbritannien. In ihren Memoiren schildert sie, dass sie ihr Besuch des britischen Parlaments und auch die Rede des irischen Nationalisten John Dillon sehr beeindruckt hat und Dillons Rede einer der emotionalen Momente war, der sie von der politischen Ideologie des Nationalismus überzeugte.
Im Oktober 1909 kehrte sie in die Türkei zurück und schrieb ihre erste Novelle Seviyye ṭālib / سوييه طالب. In der Novelle beschrieb sie aus ihrer Sicht die Konstitutionelle Revolution, die Modernisierung der Frauen und die Gegenrevolution von 1909. Sie wurde Mitarbeiterin des Lehrerinnen-Ausbildungscollege und reformierte zusammen mit Nakiye Hanım dessen Ausbildungsplan und Verwaltung.
1910 ließ Halide Edib Hanım sich von Salih Zeki scheiden. Sie verließ sofort die Wohnung, nachdem er ihr mitteilte, eine zweite Frau geheiratet zu haben. Bald darauf war sie fasziniert von einer neuen Bewegung im Osmanischen Reich, dem Türkismus (Türkçülük / تركچلك), und schrieb ihre bedeutende Novelle Yeñi Tūrān / يكى توران. Ab 1911 war sie im nationalistischen Verein Türk Ocağı aktiv, wo sie mit zahlreichen Protagonisten der Konstitutionellen Revolution, u. a. dem Schriftsteller und Soziologen Ziya Gökalp, zusammenarbeitete. Der Roman wurde von Ernst Jäckh unter dem Titel „Das Neue Turan – ein türkisches Frauenschicksal“ in der „Deutschen Orientbücherei“ 1916 veröffentlicht. Halide Edib war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg der Prototyp der emanzipierten „neuen türkischen Frau“. Schrader bezeichnete sie in der SPD-Theoriezeitschrift Die Neue Zeit als „die bewährte Führerin der türkischen Frauenwelt“.
Ab 1913 wurde Halide Edib Generalinspektorin für die Schulen der Evkaf (fromme Stiftungen). Dadurch hatte sie die Gelegenheit, die umliegenden, armen Bezirke von Istanbul und ihre Menschen kennenzulernen. In ihren späteren Novellen und Romanen verwertete sie ihre Eindrücke. In der Folge beteiligte sie sich zusammen mit Nakiye Hanım an den Aktivitäten des Frauenclubs (Teʿālī-yi Nisvān Cemʿiyyeti / تعالي نسوان جمعيتى) zur Sozialen Fürsorge und Krankenpflege.
Halide Edib kritisierte die türkischen Machthaber, mit denen sie privaten Umgang pflegte, offen für die „Deportation“ der Armenier, wie sie den Völkermord nannte. Im Rahmen der Massaker und Deportationen wurden auf staatlichem Befehl laut privaten Aufzeichnungen von Talat Pascha mehr als 12.000 armenische Kinder und Waisen entweder in muslimischen Familien oder in Waisenhäusern zwangstürkisiert. Halide Edib lehnte Zwangsislamisierung und -türkisierung armenischer Kinder ab, ließ sich aber trotz der Bedenken überreden, die Leitung eines Waisenhauses im heute libanesischen Ayntura zu übernehmen. Sie machte im Herbst 1916 im Auftrag von Cemal Pascha, dem Heerführer in Syrien, Besichtigungsrundgänge durch alle wichtigen Bildungsinstitute im syrischen Teil des Osmanischen Reichs. Sie kehrte nach Istanbul zurück und übergab ihre Inspektionsberichte. Danach kehrte sie nach Syrien zurück, verwaltete Schulen und reformierte das große Waisenhaus in Ayntura. Sie leitete das Haus von Sommer 1916 bis 1917. Dabei ging es ihr nach eigener Aussage darum, das Leid der Kinder zu lindern, das sie in Briefen eindringlich beschrieb. In dem Waisenhaus wurden ca. 1.000 armenische und auch einige kurdische Kinder zwangstürkisiert.
Am 23. April 1917 heiratete Halide Edib Adnan Adıvar, einen Wissenschaftler und führendes Mitglied der İttihat ve Terakki. Nach Beendigung ihrer Bildungstätigkeit kehrte sie im März 1918 nach Istanbul zurück. Im Herbst 1918 endete der Erste Weltkrieg für die Türkei mit dem Waffenstillstand von Mudros. Führende Mitglieder der İttihat ve Terakki, die den Krieg für das Land verloren hatte, flohen ins Ausland, um sich den Unionistenprozessen und den gegen sie verhängten Todesurteilen für ihre Verantwortung am Völkermord an den Armeniern zu entziehen. Das Parlament wurde aufgelöst, italienische Truppen belagerten Antalya, griechische Truppen besetzten am 15. Mai 1919 Izmir, womit der Griechisch-Türkische Krieg begann. Widerstands- und Guerillakriege begannen in Anatolien. Halide Edib hielt bei der großen Demonstration am 23. Mai 1919 gegen die Belagerung Anatoliens im Sultanahmetviertel in Istanbul eine bewegende Rede. An der Stelle erinnert heute eine Büste an sie.
In der folgenden Woche deportierten die Briten 55 Intellektuelle nach Malta. Mustafa Kemal Pascha hatte mittlerweile die Führung der Widerstandsbewegung in Anatolien übernommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde in der Türkei auch die Meinung vertreten, ein bewaffneter Widerstandskampf sei unnötig, die Siegermächte würden die Türkei möglicherweise nicht aufteilen wollen. Halide Edib vertrat diese Ansicht und unterstützte als Lösungsvorschlag ein US-Mandat über die Türkei. Ihren Lösungsvorschlag präsentierte sie Mustafa Kemal Pascha in einem Brief vom 10. August 1919. Auf Halide Edibs Empfehlung entsandte Charles R. Crane amerikanische Repräsentanten zum Kongress von Sivas (September 1919), um zu berichten, wie Mustafa Kemal Pascha zu einem US-Mandat steht. Der Kongress von Sivas diskutierte diese Frage, wies das Mandat am Ende der Diskussionen aber definitiv ab. Im Winter 1919/1920 war Halide Edib sowohl mit den Nationalisten in Ankara und ihren Unterstützern in Istanbul als auch mit britischen und amerikanischen Funktionären in Kontakt und führte mehrere Gespräche mit beiden Seiten. Ihre Bemühungen beendete sie, als die Briten am 16. März 1920 Istanbul belagerten, das Parlament überfielen und mehrere Festnahmen und Deportationen nach Malta durchführten. Am 18. März 1920 vertagte das kürzlich gewählte Parlament, das das Misak-ı Millî (den Nationalpakt) der Nationalbewegung angenommen hatte, seine Sitzungen.